VonHelga Zagermannschließen
In seinen Träumen kommt immer wieder alles hoch: Michael Greif (91) war in der Nacht auf den 6. September 1972 auf Fursty dabei, als die Entführung israelischer Sportler in der Katastrophe endete.
Fürstenfeldbruck/Römertshofen – Der Gruppenführer der Fliegerhorst-Feuerwehr versuchte, einen brennenden Hubschrauber zu löschen – mitten im Kugelhagel.
Michael Greif, heute 91 Jahre alt, kam eher durch Zufall zur Fliegerhorst-Feuerwehr. Der gelernte Schreiner arbeitete bei einer Firma in Neulindach und hatte immer wieder auf Fursty zu tun. Das Militär war ein guter Arbeitgeber und der gesamte Betrieb auf Fursty interessierte Greif – also fragte er dort nach Arbeit. Eine Sekretärin sagte ihm, die Feuerwehr suche Leute – und so wurde Greif nach kurzer Ausbildungszeit (damals noch durch die Amerikaner) zum Berufsfeuerwehrmann auf Fursty. 32 Jahre lang arbeitete er dort, von 1954 bis 1986.
In den 1970er-Jahren gab es noch 24-Stunden-Schichten bei der Fliegerhorst-Feuerwehr. Greif, damals 41 Jahre alt, war am 5. September 1972 seit 8 Uhr im Dienst. Gegen 18 Uhr, so erinnert er sich, hieß es dann: „Vielleicht kommen die Entführer mit den Geiseln nach Bruck.“ Die Feuerwehr sollte sich bereithalten. Die Fahrzeuge wurden vor der Halle aufgestellt, denn die Halle diente der Polizei als eine Art Einsatzzentrum. Etwa 20 bis 30 Polizisten waren dort nach Michael Greifs Erinnerung vor Ort.
Fünf Scharfschützen für acht Terroristen
Dann hieß es warten. Politiker trafen ein. Fünf Polizisten wurden als Scharfschützen eingeteilt, waren aber nicht dafür ausgebildet. Die fünf wurden auf dem Dach des Flughafengebäudes und auf dem Rollfeld postiert – weil man von fünf Terroristen ausging. Es waren aber acht Geiselnehmer.
Bei der Feuerwehr auf Fursty gab es damals noch keine so ausführlichen Einsatzberichte wie heute, erklärt Berufsfeuerwehrmann Martin Zacherl, der von 1999 bis zur Auflösung 2015 bei der Fliegerhorst-Feuerwehr arbeitete. Der Oberbrandmeister, der in Puch wohnt und mittlerweile am Fliegerhorst in Kaufbeuren Dienst tut, hat Fotos und Dokumente zur Geschichte der Fursty-Feuerwehr gesammelt – und sich dabei auch mit dem Olympia-Attentat beschäftigt. Es gibt vom 5./6. September 1972 ein Protokoll, in dem die Namen der diensthabenden Feuerwehrleute aufgeführt sind. Stichwortartig ist notiert, was wann passierte.
Alarm in Wache:„Hubschrauber brennt“
Um 22.35 Uhr landeten die zwei Hubschrauber in Fürstenfeldbruck. Zwei Terroristen gingen zur bereitstehenden Boeing 727, die sie gefordert hatten, um sich mit den Geiseln nach Kairo ausfliegen zu lassen. Sie inspizierten das Flugzeug kurz und gingen dann zurück zu den Hubschraubern – die letzte Chance für den Zugriff durch die Polizei. Um 22.38 Uhr erteilte Innenminister Bruno Merk den Befehl, das Feuer zu eröffnen. Die fünf Schützen waren wenig erfolgreich – sie hatten nur ältere Sturmgewehre, keine Nachtsichtgeräte und keinen Funkkontakt zueinander. Einer lag gar im Schussfeld seiner Kollegen – ohne Helm und Schutzweste.
Bis Mitternacht tobte das Gefecht, die Lage war unübersichtlich. Die Fursty-Feuerwehrler versuchten, durch die Fenster ihrer Wache einiges zu beobachten – ansonsten mussten sie abwarten.
Am besten alle gleichzeitig
Kurz nach Mitternacht warf ein Terrorist eine Handgranate in den östlich stehenden Hubschrauber, der sofort in Flammen stand. Nun ging der Alarm in der Feuerwache los: „Hubschrauber brennt!“ Nach der Erinnerung Greifs rückten fünf Löschfahrzeuge aus, drei mit Löschpulver, zwei mit Wasserschaum.
Greif war Gruppenführer. Er hatte in einem Pulverlöschfahrzeug das Sagen über zwei Kollegen und den Fahrer. Letzterer war wie andere Einsatzkräfte von einer entfernten Fliegerhorst-Feuerwehr als Olympia-Verstärkung nach Fürstenfeldbruck gekommen – er kannte sich also nicht aus. Greif erzählt: „Ich habe ihm gesagt, er soll in einem großen Bogen zum brennenden Hubschrauber anfahren. Damit wir mit denen, die hinter uns ausrückten, in etwa zusammen ankommen.“ Greif wollte erreichen, dass alle Löschtrupps gleichzeitig gegen das Feuer kämpfen können.
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Das gelang einigermaßen. Zumindest zur Hälfte konnte der Heli gelöscht werden, erinnert sich der 91-Jährige.
„Doch dann ging die Schießerei wieder los“, sagt er. „Alle haben ihre Löschpistolen weggeschmissen und sind in Deckung gegangen.“ Greif selbst warf sich hinter einen großen Reifen eines Löschfahrzeugs. Die Fahrer der Fahrzeuge legten sich in ihren Kabinen auf den Boden.
Verzweifelte Funksprüche
Die Feuerwehr war nun mitten im Kugelhagel. Vom Dach des Flughafengebäudes schossen Polizisten Richtung Hubschrauber, wo sich Terroristen befanden. Andere Geiselnehmer feuerten von der Grünfläche über die Hubschrauber zurück.
„An Rückzug war nicht zu denken“, sagt Greif. Er muss immer wieder tief durchatmen, als er von diesen dramatischen Stunden berichtet. „Unsere Fahrer haben verzweifelt Funksprüche an die Zentrale abgegeben, dass sie die Leute aus der Gefahrenzone holen sollen.“ Doch das geschah nicht. Dem 91-Jährigen kommen die Tränen, als er das erzählt. Aber dann fasst er sich wieder und sagt: „Die Terroristen hätten uns alle erschießen können. Wir Feuerwehrleute waren ja unbewaffnet und nah dran.“
Viel zu nah. Michael Greif, so hat er es damals im Rahmen der ersten Ermittlungen angegeben, sah beim Löschangriff einen Terroristen am Boden liegen. Er dachte, der Mann sei tot. Doch dann bewegte sich der Palästinenser plötzlich und richtete seine Maschinenpistole in Richtung der Feuerwehrler. Der Geiselnehmer wurde mit Löschpulver beschossen – so konnte von ihm keine Gefahr mehr ausgehen.
Das steht im Ermittlungsbericht des Landeskriminalamts – Greif als Gruppenführer musste nach der Katastrophe eine Aussage machen. In den von ihm später niedergeschriebenen Erinnerungen ist noch ein zweiter Gefahrenmoment genannt: Als Greif und die anderen Feuerwehrleute endlich aus dem Gefechtsfeld raus konnten, musste er über einen Terroristen steigen. Der Mann war jedoch tot. „Seine Waffe ragte senkrecht in den Himmel“, so Greif. Er habe sie mit einem Fußtritt weggetreten.
Erst weit nach Mitternacht hatte die Schießerei geendet. Dann wurde nach flüchtigen Terroristen gesucht. Drei hatten überlebt.
Gegen 3 Uhr sei man zurück in der Wache gewesen, so Greif. Dann mussten alle bleiben, bis um 8 Uhr die zweite Schicht kam. Acht Tage war der Feuerwehrmann danach krankgeschrieben – er hatte sich an der Nase verletzt, wohl beim Sprung hinter den Fahrzeugreifen. Auch andere Feuerwehrleute wurden laut Protokoll verletzt, aber keiner schlimmer.
Zu Schnitzel und Wein nach Bonn eingeladen
Guido Schlosser, der am 5./6. September 1972 als Polizist auf Fursty war, sagt: „Für mich sind die Feuerwehrleute die Helden dieser Nacht.“ Sie hätten versucht, durch das Löschen des Hubschraubers Geiseln zu retten – obwohl sie mitten im Kugelhagel standen.
„Wenn man heute darüber nachdenkt, hätten wir gar nicht zum Löschen rausfahren dürfen“, sagt Michael Greif. „Die Gefahr war riesig.“ Aber man überlege in einem solchen Moment nicht, sondern wolle einfach nur helfen.
Als Dank wurde die Fursty-Feuerwehr übrigens vom damaligen Verteidigungsminister nach Bonn eingeladen, zu einem Essen. Es gab Kalbsschnitzel und ein Glas Wein, erinnert sich der 91-Jährige noch genau.
In letzter Zeit spricht er öfter mit seiner Familie – er hat zwei Töchter und zwei Enkel – über den schrecklichen Einsatz: Wegen des Jahrestags wird in den Medien viel berichtet, er liest alles und schaut sich alles an, aber dadurch kommt alles wieder hoch. Eine psychologische Betreuung für Einsatzkräfte gab es damals nicht. Und auch im Nachhinein nie.
Schweige-Gelübde?
Martin Zacherl, der Chronist der Fursty-Feuerwehr, hat ein paar Mal versucht, mit älteren Kollegen, die in jener Nacht dabei waren, über den Einsatz zu sprechen. Aber es gab „keine große Redebereitschaft“, sagt er, „als ob sie ein Schweigegelübde abgelegt hätten“.
Passend dazu berichtet Michael Greif, dass er damals beim Standortobersten unterschreiben musste, dass er nicht über den Einsatz rede. Heute aber spricht er darüber. Auch wenn es ihn immer sehr aufwühlt.
Michael Greif hat auch danach noch gerne bei der Fursty-Feuerwehr gearbeitet. Der 91-Jährige ist nach seinen und den Nachforschungen seiner Familie sowie nach dem, was das Brucker Tagblatt herausfinden konnte, das einzige noch lebende Mitglied der Feuerwehrbesatzung, die in der Nacht der Katastrophe dabei war.
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