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Nach Brand von Lottogeschäft: Die Hanrieders wollen gegen Versicherung klagen

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Ein paar Monate haben Katrin und Hannes Hanrieder einen mobilen Lottoladen vor ihrem abgebrannten Laden an der Bahnhofstraße betrieben. Den mobilen Laden mussten sie jetzt wieder abgeben. Mit auf dem Bild: die Kinder Lucy (7) und Benny. Die Lage wird für die Familie immer prekärer.
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Am 2. Mai ist der Lottoladen der Familie Hanrieder in Gauting abgebrannt. Auf die Versicherungssumme über 156 000 Euro warten sie bis heute.

Gauting – Inzwischen flüchtet sich Hannes Hanrieder in Sarkasmus. „Eine Versicherung ist eine feine Sache, bis zu dem Tag, an dem du sie brauchst“, sagt er. Wie wahr dieser Spruch ist, erleben er und seine Familie gerade am eigenen Leib. Seit dem Brand ihres Lottogeschäfts Anfang Mai warten sie vergebens auf die Auszahlung der Versicherungssumme über 156 000 Euro durch die LVM-Versicherung. Inzwischen lassen sie sich von einem Anwalt vertreten. „Wenn die Summe bis Montag nicht da ist, klagen wir“, sagt er.

Heuer am 2. Mai haben Hannes Hanrieder (38) und seine Frau Katrin (33) alles verloren. Beim Brand in den Morgenstunden ging alles kaputt, Schreibwaren, Zigaretten, Zeitschriften, Pakete, Inneneinrichtung. Der Schaden: eine halbe Million Euro. Die Ursache, wie sich schnell herausstellte: ein technischer Defekt am Kühlschrank. „Gut, dass ich versichert bin“, dachte sich der Gilchinger, nachdem er sich vom ersten Schrecken erholt hatte.

Die Versicherung spielt offenbar auf Zeit

Abgeschlossen hatte er eine Brand- und eine Verdienstausfallversicherung beim Landwirtschaftlichen Versicherungsverein Münster über je 78 000 Euro, zusammen also 156 000 Euro. Die LVM gehört zu den 20 größten Versicherungen in Deutschland. Doch inzwischen hat Hanrieder seine Zweifel, ob es dort seriös zugeht. Der zuständige Sachbearbeiter sei entweder im Urlaub, krank oder lasse sich verleugnen. Und wenn er gerade am Platz ist, fordert er neue Nachweise. Einmal sei ihm gesagt worden, dass er die Versicherungssumme schon haben könne, wenn er den Posten für Zeitungen und Zigaretten – zusammen 35 000 Euro – rauslasse. Dieses Angebot hat Hanrieder schockiert. „Da habe ich mich gefragt: Sind wir hier am Persischen Basar?“

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Dabei braucht die Familie das Geld dringender denn je. „Die Lage ist schwierig“, sagt er. Einkünfte hat er praktisch keine. Der mobile Lottoladen wirft nicht allzu viel ab, etwa 300 Euro die Woche. „Besser als nix“, sagt er. Doch den Wagen muss er wieder abgeben. Seit gestern steht er in der Nähe der Wiesn in München. „Da geht natürlich mehr“, sagt der Geschäftsmann. Ob er ihn wiederbekommt, ist sehr fraglich. „Es ist einer von drei in ganz Bayern, den brauchen auch andere.“ Derweil laufen Rechnungen über Rechnungen bei ihm auf, von der Krankenkasse, von den Lieferanten der verbrannten Ware, und, und, und. „Die haben alle viel Verständnis, aber langsam verlieren die die Geduld.“

Momentan haben sie praktisch keine Einkünfte

Dass die Versicherungssumme ausbleibt, verbaut ihm auch die Perspektive, den Laden an der Bahnhofstraße wieder zu eröffnen. Das wäre theoretisch im November oder Dezember möglich, die Handwerker sind fleißig am Werkeln. Aber zuerst einmal müsste Hanrieder mit etwa 80 000 Euro in Vorleistung gehen. Das kann er schlicht und ergreifend nicht.

Was das Ehepaar nach wie vor wahnsinnig freut, war die Hilfsbereitschaft vor Ort. Die Junge Union sammelte 3100 Euro an Spenden, die gegenüberliegende Parfümerie Petit Flair über 1000 Euro. Die Mitarbeiter des Frisörladens gegenüber traten ihr Trinkgeld ab. Und, und, und. Insgesamt kamen 7000 Euro zusammen. „Das hat uns wirklich gerührt“, sagt Katrin Hanrieder. Doch all das reicht nicht zum Überleben. Sie brauchen die 156 000 Euro von der LVM.

Der Anwalt hat so etwas noch nicht erlebt

Für Rechtsanwalt Ralf Beck ist die Sache klar. „Der Versicherungsfall ist eindeutig“, sagt er. „Die Ursache war ein technischer Defekt, ein Verschulden der Familie Hanrieder liegt nicht vor, die Summe ist auszuzahlen.“ Typisch für Versicherungen sei das Verhalten der LVM nicht unbedingt. „Ich habe schon mehrere Brandfälle abgewickelt, auch große. Die meisten Versicherer sind fair. Es ist ja klar, dass man das Geld genau in dieser Situation braucht. Aber die LVM blockiert, wo sie kann.“ Lieber wäre ihm, wenn das Geld noch im Laufe der Woche käme, er hat der Versicherung bis Freitag eine Frist gesetzt. Doch er glaubt nicht daran. „Wir bereiten uns auf den Klageweg vor.“ Aber: Bevor man einen Termin am Landgericht München II bekommt – es ist zuständig für Schadensfälle über 5000 Euro –, vergeht nach Schätzung des Juristen sicher ein halbes Jahr.

Die LVM-Versicherung gibt zum Fall keinen Kommentar ab. „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns gegenüber Dritten nicht zum Sachverhalt äußern“, teilt das Unternehmen auf Nachfrage des Starnberger Merkur mit.

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