Am Montag vor dem Jugendzentrum

40 Jahre nach den Todesschüssen: Großes Gedenken für Jürgen Bergbauer

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Erik Berthold und Anja Richter kannten Jürgen Bergbauer sehr gut. Sie wollen ihn mit einer Gedenkplakette öffentlich sichtbar machen.
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Am 20. März 1983 hat ein Polizist den jungen Jürgen Bergbauer am Jugendzentrum erschossen. Daran wollen seine Freunde erinnern - und versöhnen.

Gauting – Um nicht weniger als Versöhnung geht es am kommenden Montag vor dem Jugendzentrum in Gauting. Sie ist auch nötig, nach allem, was passiert ist. Vor 40 Jahren hat ein Polizist unter Umständen, die nie restlos geklärt wurden, den 14-jährigen Jürgen Bergbauer erschossen. Seine Freunde haben die Tragödie ihrer Jugendzeit nie ganz überwunden. Sie haben geweint, sie haben getrauert, sie haben verdrängt. Jetzt wollen sie irgendwie ihren Frieden machen. „Wer sich nicht erinnert, der kann sich auch nicht versöhnen“, sagt Anja Richter, eine der treibenden Kräfte hinter der Gedenkveranstaltung.

Der „Todesschuss von Gauting“, wie er genannt wurde, hat sich schon 39-mal gejährt. Doch eine so groß angelegt Gedenkveranstaltung gab es noch nie. Das hat auch damit zu tun, dass in der Corona-Zeit im Jugendzentrum beim Aufräumen Leitz-Ordner aufgetaucht sind, in denen alle Dokumente von damals aufbewahrt waren, Fotos, Stellungnahmen, Presseerklärungen, Zeitungsberichte. Wer sie gesammelt hat? Das weiß niemand so genau. „Da haben wir uns gedacht: Wir sollten das einmal größer aufziehen“, sagt der Musiker Erik Berthold.

Erik Berthold hat ihn zuletzt lebend gesehen

Berthold, Jahrgang 1964, war ein Freund von Jürgen Bergbauer – und der letzte, der ihn lebend gesehen hat. Obwohl vier Jahre älter, verstanden sich die beiden gut. Am 19. März 1983 gingen sie wieder zu einer Party, diesmal an der Max-Klinger-Straße. „Aber ich hatte furchtbares Zahnweh und wollte wieder heim“, erinnert sich Berthold. Kurz vor Mitternacht setzte er seinen jungen Freund daheim ab, nur hundert Meter vom Jugendzentrum an der Bahnhofstraße entfernt.

Was dann passierte, kann nur ansatzweise rekonstruiert werden. Fest steht: Jürgen Bergbauer zog es vor, nicht daheim zu klingeln, sondern im Jugendzentrum zu übernachten. Stammgäste wie er wussten, dass das Fenster zum Partyraum kaputt war, man kam jederzeit rein oder raus. Was er nicht wusste: Gegenüber, am Rathaus, hatten sich Polizisten postiert – tragischerweise kein einziger aus Gauting, der den jungen Mann vermutlich vom Sehen gekannt hätte. Die Beamten hatten den Auftrag, die Bahnhofstraße zu überwachen. In die dortigen Geschäfte war in den Wochen zuvor reihenweise eingebrochen worden. Irgendwann scheint die Scheibe im Jugendzentrum geklirrt zu haben, zwei der Polizisten gingen um das Haus herum. Dann lösten sich drei Schüsse aus der Pistole von Friedrich K. Und Jürgen Bergbauer war tot.

Der Aufruhr erfasste die ganze Republik

Danach war Gauting im Ausnahmezustand – und mit der Würmtalgemeinde die ganze Republik. „Bild“, „Spiegel“, „Stern“, alle berichteten. Der Freundeskreis aus dem JUZ war außer sich. „Wir wussten nicht, wohin mit unserer Wut und unserer Trauer“, erinnert sich Erik Berthold. „Wir waren kurz davor, Autos anzuzünden.“ Um ihrer Gefühle Herr zu werden, pflanzten sie eine Kastanie, sie organisierten einen Trauermarsch, sie hielten eine Mahnwache.

So manche Instinktlosigkeit der Behörden ist den Freunden noch in unguter Erinnerung, Etwa, als der Todesschütze bei einer Ortsbegehung durch die Reihen der Jugendlichen geführt wurde. „Dass es da nicht eskaliert ist, grenzt an ein Wunder“, erinnert sich Anja Richter. Aber auch der Respekt der Gautinger Polizei ihrer Trauer gegenüber ist ihnen noch gegenwärtig. „Sie haben nur geschaut, dass hier nichts aus dem Ruder läuft und uns sonst in Ruhe gelassen.“ Die Tatsache, dass sie vor dem JUZ 14 Tage mit einem offenen Feuer Totenwache hielten, wurde akzeptiert – eher untypisch für die damalige Zeit.

Auch der Ex-Polizeichef wird eine Rede halten

Am Montag ab 17 Uhr kommen viele von denen, die die Tragödie hautnah miterlebt haben, zum Jugendzentrum: Altbürgermeister Ekkehard Knobloch, der viel dafür getan hat, dass die Situation nicht eskalierte. Der ehemalige Polizeichef Wolfgang Tischer, für den das Gleiche gilt. Auch Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger will eine Rede halten. Eine Ausstellung zeigt die im JUZ neu aufgefundenen Dokumente. Höhepunkt aber dürfte der Moment werden, wenn eine Gedenkplakette für Jürgen Bergbauer am JUZ befestigt wird, mit einem Bild des Toten. „Wir wollen den Jürgen einfach sichtbar machen“, sagen die Freunde.

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Was aus dem Todesschützen Friedrich K. geworden ist, weiß in Gauting niemand. Verurteilt wurde er zu einem halben Jahr auf Bewährung, danach verliert sich die Spur irgendwo im Innendienst der Polizei. Die Einbrecher wurden sehr bald nach den Schüssen am Jugendzentrum gefasst.

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