VonDoris Schmidschließen
Seit der Krieg in der Ukraine tobt, kommen weitere Flüchtlinge nach Geretsried. Hier sind auch ehemalige afghanische Ortskräfte untergebracht.
Geretsried – Seit Anfang des Jahres sind in Geretsried ehemalige afghanische Ortskräfte untergebracht. Mit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine strömten weitere Flüchtlinge in die Stadt. Die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist groß – gefühlt ist die Unterstützung für die Geflüchteten aus Osteuropa aber größer als für die Menschen aus Afghanistan. Ob das tatsächlich so ist, wollte Redakteurin Doris Schmid von Sabine Lorenz (Sozialreferentin des Stadtrats) und Hannah Schreyer von der Koordinationsstelle „Integration aktiv“ (IAG) wissen.
Frau Lorenz, Frau Schreyer, seit einem halben Jahr leben 150 ehemalige afghanische Ortskräfte in der Stadt. In der Öffentlichkeit werden sie kaum wahr genommen.
Lorenz: Mein Eindruck ist, dass die Afghanen immer noch ganz wenig Kontakt zur deutschen Bevölkerung haben.
Schreyer: Die ehemaligen Ortskräfte sind zentral in einem Übergangswohnheim der Regierung an der Jahnstraße untergebracht und werden vom Verein Hilfe von Mensch zu Mensch betreut. Wir unterstützen sie genauso wie allen anderen Gruppen und machen in unserer Arbeit keinen Unterschied. Wir haben Basare sowohl für die Ortskräfte als auch für die Geflüchteten aus der Ukraine organisiert.
Lorenz: In Geretsried gibt es viele Menschen, die Russisch sprechen. Und viele Ukrainer sprechen ja Russisch. Von daher ist da eine andere Hilfsbereitschaft da.
Der Schlüssel ist wieder einmal die Sprache?
Lorenz: Ja, und auch die Kontakte machen es aus. Viele Geretsrieder haben Familie in der Ukraine, oder sie kennen jemanden, der vom Krieg betroffen ist. Dadurch entsteht eine andere Nähe. Die Ukrainer beziehungsweise die Ukrainisch oder Russisch sprechenden Geretsrieder sind extrem aktiv. Sie helfen ihren Landsleuten, und das steckt natürlich an. Damit ist eine ganz andere Bereitschaft da als bei einer Kultur, mit der man wenig Berührungspunkte hat.
Welche kulturellen Unterschiede gibt es?
Lorenz: Die Ukrainer sind anders sozialisiert, die Frauen emanzipiert. Unter den Geflüchteten aus Afghanistan gibt es mitunter sehr religiöse Muslime mit konservativen Vorstellungen. Viele Ukrainer sind dezentral bei einheimischen Familien untergebracht – im Gegensatz zu den ehemaligen afghanischen Ortskräften. Ich weiß von keiner Familie, die außerhalb des Heims lebt. Der direkte Kontakt ist nur schwer möglich, weil wir gar nicht rein dürfen.
Die ehrenamtliche Hilfsbereitschaft endet also an der Türschwelle?
Schreyer: Wir bei IAG fungieren als Knotenpunkt. Auf der Liste unseres Helferkreises, den ich organisiere, stehen 170 Ehrenamtliche, die meisten sind aus Geretsried. Das ist schon enorm. Der Kontakt in die Unterkunft erfolgt hauptsächlich über den Verein Hilfe von Mensch zu Mensch. So konnten wir zum Beispiel einem 13-jährigen Jungen eine Hausaufgabenbetreuung ermöglichen.
Lorenz: Auch eine Ärztin aus Afghanistan konnten wir an die Wolfratshauser Kreisklinik vermitteln. Sie macht dort ein Praktikum. Das geht nur auf Englisch, funktioniert aber hervorragend. Außerdem gibt es ein Mädchen, das einen Pflegeberuf erlernen möchte, wenn es dafür ausreichend Deutsch kann.
Und wer schneller Deutsch spricht, ist schneller vermittelbar. Sind unzureichende Sprachkenntnisse immer noch der springende Punkt?
Schreyer: Die offiziellen Kurse, die unter anderem über die Volkshochschule laufen, fangen aufgrund von Personalschwierigkeiten erst im September an. Das ist natürlich eine lange Zeit.
Lorenz: Es wusste niemand, dass der Ukraine-Krieg dazwischen kommt. Und die Ukrainer wollen ja auch Deutsch lernen.
Schreyer: Zur Überbrückung bieten unsere Ehrenamtlichen Sprachkurse für alle Geflüchteten an. Aber das reicht bei weitem nicht. Wir suchen weiterhin nach ehrenamtlichen Lehrkräften.
Das fördert die Motivation nicht gerade. Die ehemaligen Ortskräfte sollten ja so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt integriert werden.
Lorenz: Wir – und auch die Ortskräfte – sind davon ausgegangen, dass sie vier bis sechs Wochen hier bleiben, sich die Bundesregierung um sie kümmert und sie Arbeit bekommen. Doch so ist es nicht gekommen. Viele fühlen sich frustriert und ausgebremst.
Schreyer: Die Ortskräfte kommen aus ganz unterschiedlichen Berufsgruppen und haben zum Teil in hohen Positionen gearbeitet. Darunter sind Rechtsanwälte, Ärzte und Fahrer. Sie warten immer noch auf ihr Briefing, damit sie wissen, wie es für sie weitergeht.
Wer trägt die Schuld an dieser Misere?
Lorenz: Es wusste niemand, dass der Ukraine-Krieg dazwischen kommt. Die Regierung wurde von den Auswirkungen überrollt, auch unser Landratsamt. Das ist keine böse Absicht, da ist einfach Land unter. Aber ich habe das Gefühl, dass die Ortskräfte darüber ein Stück weit von der Bundesregierung vergessen wurden.
Was fordern Sie von der Politik?
Lorenz: Die ehemaligen Ortskräfte waren Beschäftigte der Bundesregierung, die sehe ich hier in der Verantwortung. Sie soll sich dem Ganzen endlich annehmen und in Geretsried zwei zusätzliche Stellen schaffen.
Schreyer: Ich wünsche mir, dass jemand vor Ort ist, der sich kümmert und auch uns als Stadt unterstützt. z
Lorenz: Wir brauchen jemanden, der gruppendynamische Prozesse steuert, einen Kümmerer, der als Motor fungiert und den Ortskräften dabei hilft, sich als Gruppe zu definieren, ihnen sagt, wo’s langgeht und eine Tagesstruktur vorgibt. Genau so jemanden erwarten sie auch. Das können weder wir noch unsere Ehrenamtlichen oder der Verein Hilfe von Mensch zu Mensch leisten. Dafür sind sind es einfach zu viele Menschen.
Wissen Sie, ob immer noch ehemalige Ortskräfte nach Geretsried kommen?
Lorenz: Es kommen immer wieder welche. Aber das erfahren wir nur durch Zufall. Die Regierung informiert weder die Stadt noch uns.
In Zeiten von Personalnot schlummert da ein Schatz.
Lorenz: Die Menschen werden ganz sicher nicht mehr in ihr Heimatland zurückgehen. Da sind ganz wiefe Kerlchen und Mädchen dabei. In ihre Ausbildung müsste man Zeit und Geld investieren. Sonst vergeben wir uns so viel. Mir ist ein Ehepaar bekannt, das sagt: „Wir wollen, dass unsere Tochter hier aufwächst und eine Chance hat.“ Und das ist auch unsere Chance.
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