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Viele Wirte im Landkreis sind extrem verärgert über die Anhebung der Mehrwertsteuer auf 19 Prozent. Sie fühlen sich von der Regierung belogen. Die Folge: Ab Januar kosten Pizza und Schnitzel mehr.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Erst Corona dann die Energiekrise, Inflation, der Arbeitskräftemangel und die Mindestlohnerhöhung: Das Gastgewerbe steht unter großem Druck. Noch dazu: Ab 2024 wird die Mehrwertsteuer in der Gastronomie nach der Absenkung 2020 wieder von 7 auf 19 Prozent erhöht. Für Wirte ist das ein Schlag ins Gesicht. Sie fühlen sich von der Politik belogen. Ein Weg ohne weitere Preiserhöhung scheint für viele nicht machbar. Am Ende trifft es – wie immer – den Endverbraucher.
Idee: Portionen anders zusammenstellen
„Es ist eine blanke Katastrophe“, sagt Monika Poschenrieder, Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) und Wirtin des Forellenhof Walgerfranz in Bad Tölz. „Mein Gemüt ist erhitzt. Denn sowohl Finanzminister Christian Lindner als auch Kanzler Olaf Scholz haben versichert, dass es keine Erhöhung der Mehrwertsteuer geben wird. Und jetzt das.“ Von der Politik getäuscht fühlt sich auch Irene Angelillo, Wirtin des „Milano“ in Bad Tölz. „Es gibt ein Video, in dem Olaf Scholz verspricht, dass es keine 19 Prozent Mehrwertsteuer mehr geben wird. Wir fühlen uns hinters Licht geführt. Schließlich haben wir entsprechend dieser Ansage unsere Preise und Angebote bei der letzten Erhöhung durch die Energiekosten angepasst“, ärgert sie sich. „Dazu bleibt es ja nicht nur bei den steigenden Kosten durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer, alle Lieferanten gehen extrem nach oben, da ja auch der Mautaufschlag um 80 Prozent dazu kommt“, klagt sie. „Wir haben so viel Ware aus Italien, das wird ein eklatanter Unterschied für uns werden.“
Keine Pizza mehr unter 10 Euro
Daher sehe Angelillo sich dazu gezwungen, im Januar die Preise anzupassen. „Das wird viel Arbeit werden. Natürlich geben wir die 12 Prozent nicht direkt an den Gast weiter. Man muss gut überlegen, welches Gericht, man wie anpasst.“ Eine Pizza Margherita kostet aktuell im Milano 9,50 Euro. „Da müssen wir auf 10,50 Euro hochgehen. Damit sind wir immer noch nicht teuer, und es ist immer noch nicht viel daran verdient.“ Unter 10 Euro wäre es gar nicht mehr wirtschaftlich, unterstreicht die Restaurantbetreiberin. Andere Gerichte mit höherem Einkaufswert müsse man stärker anpassen. „Aktuell kostet das Kalbsschnitzel bei uns noch 21 Euro, da werden wir etwas weiter raufgehen müssen.“
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Auch Andreas Binder vom Tölzer Binderbräu ärgert sich. „Es ist schwierig nachzuvollziehen, wieso es bei uns auf 19 Prozent hochgeht, aber nicht bei Stehimbissen und Co. – die haben ja auch weniger Ausgaben für Service und Geschirrspülen als ein Wirt.“ Noch dazu versteht Binder nicht, wieso es für die Regierung nur die 19 Prozent als Zahl gibt. „Man könnte ja auch sagen, dass alle auf 10 Prozent gehen, das würde ja auch schon viel abfangen und niemanden zu sehr belasten.“
Binder: „Es ist schwierig nachzuvollziehen“
Die Wirte müssten nun kreativ werden, sagt Poschenrieder. „Man kann nicht alle Preise genauso an den Kunden weitergeben. Wir wollen, dass ein Wirtshausbesuch noch für jeden finanzierbar bleibt.“ Eine Alternative wäre beispielsweise, die Portionen anders zusammenzustellen. Weniger Fleisch, mehr Beilage. Überdies sei es eine Idee, künftig statt Wiener Schnitzer – also vom Kalb – Schnitzel Wiener Art mit Schweinefleisch auf die Karte zu nehmen. „Es ist wichtig, dass es immer noch bezahlbare Gerichte gibt“, meint sie. Dennoch: Ein Patentrezept gebe es keines, wie man mit diesem Rückschlag umgehen kann. „Hinter jedem Betrieb steht eine eigene Philosophie. Was bei einem klappt, kommt bei anderen Gästen vielleicht nicht gut an.“
Schnitzel werden teurer
Der „Altwirt“ in Wackersberg ist ein traditionelles bayerisches Wirtshaus. Katharina Goldner tut sich bei der Überlegung, die Portionen zu verkleinern, schwer. „Wir haben viele Stammgäste. Ich glaube nicht, dass es gut ankommen würde, wenn plötzlich die Portionen anders wären.“ Angesichts der aktuellen Entwicklungen komme man ab nächstem Jahr um eine Preisanpassung nicht herum. „Es hilft ja nichts, irgendwie müssen wir das umlegen.“ Wie viel dann ein Schnitzel kosten werde, könne sie noch nicht sagen. „Aber unter 17 Euro geht da nichts mehr. Wir haben immer schon geschaut, dass unsere Preise moderat sind und Familien es sich leisten können, am Wochenende gescheit essen zu gehen. Ob das so bleibt, weiß ich nicht.“
Angst vor Wirtshaussterben
Zukunftsängste begleiten auch Familie Angelillo: „Am Ende badet auch der Gast diese politischen Entscheidungen mit aus.“ Wann der Punkt erreicht ist, dass für manche essen gehen zum Luxusgut wird, sei schwer zu sagen. Poschenrieder habe bereits von einigen Wirten gehört, dass die Gäste sparsamer sind. „Bisher kommen sie zwar noch, aber wohl wird stark an Getränken gespart oder kein Dessert bestellt.“ Die ersten Anzeichen seien zu erkennen. „Wir haben große Bedenken, dass es hier zu einem Wirtshaussterben kommen könnte.“ Trotzdem: „Nun muss man den Wirten Mut machen.“
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Rubriklistenbild: © Rocco Angelillo, Sohn von Wirtin Irene Angelillo. Foto: Arp

