Fürstenfeldbruck

„Völlig unterschiedliche Welten“: Kreis-Klinik schlägt wieder Corona-Alarm

+
Das Klinikum in Fürstenfeldbruck.
  • schließen

Erschreckend und gleichermaßen besorgniserregend: Im Kreistag zeichnete der Chef der Brucker Kreisklinik, Alfons Groitl, ein düsteres Bild von der Lage seines Hauses. Grund: Die Corona-Pandemie und ihre Folgen.

Fürstenfeldbruck – Nach einer Sitzung des Verwaltungsrats der Klinik waren die Verantwortlichen überein gekommen, relativ spontan den Kreistag in seiner Sitzung am Donnerstag über die Situation der Kreisklinik zu informieren. Die Lage sei relativ sonderbar, sagte Groitl. In der breiten Öffentlichkeiten sei Corona kein Thema mehr, der Tagesablauf in der Kreisklinik werde aber wieder so stark von dem Virus bestimmt wie zu den schlimmsten Zeiten der Pandemie.

Stationen geschlossen

Derzeit seien im Schnitt um die 30 corona-positiven Patienten in der Klinik. Das entspreche dem Wert der stärksten Wellen. Zwei Stationen seien geschlossen worden. Eine, weil das Personal aufgeteilt werden musste. Die andere, weil Mitarbeiter an Covid erkrankt seien. In offenen Stationen gebe es Bettenbeschränkungen.

Dicht für Notfälle

Bei der Leitstelle, die Notfälle verteilt, müsse man sich aufgrund der Situation mehrmals täglich abmelden. Das heißt: Notfall-Patienten können dann in Fürstenfeldbruck nicht aufgenommen werden. „Das ist aber nicht nur bei uns so“, sagte Groitl. Das Problem trete im ganzen Großraum auf: Die Kliniken seien voll beziehungsweise nicht aufnahmebereit. Groitl berichtete von stundenlangen Telefonaten, um Patienten anderswo unterzubringen, etwa in Murnau.

Planbare OPs gekippt

Insgesamt bewege sich die Kreisklinik nur noch auf der Notfallschiene. Alle planbaren Eingriffen seien abgesagt worden, auch bei Belegärzten. Die Situation habe natürlich auch wirtschaftliche Auswirkungen, sagte Groitl. Die Umsatzausfälle beliefen sich auf mehrere hunderttausend Euro je Woche. Gleichzeitig profitierten private Kliniken von dieser Entwicklung.

Chaos-Bewältigung

In der Kreisklinik herrsche „Chaosbewältigung von morgens bis abend“, sagte Groitl. Man müsse sich vorstellen, was es bedeute, bei dieser Hitze ständig mit Maske und Hygienemantel zu arbeiten. Bei manchen Mitarbeitern sei die Zündschnur mittlerweile sehr kurz, sagte der Klinikchef. „Vor der Tür draußen gibt es kein Corona, hinter der Tür der Klinik herrscht eine andere Welt.“

Kaum neues Personal

Das sei der große Unterschied zu vorhergehenden Pandemie-Wellen: Draußen gälten praktisch keine Einschränkungen mehr, in der Klinik seien die Corona-Vorgaben genauso streng wie vorher. Die Entwicklung sorge nicht dafür, dass die Berufe in der Klinik attraktiver werden, sagte Groitl, der von sehr wenig Anmeldungen für die Ausbildung zur Pflegefachkraft berichtete.

Mehr Komplikationen

(Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen FFB-Newsletter.)

90 Prozent der Patienten kommen mittlerweile nicht wegen Covid in die Klinik, sondern mit, erklärte der ärztliche Leiter der Klinik, Dr. Florian Weis. Sprich: Die Infektion wird bei der Untersuchung in der Klinik bemerkt. Allerdings sei der Aufwand aus Sicht der Mitarbeiter wegen der Schutzvorschriften dann der selbe. Und gleichzeitig gelte: Mit einer Corona-Infektion bestehe ganz allgemein eine größere Gefahr für Komplikationen bei den Erkrankungen, wegen derer die Patienten ins Krankenhaus gekommen waren. Die Todesrate steige.

Vorschriften überholt

Der ärztliche Leiter forderte neue Hygiene-Richtlinien. Eine Ansteckung sei praktisch nicht mehr vermeidbar, wobei man sich mit Masken individuell gut schützen könne. Auch angesichts der Tatsache, dass viele Eingriffe geschoben werden, forderte Weis: „Wir brauchen pragmatische Vorgaben.“

Tatsächliche Inzidenz

Gesundheitsexpertin Katrin Sonnenholzner (SPD) bezeichnete es als „desaströs“, was in Berlin passiere. Jeder einzelne müsse nun das Seine tun. Es gehe auch um den Schutz stationärer Pflegeeinrichtungen. Die Inzidenzzahlen seien in Wirklichkeit viel höher. Das belegten Abwasseruntersuchungen. Und natürlich sei die Entwicklung auch auf Feste zurück zu führen. Wobei auch Sonnenholzner, die Bezug auf die schützende Impfung nahm, anmerkte: Das Leben muss weiter gehen.

Kreisrat Gottfried Obermair (FW) wollte wissen, ob sich etwa das Brucker Altstadtfest auf die Infektionszahlen ausgewirkt habe. Der ärztliche Leiter der Klinik, Dr. Florian Weis, berichtete von der Erfahrung, dass es etwa fünf bis neun Tage dauere, bis ein Fest in der Klinik durchschlage.

Auch interessant: Rettungsdienst stößt an Grenzen: „Wir behandeln die Leute auf der Straße“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck finden Sie auf Merkur.de/Fürstenfeldbruck.

Kommentare