Unglaubliche Szenen

„40 wollen sie jetzt haben“: Menschen stehen Schlange für Wohnung in München – Makler erklärt Hintergründe

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Eine Wohnung in München zieht eine unerwartet hohe Zahl an Interessenten an. Die Suche nach bezahlbarem Wohnraum treibt über 100 Menschen in eine lange Warteschlange.

München – So eine lange Schlange hat die Bäckerei Stemerowitz im Lehel wohl noch nie gesehen: Junge Pärchen, Mütter mit Babys, Studenten – mehr als 100 Menschen standen am vergangenen Samstag dort an. Aber nicht für Semmeln oder Brezn. Sondern für eine Wohnung!

Hoffen auf ein Zuhause: Die Wohnungs-Warteschlange an der Ecke Emil-Riedel-/Rosenbuschstraße im Lehel am Samstag.

Die Schlange führte ins Haus Emil-Riedel-Straße 2, gleich neben der Bäckerei. Dort gab‘s im Hochparterre ein Wohn-Schnäppchen (zumindest für dieses Luxusviertel): 100 Quadratmeter, 3,5 Zimmer, 2100 Euro kalt. Also 21 Euro der Quadratmeter – in München Grund genug für so eine Irrsinns-Schlange.

Die begehrte Mietwohnung im Lehel.

Die fiel nicht nur den Anwohnern auf. Ein Video der Wohnbewerber ging im Internet viral. Auf dem TikTok-Account von „Der Hotelsommelier“ hatte es am Dienstag 436.000 Ansichten. Auf Instagram bei „Münchner Gesindel“ mehr als 18.000 Likes.

Menschen stehen Schlange für Wohnung in München: „40 wollen sie jetzt haben“

Anbieter der Wohnung: Der auf besondere Immobilien spezialisierte Makler Oliver Herbst („Immovision“). Herbst zur tz: „Wir hatten 600 Anfragen für die Wohnung, der Andrang war immens. Ich musste die Anzeige ganz schnell rausnehmen. Ich bekomme trotzdem jetzt immer noch E-Mails mit Anfragen.“

Die Wohnung: Ein Wohn-Traum mit Fischgrätparkett, hohen Decken, Stuck. Herbst: „Es haben sich gefühlt über 100 Interessierte die Wohnung angeschaut. 40 wollen die Wohnung jetzt haben. Der Vermieter wird sich in den nächsten Tage für einen entscheiden.“

Herbst wurde von der riesigen Wohnungs-Warteschlange erst mal völlig überrascht. Auf den zweiten Blick sei sie aber ganz logisch, sagt er. „Die Situation hat sich extrem verschärft. Der Kaufmarkt ist am Boden, weil die Zinsen explodiert sind. Wer sich früher eine vergleichbare Wohnung kaufen wollte, konnte sie mit z.B. 3000 Euro im Monat finanzieren. Heute liegen die Kosten viermal höher – also eher bei 12.000 Euro für die gleiche Wohnung. Jetzt drücken alle, die früher gekauft hätten, auch noch zusätzlich in den ohnedies umkämpften Mietmarkt rein.“

Immobilienmakler Oliver Herbst.

Wohnsituation in München: „Trauerspiel, da läuft doch was falsch“

Für ihn ein Skandal! Herbst: „Schuld an der Situation hat unsere Politik. Vor 30 Jahren musste ich als Student für ein Ein-Zimmer-Apartment in Schwabing auch schon in einer Schlange anstehen. Seitdem ist rein gar nichts besser geworden. Es ist heute noch schlimmer. Eine Krankenschwester und ein Polizist zum Beispiel können sich eine Wohnung in München nicht leisten – doch sie sind Säulen unserer Gesellschaft. Das ist ein Trauerspiel, da läuft doch was falsch!“ Herbst: „Wir brauchen dringend Wohnraum, also mehr Angebot, und es reicht nicht, wenn unsere Politik nur den Mangel verwaltet.“

Das sehen im Internet viele genauso. Auf Instagram schreibt ein Nutzer zum Video: „Lächerlich dieses Land. Man arbeitet sich kaputt für fast nix und wird sich niemals ein Haus kaufen können bei den Preisen.“ Ein anderer wirkt resigniert: „Würde mich dort nicht anstellen. Kannst du auch Lotto spielen.“

Bau-Experten: Die Lage bleibt schwierig

Die Aussichten für den Wohnungsmarkt? Schwierig! Die Landesbausparkasse Süd (LBS) erwartet auch für die nächsten Jahre anhaltenden Wohnungsmangel in Bayern. Da die Zahl der Baugenehmigungen 2023 um fast ein Viertel zurückgegangen sei, werde auch die Bautätigkeit in diesem und im nächsten Jahr weiter zurückgehen: Das prophezeite Vize-Vorstandschef Erwin Bumberger gestern in München.

Offizielles Ziel der Staatsregierung sind 70 000 neue Wohnungen pro Jahr für ganz Bayern. Diese Zahl wurde in den vergangenen Jahren aber nie erreicht. Bumberger verwies auf den Zuzug aus dem In- und Ausland von rund 30 000 Menschen pro Jahr. Deshalb gilt: „Der Wohnraumbedarf in Bayern bleibt hoch.“

Ursache des aktuellen Einbruchs sind der gleichzeitige schnelle Anstieg von Kreditzinsen und Baukosten in den vergangenen zwei Jahren. Folge war, dass sich viele Interessenten keine Immobilie mehr leisten können. Mittlerweile sind die Preise für gebrauchte Häuser in Bayern wieder auf das Niveau von 2020 gesunken, aber immer noch in etwa doppelt so hoch wie vor zehn Jahren.

Rubriklistenbild: © Oliver Herbst

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