- VonJulian Limmerschließen
Die Münchner Gastro-Szene kämpft derzeit mit einigen Herausforderungen. Viele Restaurants sperren zu. Droht nun Kneipensterben?
München - Säcke mit Mörtel und eimerweise Farbe stapeln sich in der Wirtsstube, in der Gäste 25 Jahre lang Schnitzel aßen und Cocktails schlürften. Jetzt werkeln dort die Handwerker. Das Traditionslokal „Wassermann“ in Neuhausen (Elvirastraße 19) ist eine Baustelle – mittendrin die drei Münchner Gastronomen Patrick Zdravkovski, Stephan Wagner und Lukas Wuermeling. Sie wollen dem Wirtshaus, das Ende vergangenes Jahr zugesperrt hat, neues Leben einhauchen. Schon in den kommenden Wochen soll es wieder öffnen. Mit neuem Namen, neuem Design und neuem Konzept: Der „Wassermann“ wird das „Gspusi“ – mit angeschlossener Cocktailbar.
Die drei Wirte wagen sich damit in neue Gastro-Gefilde vor – bisher sind sie durch zwei Tapas-Lokale (Maxvorstadt und Schwabing) bekannt. Im „Gspusi“ bieten sie jetzt alpenländische Küche an: „Wir wollen unseren Beitrag leisten, dass die Tradition, ins Wirtshaus zu gehen, nicht verloren geht“, sagt Patrick Zdravkovski. Den Schritt wagen die drei ausgerechnet in einer Zeit, in der die Gastronomie mit hohen Kosten und Personalmangel zu kämpfen hat. Viele Münchner Wirtshäuser mussten in den vergangenen Monaten zusperren: Droht durch die Kosten-Explosion gar eine Schließungswelle?
Nächste Gastro-Schließungswelle in München? IHK sieht „Themen Neustart und das Umsetzen neuer Konzepte“
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) in München sieht das Risiko derzeit nicht – Münchens Gastro-Szene bleibe dynamisch: „Unsere wirtschaftlichen Berater haben den Eindruck, dass der Corona-Einbruch 2020 in der Gastronomie sehr stark spürbar war, aktuell aber eher die Themen Neustart und das Umsetzen neuer Konzepte auf der Tagesordnung stehen“, sagt eine Sprecherin.
Das zeigen auch Zahlen der IHK: So wurden im Jahr 2022 insgesamt 508 Gastgewerbe in München abgemeldet (inklusive Ummeldungen). Dem standen 698 neu angemeldete Gastgewerbe gegenüber. Die Zahlen sind damit ähnlich hoch wie vor der CoronaKrise. Diese Dynamik zeigt auch ein Blick in die Viertel: Neuhausen ist mit dem „Gspusi“ nicht der einzige Ort, an dem es einen Wirtshaus-Wechsel gibt.
Ein paar Beispiele: Im „Madame Hu“ auf der Schwanthalerhöhe (Gollierstraße 2), wo über sechs Jahre lang asiatische Straßen-Kost serviert wurde, wird gerade umgebaut: Ab Mitte April öffnet hier das koreanische Restaurant „Park“ – mit neuem Konzept und Küchenchef, der extra aus Südkoreas Hauptstadt Seoul nach München umsiedelt. Und in der Parkstraße 20 wird aus einer ehemaligen Kneipe gerade ein italienischer Imbiss. Im Glockenbachviertel steht anstelle eines französischen Restaurants seit diesem Jahr das „Gasthaus Waltz“ (Ickstattstraße 13) mit österreichischen Spezialitäten. Und im Glockenbachviertel bahnt sich noch ein weiterer Wechsel an: In der edlen „Ménage Bar“ ist Mitte April Schluss. Ein Nachfolger steht bereits fest, es wird wieder eine Bar sein.
Solche Wechsel seien derzeit weit verbreitet, bestätigt der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga: „Oft steht schon ein Nachfolger fest, bevor ein Wirt aufhört“, sagt ein Sprecher. Damit unterscheide sich München stark vom ländlichen Raum, wo viele Wirtshäuser verschwinden, weil sich keine Nachfolger mehr finden. Auch in Neuhausen standen die drei neuen Wirte bereits fest, bevor der „Wassermann“ aufgehört hatte: „Wir schlugen sofort zu. Trotz Krise: Wir wagen die Flucht nach vorne“, sagt Patrick Zdravkovski.
Mit diesen Problemen kämpfen Gastronomen in München
Keine einfache Zeit für Gastronomen in München: Das zeigt die Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer vom Jahresbeginn: 82 Prozent der Betriebe gaben an, dass sie die gestiegenen Energiepreise als echtes Geschäftsrisiko ansehen; 75 Prozent, dass ihnen der Fachkräftemangel Sorgen mache – und das in einer Branche, die als personalintensiv gilt.
Die Konsequenzen sind zu sehen: Die traditionsreiche Sankt Emmeramsmühle – dicht. Unter anderem wegen Inflation und Energiekrise. Die „Wuid“-Barwirtschaft in Untergiesing – geschlossen. Wegen Personalmangels.
Hinzu kommen Lokale, die wegen eines Vermieterwechsels rausmüssen–wie „L’Adresse“ im Westend. Und auch das Knödel-Lokal „Sankt Annas“ am Gärtnerplatz steht seit Kurzem leer.
Dehoga-Chef: „Kann für manche schon eng werden“
„Wir sind immer noch in der Erholungsphase nach Corona – und jetzt die hohen Kosten. Das kann für manche schon eng werden“, sagt Dehoga-Bayern-Chef Thomas Geppert. Dennoch: Panik sei nicht angebracht – München bliebe Gastro-Stadt.
Rubriklistenbild: © Collage/ Fotos: Christina Heichele
