VonHelmut Hobmaierschließen
„Unzureichende Qualität“: Eine bundesweite Erhebung bescheinigt das dem Klinikum Freising. In der Chefetage herrscht helle Aufregung. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen“, sagen die Verantwortlichen.
Freising – Wie gut schneiden einzelne Krankenhaus-Abteilungen in Deutschland bei der Qualität der Behandlung von Patienten ab? Nach einer bundesweiten Erhebung wurden jetzt Ergebnisse von 1085 Kliniken veröffentlicht. Bei 73 Krankenhäusern wurden „schwerwiegende Mängel“ festgestellt und „unzureichende Qualität“ vermerkt. Darunter: das Klinikum Freising.
Dort herrscht in der Chefetage helle Aufregung – und Unverständnis. Man sei hier völlig zu Unrecht „an den Pranger gestellt worden“, ärgert sich Geschäftsführer Andreas Holzner. Man habe sich nichts vorzuwerfen. Und der betroffene Chefarzt der Gynäkologie, Dr. Dario Vincenti, stellt klar: „Hier wurde nicht geschlampt und nichts falsch gemacht. Niemand ist zu Schaden gekommen“. Im Gegenteil: Die drei Eingriffe, die kritisiert wurden, seien „gut und ohne Komplikationen verlaufen“. Die „pauschale Verurteilung“ sei „zutiefst unfair“.
Studie bescheinigt Klinikum Freising „unzureichende Qualität“
Um was geht es? Die Auswertung umfasste insgesamt elf sogenannte „Qualitätsindikatoren“ in drei Bereichen: Geburtshilfe, Brustkrebs-Operationen sowie gynäkologische Eingriffe. Im zweiten der genannten Gebiete, der „Mammachirurgie“, fiel das Klinikum bei einem der drei Indikatoren durch. Dazu muss man wissen, dass es für jeden Eingriff „Leitlinien“ gibt, Empfehlungen, wie der Operateur am besten vorgeht. Auch bei Brustkrebs-Operationen. Die entsprechende Leitlinie umfasst rund 200 Seiten, „und wird bei uns peinlichst genau befolgt“, wie Holzner betont.
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Konkret geht es nun darum, dass man in Fällen von nicht tastbarem Brustkrebs vor der Operation unter Ultraschall einen Markierungsdraht in den betreffenden Bereich legen muss, um dem Operateur das Erkennen des OP-Areals zu erleichtern. Danach muss per Mammographie oder Ultraschall kontrolliert werden, ob das richtige Gewebe entfernt wurde. Ist der Tumor dagegen tastbar, lassen die Leitlinien dem Arzt bei seinem Eingriff freie Hand. Dr. Vincenti legt trotzdem manchmal einen Markierungsdraht, etwa, wenn der Eingriff aus kosmetischen Gründen ein Stück weit vom Tumor entfernt beginnt. Das gebe dem Arzt mehr Sicherheit – und wird auch nicht beanstandet. Eine Kontroll-Mammographie nach der OP wird bei tastbaren Tumoren am Klinikum Freising aber nicht gemacht. „Darauf verzichten wir aus gutem Grund“, erklärt Dr. Vincenti. Nach dem Entfernen des tastbaren Tumors sei eine weitere Mammographie absolut unnötig. Das belaste nur die Patientin, für die sich die Narkosezeit um 20 Minuten verlängern würde. „Uns wird quasi vorgeworfen, dass wir uns nicht so verhalten haben, als wäre der Tumor nicht tastbar gewesen“, ärgert sich Dr. Vincenti.
Im Rahmen des Klinik-Checks fiel das aber dem Berliner Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) bei drei Operationen des Klinikums trotzdem auf. Dr. Vincenti hatte im „Qualitätssicherungsbogen“ nämlich angegeben, dass er einen Draht gelegt, aber auf die Kontroll-Untersuchung verzichtet habe. Da aber die standardisierte Qualitätsabfrage bei der Verwendung von Draht (oder einer Nadel) automatisch von einem nicht tastbaren Tumor ausgeht, wird gerügt, dass es keine Kontroll-Mammographie gab – die bei tastbaren Tumoren auch nicht vorgeschrieben ist. Trotzdem wurde das beanstandet.
„Wir wurden angeschrieben“, berichtet Geschäftsführer Holzner, „und gaben eine entsprechende Stellungnahme ab“. Daraufhin gab es keine Rückmeldung vom IQTIG mehr. Was dagegen folgte, war die Feststellung „schwerwiegender Mängel“ am Klinikum Freising – und weiterer 73 Krankenhäuser.
Das Ergebnis produzierte bundesweit Schlagzeilen. In der Chefetage des Klinikums Freising herrschte Alarmstimmung. „Gemeinsam mit Chefarzt Dr. Vincenti haben wir dann versucht, zu verstehen, was wir falsch gemacht haben“, sagte Geschäftsführer Holzner dem Tagblatt. „Und es dauerte auch eine ganze Weile, bis wir dahinter kamen“. Am Ende herrschte Erleichterung: „Wir haben es eigentlich besser gemacht als die Leitlinien vorschreiben“, sagt der Klinik-Chef. Allerdings werde es dauern, bis der gute Ruf des Klinikums wiederhergestellt sei. Aufgrund des Berichts müsse man sich nun auch dem Gesundheitsministerium gegenüber erklären. Die Negativbeurteilung könne im Ernstfall zu Konsequenzen wie der Schließung von Abteilungen führen. Und es geht ums Geld. Das neue Krankenhausstrukturgesetz sieht vor, dass die Qualität der Behandlung Einfluss auf die Höhe der finanziellen Mittel haben soll.
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Holzner: „Das Ganze ist extrem ärgerlich. Die Abteilung Geburtshilfe und Gynäkologie ist ausgesprochen leistungsfähig“. Es gebe nur Lob von den Patientinnen. 3000 stationäre Fälle habe man im vergangenen Jahr abgewickelt, 1075 Kinder zur Welt gebracht. Die Patientinnen seien höchst zufrieden.
Holzner und Vincenti betonen, dass Qualitätssicherung und Dokumentation nichts Neues seien. In Einzelfällen wie den jetzt beanstandeten habe es bisher auch schon Rückmeldungen gegeben. Man habe dann das Vorgehen medizinisch begründet, was dann stets als plausibel anerkannt worden sei. Nur diesmal nicht.
Da werde es künftig wohl noch sehr spannend werden, sagt Geschäftsführer Holzner. Denn Geburtshilfe, Gynäkologie und Brustkrebs-OP seien erst der Anfang des großen Qualitätstests an Krankenhäusern.
Hintergrund
Die Auswertung basiert auf den Abrechnungsdaten der Krankenhäuser. Insgesamt 2,5 Millionen Datensätze sind im Auftrag des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) durch das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen – kurz IQTIG – „durchleuchtet“ worden. hob

