Die Kriegs-Grauen sind für sie ganz nah

„Ich kann es immer noch nicht fassen“: Wie ein ukrainisch-russisches Ehepaar den Krieg erlebt

+
Leben seit 1995 in Garmisch-Partenkirchen: Andrey und Elena Efimenko.

Am 24. Februar jährt sich der Beginn des Aggressionskrieges Russlands gegen die Ukraine. Das Tagblatt nimmt dies zum Anlass für eine lose Serie, um das Thema regional zu beleuchten. Zum Auftakt berichten wir über ein ukrainisch-russisches Ehepaar, das in Garmisch-Partenkirchen lebt.

Garmisch-Partenkirchen – „Ich habe seit einem Jahr, seit Beginn des Krieges von Russland gegen die Ukraine Schlafstörungen“, sagt Andrey Efimenko. Der 24. Februar 2022 hat sich dem gebürtigen Ukrainer, der in Krementschuk in der Region Poltawa aufwuchs, fest eingebrannt. Fast ein Jahr ist es her, als Putin das Nachbarland angriff. Efimenko geht’s wie Millionen Menschen auf der Welt. „Ich kann es noch immer nicht fassen.“ Denn seitdem tobt dort ein Krieg, dem bereits zehntausende Soldaten und Zivilisten zum Opfer gefallen sind.

Ukraine-Krieg: Efmenko versucht, die Geschehnisse detailliert einzuordnen

Für Efimenko ist alles ganz nah. Er telefoniert regelmäßig mit einem Jugendfreund, der in seiner ukrainischen Geburtsstadt lebt, hört sich dessen Ängste an, spürt die eigene Ohnmacht. „Jeden Tag sitzt er bereits in aller Herrgottsfrühe am Computer, vergleicht alle Meldungen, die er in Englisch, Russisch, Ukrainisch und Deutsch bekommen kann, um sich ein eigenes Bild zu machen“, erzählt seine besorgte Frau Elena, gebürtige Moskauerin. Ihr Gatte versucht das Geschehen einzuordnen, schließlich verfügt er über die nötige politische Bildung. 17 Jahre lang hat er bei diversen Sicherheitskonferenzen in der russischen Kabine gedolmetscht.

Auch für die aktuell bevorstehende Münchner Sicherheitskonferenz wurde er gebucht. Diesmal sind es die russischen Oppositionellen, die Redezeit bekommen, für die er übersetzt. Da muss jedes Wort, jeder Begriff stimmen. Fundiertes Hintergrundwissen braucht er.

Ukrainisch-russisches Ehepaar: 1995 ziehen sie nach Garmisch-Partenkirchen

Nein, das ukrainisch-russische Ehepaar gehört nicht zu den Flüchtlingen, die in Garmisch-Partenkirchen Asyl gesucht haben. Die beiden kamen bereits 1995 mit ihrendamals acht und fünf Jahre alten Kindern Anastasia und Iwan in die Marktgemeinde. Andrey Efimenko, Lehrer für Fremdsprachen und Konferenz-Dolmetscher Russisch, Englisch, Deutsch, wurde damals am Marshall-Center gebraucht, wo 2001 auch seine Frau, die Historische Archivkunde studiert hatte, ihren Arbeitsplatz fand. Inzwischen besitzen sie die deutsche Staatsbürgerschaft.

Für den Ukrainer war 2016 aufgrund der geänderten politischen Situation, der neuen Strategie des Marshall-Centers, Schluss. Er ging in die Freiberuflichkeit. Seine Frau ist weiterhin dort beschäftigt. Kennengelernt hatten sich beide in Moskau. In die russische Hauptstadt waren die Eltern Efimenkos 1979 umgezogen. Dort studierte er, dort leben Vater und Bruder. „Ich habe mich als Ukrainer und Russe gefühlt – wir waren ein Volk, es gab keinen Unterschied“, erklärt der 61-Jährige. Die ukrainische Sprache, von den Großeltern noch gesprochen, war seit seiner Kindheit irgendwie verschüttet. Jetzt hat er sie wiederbelebt, entsprechende Literatur gelesen, nochmal online einen Sprachkurs besucht.

Sofort nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs: Efmenko will als Dolmetscher helfen

Gleich als die ersten Ukraine-Flüchtlinge in der Region ankamen, bot Andrey Efimenko seine Hilfe an. „Ich wollte etwas tun, habe ans Landratsamt, Rathaus und die hiesigen Kliniken geschrieben und meine Kompetenzen angegeben, weil ich mich in der medizinischen Fachsprache gut auskenne“, erzählt er. Die Resonanz war gering, was ihn traurig stimmt. Denn er hat erlebt, dass seine Landsleute kaum Englisch und schon gar kein Deutsch sprechen, gerade bei notwendigen Arzt- und Behördenbesuchen hilflos sind. „Dabei ist es so wichtig, dass sie nicht nur Deutsch lernen, sondern auch Beratung über das Leben hier bekommen.“ Als eine entfernte Verwandte mit ihrem 13-jährigen Sohn aus der Ukraine floh, nahmen die Efimenkos beide bei sich auf, übersetzten, erledigten Behördengänge mit ihnen. Inzwischen sind Mutter und Sohn in die einigermaßen sichere Zentralukraine zurückgekehrt.

Privat, bei sich zuhause, erteilt das Ehepaar drei Erwachsenen und drei Jugendlichen derzeit mehrmals wöchentlich Deutschunterricht. der 61-Jährige hat gerade einem älteren Ukrainer bei einer medizinischen Behandlung geholfen, seine Frau unterstützt die Willkommensklasse an der Gröbenschule. Vorige Woche war sie ein paar Tage bei der Mutter in Moskau. Sie ist entsetzt, wie Putins Propaganda dort bei den Menschen funktioniert. Das Ehepaar ist sich einig: Er darf aus diesem Krieg nicht als Sieger hervorgehen.

Kommentare