Das Geothermie-Projekt in Attenhausen kann ein Segen für die Energiewende werden. Richtig ist aber auch: Nur wenige hundert Meter von der Baustelle zu leben, ist kein Vergnügen.
Icking – Gut ein Monat ist seit der Meißelweihe im Ickinger Ortsteil Attenhausen vergangen. Seither wird dort auf der Suche nach heißem Wasser ohne Unterlass gearbeitet. Die Baustelle auf einer Kuppe nahe der Autobahn ist 24 Stunden in Betrieb. Nachts ist sie beleuchtet. Evelyn Caprano sagt: „Viele Attenhauser haben sich mit der Situation irgendwie arrangiert, man glaubt, dass man eh nix machen kann.“ Zu denen, die das Geothermie-Projekt und seine Folgen mit einem Achselzucken hinnehmen, gehört sie nicht. Sie sagt: „Es war ein Fehler, die Anlage hierher zu verlegen.“ Weder in Gelting, noch in Sauerlach oder in Weilheim seien unmittelbar Nachbarn betroffen. Im Ickinger Ortsteil schon.
Dazu muss man wissen, dass die Attenhauser von den Auswirkungen der Geothermie-Bohrung ungleichmäßig betroffen sind. Das liegt zu einem an der Topografie: In dem hügeligen Gelände liegen die einen Häuser etwas höher, die anderen in einer Senke, oben ist es lauter, unten leiser. Außerdem sind Anwesen in der zweiten Reihe im Vorteil, das jeweilige Vorderhaus fängt ein paar Dezibel ab.
Das Haus von Evelyn Caprano und ihrem Mann an der Höhenrainer Straße 1 hingegen steht so nah wie kaum ein anderes an der Baustelle, vielleicht 400 Meter entfernt, nur die Blätter der Bäume bilden einen minimalen Schutz. Wer auf ihrer Terrasse steht, hört den Baustellenlärm deutlich. Es klingt wie das permanente Schleudern einer Waschmaschine, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Wenn es windstill ist, ist es am lautesten.
So hatte sich Evelyn Caprano das nicht vorgestellt, als sie vor gut 15 Jahren nach Attenhausen geheiratet hat. Sie kam aus München – und fand sich in einem abgelegenen Dorf wieder. Die absolute Einsamkeit hat sie schätzen gelernt. „Hier hat man bis vor Kurzem nur das Gras wachsen gehört.“ Bis die Idylle als Geothermie-Standort entdeckt wurde. Von einem Tag auf den anderen war alles anders.
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Diesen Standpunkt teilt Angelika Gößl voll und ganz. Sie hat vor vielen Jahren, als sie an die Dorfstraße 6 zog, die größtmögliche Ruhe gesucht. „Dass ein Supermarkt und eine Apotheke gefehlt haben, hat uns überhaupt nicht gestört“, sagt sie. Im Gegenteil, das seien Argumente für Attenhausen gewesen. Die Baustelle, die auch sie aus der ersten Reihe betracht, findet sie eine Zumutung, optisch und akustisch. Vor allem wehrt sie sich gegen den ständigen Vergleich mit dem Autobahnlärm. „Das sind völlig andere Geräuschkulissen“, sagt sie. Dass der Rotmilan heuer nach 14 Tagen wieder verschwunden ist, schreibt sie dem Dauerbetrieb auf der Baustelle zu. Manchmal tut es dort plötzlich einen „Dumpfen“, wie sie erzählt. Vielleicht, weil man auf besondes hartes Gestein gestoßen ist. „Dann steht man im Bett.“ Auch das Durcheinanderschreien der Arbeiter in Stressphasen sei deutlich vernehmbar. Das verübelt sie niemandem, auf Baustellen herrscht eben Druck. Aber hören tut man es trotzdem.
Konkrete Folgen hat das Treiben auf der Baustelle für die Familie Kablovsky an der Dorfstraße 5. Sie halten die Fenster meistens geschlossen, vor allem nachts. Der Sohn ist mittlerweile in den Keller umgezogen, weil er sonst nicht mehr schlafen kann. Das hat nicht nur mit dem Lärm zu tun, sondern auch mit dem Licht. „Wir werden oft angesprochen, ob es in Attenhausen neuerdings einen Freizeitpark gibt“, erzählt Bettina Kablovsky mit einem gequälten Lächeln.
Das Verhalten des Betreibers, Erdwärme Isar, irritiert viele Attenhauser. Sie fragen: Wann und wo werden die seismischen Messpunkte eingerichtet? Wann werden die Häuser begutachtet, um mögliche Schäden zu dokumentieren? Wann und wo wird geprüft, ob die Grenzwerte für den Lärm eingehalten werden? Darauf hätten sie gerne Antworten. Evelyn Caprano seufzt: „Die Informationspolitik ist von Anfang an sehr zurückhaltend gewesen.“ Sie habe vieles im Internet mühsam zusammensuchen müssen.
Noch bis November müssen die Attenhauser mit der Baustelle leben. Dann zieht sie nach Stand der Dinge Richtung Walchstadt um, zur Errichtung des sogenannten Schluckbrunnens, über den das heiße Wasser – wenn es denn gefunden wird – wieder in den Untergrund eingeleitet werden kann. Was viele nicht wissen: Danach kommt der 64 Meter hohe Turm erneut nach Attenhausen zurück, und das Ganze beginnt von Neuem.
Angelika Gößl macht kein Hehl daraus, dass es ihr das Liebste wäre, wenn dasselbe passieren würde wie in Gelting. Dort war die Bohrung ein Misserfolg. In diesem Fall müsste die ganze Baustelle wieder zurückgebaut werden, Attenhausen wäre wieder Attenhausen. Sie schaut rüber auf die Baustelle und sagt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
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