Fürstenfeldbruck

Fliegerhorst: Erinnerungen an die Olympia-Gaststätte - und an das Attentat

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Weil der Flughafen Riem das Passagieraufkommen nicht packte, landeten auf Fursty Chartermaschinen. Für sie gab es ein provisorisches Restaurant in einer Testhalle.
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Vor 50 Jahren standen auch die Menschen im Landkreis ganz im Bann der Olympischen Spiele im nahen München. Sie verfolgten das sportliche Geschehen – oder waren hautnah dabei – in verschiedensten Funktionen. Gisela und Willi Höing gerieten als Wirte am Fliegerhorst sogar in den blutigen Showdown der heiteren Spiele 1972.

Fürstenfeldbruck – Bei den Stichworten Olympia und Fliegerhorst hat jeder die Bilder des zerschossenen Hubschraubers im Kopf, in dem in der Nacht auf den 6. September israelische Sportler und deren Entführer starben. Was die wenigsten wissen: Vor dem Ende des Geiseldramas spielte das Fursty-Gelände eine ganz friedliche Rolle im Olympia-Betrieb. Deshalb waren Gisela und Willi Höing auch während der Bluttat zufällig vor Ort. Der 5. September ist seither ihr zweiter Geburtstag.

Das Ehepaar betrieb elf Jahre lang die Kantine auf dem Fliegerhorst. „Für die Olympischen Spiele wurde ein Teil des Geländes von Riem gepachtet“, erzählt der 86-jährige Willi Höing. Denn der Münchner Flughafen brauchte während der Olympischen Spiele Platz. In Fürstenfeldbruck landeten Charterflugzeuge. Die Passagiere wurden dann mit Shuttlebussen oder dem Zug weiter nach München gebracht.

Ohnehin vom Fach

„Neben dem Tower wurde eine richtige An- und Abflughalle eingerichtet“, erzählt Höing. Da diese auch bewirtschaftet werden musste, wurde das Wirte-Ehepaar von Paulaner angesprochen, ob sie das übernehmen möchten. „Kein Problem, wir sind beide vom Fach“, haben sie damals geantwortet, sagt Willi Höing. Zusammen mit seiner Frau hatte er bereits vor der Kantine jahrelang ein Hotel in Bayrischzell geleitet.

Und so wurde im Frühjahr 1972 die große fensterlose Halle neben dem Tower mit Bänken, Tischen und einem Schanktresen zu einer Gastwirtschaft umgebaut. Sogar ein Duty-Free-Shop fand Platz. Touristen aus allen Ländern kamen an, erzählt Willi Höing, „Engländer, Finnen, Schweden und Norweger.“

Bayerische Schmankerln

An einem 15 Meter langem Buffet konnten sich die Gäste mit bayerischen Schmankerln bedienen. Es gab Kaffee, Bier und kühle Getränke. „Die Leute waren ganz normale Gäste, die die Olympischen Spiele besucht haben“, erinnert sich Höing. Eines Nachts, als er und seine Frau nicht weit entfernt in ihrer Betriebswohnung schliefen, seien Kubaner gelandet. Am nächsten Morgen erzählte einer der Grenzschutzpolizisten, die am Tower im Einsatz waren, dass die Gäste den kompletten Saft-Automaten leer getrunken hatten – allerdings ohne zu zahlen. „Sie hatten Durst und nicht die passende Währung dabei“, sagt Höing achselzuckend und lacht. „Wir haben uns mit Händen und Füßen mit den Touristen unterhalten“, sagt Gisela Höing.

Werden das traurige Ende der heiteren Spiele nie vergessen: Gisela und Willi Höing mit Tochter Petra Schumann.

Sie war die meiste Zeit in der Bewirtschaftung der An- und Abflughalle. Ihr Mann fuhr immer wieder in die rund ein Kilometer entfernte Fursty-Kantine, um dort zu kochen oder Essen und Getränke zu holen.

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So auch, als die Terroristen in der Nacht mit den Hubschraubern vor dem Tower landeten. „Wir hatten circa 200 Leute in der Halle“, sagt Gisela Höing. Gäste aus Finnland und Schweden. Von der Geiselnahme in München hatten sie über den Tag hin und wieder etwas mitbekommen. „Ich habe Radio und Fernsehen in der Kantine laufen gehabt und meiner Frau berichtet“, sagt Willi Höing.

Tür verriegelt

Als die Terroristen landeten, verriegelten Grenzschutzpolizisten von innen die Tür des provisorischen Flughafenrestaurants. „Sie haben auch nicht gewusst, wie, und haben einen Stuhl unter die Klinke gestellt“, erzählt Gisela Höing. Die Halle war schalldicht, in ihr wurden bis dato Flugzeugmotoren getestet. Was draußen geschah, wussten die Touristen nicht. „Wir wollten nicht, dass Panik ausbricht.“ Die Wirtin und ihre Angestellten aber wussten Bescheid. „Eine Mitarbeiterin ist vor Angst in den viel zu kleinen Kühlschrank geklettert“, sagt die heute 81-Jährige.

Gisela Höing bediente auf dem Fliegerhorst. Als die Terroristen auf dem Rollfeld ihre Geiseln erschossen, sperrte der Grenzschutz Höing und ihre Gäste zur Sicherheit ein.

Plötzlich ging für einen Moment die Tür auf. „Ein Grenzschützer brachte einen jungen Mann in die Halle“, sagt Gisela Höing. „Den sehe ich heute noch. Ein Blondschopf. Kreidebleich war er.“ Es war ein Pilot eines der Hubschrauber, mit dem die Terroristen von München nach Fürstenfeldbruck geflogen sind. „Ich habe schnell ein Hinterzimmer aufgesperrt, da konnte er sich hinlegen. Und dann hab ich ihm Cognac gebracht“, erzählt die 81-Jährige weiter. „Es war furchtbar.“

Die schießen!

Was draußen geschah, bekamen sie weiterhin nicht mit. Willi Höing erinnert sich, dass er von der Kantine aus hörte: „Die schießen, die schießen!“ Dann sah er einen Hubschrauber in die Luft fliegen.

Was sich drinnen in der Halle abspielte, war für den Kantinen-Wirt nahezu ungewiss. „Ein paar Mal konnte ich mit meiner Frau telefonieren. Um 5 Uhr morgens kam der Anruf, dass ich sie abholen kann.“

Zwei Tage lang hatten alle, die auf dem Fursty-Gelände wohnten, Hausarrest. Auch die Höings. Petra, eines der drei Kinder des Ehepaars, erinnert sich noch heute: „Es war kaum auszuhalten für uns. Als wir dann raus durften zum Spielen, haben wir ein paar Patronenhülsen gefunden.“ Jetzt, 50 Jahre nach dem Attentat, kommt vieles wieder hoch, sagen Gisela und Willi Höing. „Wir reden sehr oft darüber und einiges haben wir untereinander bis jetzt nie so erzählt“, erklärt die 81-Jährige.

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