VonHelga Zagermannschließen
Am 5. September jährt sich das Olympia-Attentat zum 50. Mal. Dann wird wieder zum Gedenken aufgerufen. Für Guido Schlosser braucht es dazu kein Datum. Er denkt jeden Tag an die Katastrophe auf dem Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck – weil er als Polizist dabei war und sich seitdem schuldig fühlt. Ein Podcast des Bayerischen Rundfunks beleuchtet nun die Schuldfrage.
Fürstenfeldbruck - 47 Jahre war er nicht mehr hier. Jetzt steht Guido Schlosser wieder vor dem Tower am Fliegerhorst – und unter Schock: All die Bilder vom Abend des 5. September 1972 kommen hoch. So grauenvoll wie schon lange nicht mehr. Der damals 21-Jährige ist als Polizist am Flugplatz mitten drin, als die Entführung von israelischen Geiseln in der Katastrophe endet Seitdem quält er sich mit der Schuldfrage.
Hätten Politik und Polizei das Olympia-Attentat verhindern können? Was ist an diesem Tag und im Vorfeld alles falsch gelaufen? Und ist er selbst ein Feigling? Darum dreht sich der BR-Podcast „Himmelfahrtskommando“, den die preisgekrönte Journalistin Patrizia Schlosser über ihren Vater und mit ihm gemacht hat – und der nun zum 50. Jahrestag des Attentats erschienen ist.
In acht Folgen à 30 bis 39 Minuten macht sich das Duo auf eine Reise. Mit den Erinnerungen des Vaters geht es zurück ins Jahr 1972, aber auch auf Grundlage vieler Akten und durch Gespräche mit anderen Zeitzeugen. Und das, was das Duo angeht, ist durchaus ein Risiko. Denn die Tochter weiß nicht, wie lange ihr Vater das aushält – die Recherche ist quälend lang und schmerzvoll.
Aufnahmegerät läuft immer mit
Im Dezember 2019, als Vater und Tochter vor dem Tower auf Fursty stehen, bekommt die 35-Jährige Zweifel. Nach fast 50 Jahren zurück am Ort des Terrors zu sein, bringt ihren Vater an seine Grenzen. „Ich habe erst da gemerkt, das Schuldgefühl reißt ihn auf, das geht viel tiefer als gedacht“, sagt sie. Da kommt das Gefühl auf, ihren Vater schützen zu wollen und zu müssen. Jetzt merkt sie, wie schwer ihre Doppelrolle als Tochter und Journalistin ist. Doch er vertraut ihr, das Aufnahmegerät läuft weiter, so wie es immer läuft, wenn sie unterwegs sind.
Tochter und Vater hatten schon früher für einen Podcast und ein Buch über die letzte RAF-Generation zusammengearbeitet. Im Rahmen der damaligen Recherchen ging es auch schon um die Erlebnisse von Guido Schlosser in der Nacht auf den 6. September 1972 am Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck.
Erst ein halbes Jahr mit der Ausbildung fertig
Später sind die beiden zu Besuch bei einem von Guido Schlossers Ausbildern bei der Bereitschaftspolizei – Schlosser ist am 5. September 1972 erst ein halbes Jahr mit der Ausbildung fertig. Der Ausbilder war an diesem Tag auch auf Fursty – er war angefordert worden zur Absicherung des Towers. Von dort aus sah er die Boeing auf dem Rollfeld, die die Terroristen gefordert hatten, um mit den Geiseln das Land zu verlassen. In der Maschine: Guido Schlosser, Hauptwachtmeister einer Einsatzhundertschaft der Stadtpolizei München und bei diesem Einsatz als Freiwilliger dabei, sechs Kollegen und sieben Leute der Funkstreife. Sie sollten die Terroristen überwältigen.
Nicht dafür ausgebildet und schlecht ausgerüstet begannen die Polizisten nachzudenken und zu diskutieren. Haben sie überhaupt eine Chance? Dann brach der Einsatzleiter ab – das sei doch ein Himmelfahrtskommando. Die Polizisten verließen die Boeing, kurz bevor die beiden Hubschrauber mit den Terroristen und den Geiseln in Bruck landeten.
Genau diesen Moment durchdenkt Guido Schlosser seit 50 Jahren. Trägt er dadurch eine Mitschuld am Tod der Israelis?
Polizisten verlassen Boeing – „Feiglinge“
Schlossers früherer Ausbilder sah vom Tower aus, wie das Freiwilligenkommando die Boeing verließ. „Und was haben Sie sich dabei gedacht“, fragt Patrizia Schlosser den Mann fast 50 Jahre später. Seine Antwort: „Feiglinge.“ Die Journalistin lacht aus Verlegenheit, ihr Vater sitzt wie erstarrt da.
In den ersten drei Folgen des Podcasts wird die Terrornacht am Fliegerhorst nacherzählt. Das war schon anstrengend für den 71-Jährigen. Aber er tut es nach langen Jahren der Verdrängung für seine Tochter. Er sagt: „Das ging nur mit ihr. Bei einem anderen Journalisten hätte ich mich nicht so öffnen können.“ Ihm sei erst nach einiger Zeit klar geworden, „dass der „Podcast eine so persönliche Geschichte über mich wird“. Aber er bleibt dabei – die Recherche ist für ihn Teil der Aufarbeitung. Er habe das viel zu lange in sich rein gefressen, sagt er. „Ich hatte einen Stein um den Hals.“
Und deshalb quält er sich weiter. Am Ende der vierten Folge kommt mit diesem Wort „Feiglinge“ die erste Konfrontation. Das Wort hatte er im Kollegenkreis früher schon öfter gehört – das Gefühl der Schuld wurde mit den Jahren größer. Dann kam die Wut dazu. Wut auf die Verantwortlichen von Polizei und Politik, die unzureichend vorbereitet waren. Das und viele taktische Fehler führten zur Katastrophe.
Sündenbock nach 20 Jahren benannt
Endgültig brach die Wut 1992 durch. Im BR-Fernsehen war Bruno Merk (er war 1972 Bayerns Innenminister) auf Ankie Spitzer getroffen, Witwe des auf Fursty getöteten André Spitzer, Trainer der israelischen Fechtmannschaft. Merk sagte, weil die Freiwilligen die Boeing verlassen hatten, sei der Einsatz in eine Katastrophe gemündet.
„Damit hatte man einen Sündenbock gefunden“, meint Schlosser dazu. Das ärgert ihn besonders, weil es von 1972 bis 1992 immer geheißen hatte: „nur keine Schuldzuweisungen“. Lieber hatte man Teil-Wahrheiten oder gar Lügen verbreitet.
Mittlerweile, so Schlosser, sei hinlänglich bekannt, was alles falsch gelaufen sei auf Fursty und schon davor. Vielleicht hätte es im Laufe des Tages im Olympiadorf Möglichkeiten gegeben, einen anderen Weg aus der Geiselnahme zu finden. Aber nun die Freiwilligen verantwortlich zu machen, „das ist eine Unverschämtheit“, so Schlosser.
Im Podcast kommt an dieser Stelle ein Mitbegründer der GSG9 in Spiel, ein Spezialist für Anti-Terror-Einsätze. Er betont: „Nicht die Polizeibeamten haben versagt, die Politiker haben versagt.“
Das gibt dem 71-Jährigen Kraft. Auch dass ihm jüngst bei einer Gesprächsrunde in der Polizei-Fachhochschule in Bruck von hochrangigen Polizeivertretern bestätigt wurde, „dass die Freiwilligen keinen Fehler gemacht haben, als sie das Flugzeug verließen“.
Das ist die Bewertung von der fachlichen Seite. Guido Schlosser sucht aber auch nach moralischer Erlösung. Und so beschließen er und seine Tochter, Kontakt zur Familie Spitzer aufzunehmen. Patrizia Schlosser schreibt Ankie Spitzers Tochter Anouk an – sie war beim Olympia-Attentat noch nicht einmal drei Monate alt. Erst kommt lange keine Reaktion. Dann werden die Schlossers von Mutter und Tochter Spitzer nach Tel Aviv eingeladen.
Mordmaschinerie Nazi-Deutschland
Ankie Spitzer ist länger als geplant verreist. Schlossers müssen warten in Tel Aviv, „zwei, drei Tage, ein komisches Gefühl“, berichtet Guido Schlosser. „Sie will einfach nicht, oder?“, fragt der 71-Jährige seine Tochter im Podcast. Er hätte es verstanden. Doch sie warten. Und das Treffen kommt zustande.
Nach freundlicher Begrüßung dann „der Hammer“, wie es Guido Schlosser sagt. Anouk fragt viel. Und sagt dann: Sie verstehe nicht, dass dieses Deutschland, das eine perfekte Mordmaschinerie genutzt habe, um sechs Millionen Juden umzubringen, dass dieses Deutschland nicht fähig gewesen sei, acht Terroristen zu töten. Deutsche seien doch bekannt dafür, „ordentlich und organisiert zu töten – the german way“.
„Ich habe es zuerst gar nicht genau verstanden“, sagt Guido Schlosser zu diesem Moment. „Doch dann habe ich das entsetzte Gesicht meiner Tochter gesehen.“
Aber das Gespräch nimmt eine Wendung. Anouk Spitzer sagt, die Freiwilligen seien benutzt worden: „Ihr seid auch unschuldig hineingeraten.“ Natürlich hätten sie das Flugzeug verlassen sollen. Sonst wären noch mehr Menschen gestorben. Glücklicherweise sei er nicht in der Boeing geblieben, sonst könne er heute nicht hier mit seiner Tochter sitzen.
Alle haben Tränen in den Augen. Aber Guido Schlosser will noch seine Mission erfüllen. Er entschuldigt sich bei Ankie und Anouk Spitzer. Dafür, „dass ich nichts habe tun können, und stellvertretend für das Verhalten der Deutschen“. Die Witwe dankt ihm und sagt, sie finde es sehr mutig, dass Guido Schlosser nach Tel Aviv zu ihr gekommen sei: „Sie sind nicht schuld.“ Sie hoffe, dass er unbeschwerter nach Hause gehen könne. Und später sagt sie, sie verstehe nach dem Gespräch, warum die Polizisten die Boeing verlassen hatten. Das Treffen habe für sie einen Kreis geschlossen.
Heftiges Aufbäumen der Erinnerung
Das gilt auch für die Schlossers. „Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagt der 71-Jährige. Es gehe ihm seitdem viel besser. Vielleicht sei ihm erst heute bewusst, wie sehr er unter dem Schuldgefühl gelitten habe. „Es ist wahnsinnig schön, dass das so gelaufen ist“, sagt die 35-Jährige. Sie meint damit nicht, dass aus den Recherchen ein erfolgreicher Podcast wurde (laut BR rund 500 000 Abrufe in den ersten sechs Wochen). Nein, sie freut sich, dass es ihrem Vater besser geht. Und sie hofft, dass die Angstzustände, die er seit Jahren hat, noch mehr abnehmen.
Am 5. September 2022 sind viele Gedenkveranstaltungen geplant. Wie Patrizia Schlosser am Ende des Podcasts sagt: „ein kurzes, heftiges Aufbäumen der Erinnerung“. Dann werde wieder alles vorbei sein – und vergessen. „Aber nicht für meinen Vater und mich.“
Hinterbliebenen-Sprecherin sagt Teilnahme an Gedenken ab
Ankie Spitzer kam nicht zu einer Gedenkveranstaltung Ende Juli in München. Die 76-jährige Hinterbliebenen-Sprecherin sagte, sie werde nicht nach Deutschland reisen, solange die Entschädigungsfrage nicht geklärt sei. Zwar haben die Hinterbliebenen in den Jahren 1972 und – nach langem Kampf – 2002 insgesamt rund viereinhalb Millionen Euro erhalten. Von den Betroffenen wird das aber als nicht angemessen empfunden, es entspreche nicht internationalen Standards. Auf eine offizielle Entschuldigung seitens der Bundesrepublik und das Einräumen von Fehlern warten die Hinterbliebenen bis heute.
„Es muss eine Wiedergutmachung erfolgen“, fordert Guido Schlosser. Das Attentat habe „unsägliches Leid“ über die Familien der elf getöteten Israelis gebracht. So eine Schuld verjähre moralisch gesehen nie. Er hätte sich gefreut, Spitzer daheim bei sich in Mering (Kreis Aichach-Friedberg) begrüßen zu können. Aber er versteht ihre Absage.
Doku-Drama auf Sky
Beim Bezahl-TV-Sender Sky ist ab September ein 90-minütiges Doku-Drama namens „1972 – Münchens schwarzer September“ zu sehen. Die Produktion fand teils gleichzeitig mit den Podcast-Aufnahmen statt. Guido Schlosser ist im Film präsent, aber es kommen auch viele andere zu Wort. Das Doku-Drama soll „der israelischen, deutschen und palästinensischen Perspektive“ Raum geben, heißt es. Das Attentat wird mit fiktionalen Szenen aus Sicht der Opfer, der Polizisten und der Attentäter erzählt – „als eine Geschichte von Verzweiflung, Schuld, Ohnmacht – und Hoffnung: der Hoffnung der Überlebenden und Hinterbliebenen, dass ihre Wunden heilen mögen“, sagt Produzent Marcus Uhl. An Originalschauplätzen auf dem Fliegerhorst wurden die dokumentarischen Teile des Films mit Schlosser und die Spielfilmszenen gedreht.





