Er wartet seit drei Jahren auf einen Bescheid

Der Helfer, dem keiner hilft: Jalal Abdallah aus Geretsried hat nur einen Wunsch

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Viele Papiere, aber das wichtigste fehlt: Jalal Abdallah ist seit drei Jahren in Deutschland. Noch immer weiß der 47-Jährige, der in der Asylbewerberunterkunft an der Jahnstraße lebt, nicht, ob er bleiben darf.
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Vor drei Jahren ist Jalal Abdallah aus seiner Heimat, dem Irak, geflüchtet. Seither kämpft er in Deutschland für ein neues Leben. Sein größter Wunsch klingt simpel – doch der Rollstuhlfahrer bangt, ob er je in Erfüllung gehen wird.

Geretsried – Jalal Abdallah ist ein Macher. „Ich kann nicht einfach warten und Kaffee trinken.“ Deswegen zögerte der 47-Jährige auch nicht, als im Januar ein wohnsitzloser Serbe die Verkäuferin eines Tabakwarengeschäfts am Münchner Hauptbahnhof angriff. Während niemand einschritt, war er der erste, der der um Hilfe rufenden Frau beistand. Abdallah redete beschwichtigend auf den Täter ein und lenkte ihn so von der verängstigten Frau ab. Erst nach seinem beherzten Eingreifen kamen auch zwei weitere Männer in den Laden, kurz darauf nahmen Beamte der Bundespolizei den Randalierer fest. Ein Polizeisprecher berichtete, dass Abdallahs couragiertes Einschreiten Schlimmeres verhinderte. Abdallah erinnert sich noch gut an den Vorfall. Doch sein Handeln ist für ihn nichts besonderes. „Ich konnte doch nicht nichts tun. Ich habe nur meinen Job gemacht.“ Anderen zu helfen, sieht er als seinen Job, seitdem er in Deutschland ist. Doch einen echten Arbeitsplatz findet er nicht, denn er weiß noch immer nicht, ob er hierbleiben darf. „Das Warten und die Ungewissheit sind am schlimmsten.“

Seit einem Anschlag ist der Iraker gelähmt

Aus seiner Heimat, dem Irak, musste Abdallah flüchten, weil er dort nicht mehr sicher war. Er absolvierte in Bagdad ein Ingenieurstudium, als er und eine seiner beiden Schwestern Opfer eines Terroranschlags wurden. Seine Schwester wurde getötet, erzählt Abdallah. Er ist durch die Schussverletzung seither vom Brustkorb abwärts gelähmt. „Für mich gab es keinen sicheren Ort mehr in meinem Land“, sagt Abdallah. „Niemand kümmert sich um Menschen mit einer Behinderung.“ Im Gegenteil – sie werden nicht integriert, sondern ausgestoßen. In der Flucht sah er die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben.

Daran arbeitet er, seit er in Deutschland ist. Bevor er in die Asylbewerberunterkunft an der Geretsrieder Jahnstraße verlegt wurde, lebte er in einem Flüchtlingsheim in Germering. Dort war Abdallah der Dolmetscher für alle. Er spricht sieben Sprachen: Kurdisch, Arabisch, die persischen Sprachen Farsi und Dari, Urdu, die Amtssprache von Pakistan und einigen indischen Bundesstaaten, Englisch und Deutsch. „Servus, Griasdi – Bairisch lerne ich gerade“, sagt Abdallah und lächelt. Seine Sprachkenntnisse hat sich auch die Stadt Germering zu Nutzen gemacht. Abdallah arbeitete für sie als Asylmittler, half anderen Flüchtlingen „bei der Orientierung und Verständigung in der deutschen Gesellschaft“. Außerdem begleitete er Asylbewerber bei Behördengängen, half in der Kleiderkammer und bei der Tafel. Er leiste „wertvolle Arbeit“ und ist ein „wesentliches Bindeglied“, das die „Integration insgesamt forciert“, heißt es in seinem Arbeitszeugnis.

Es ist nur eines von vielen Papieren, die der 47-Jährige in einer ledernen Aktentasche aufbewahrt und immer bei sich trägt. Denn diese Dokumente stehen für sein ganzes Leben in Deutschland. Sein Schwerbehindertenausweis, ärztliche Atteste über seine Behinderung und sämtliche Folgeerscheinungen, Zeitungsartikel über seine Tätigkeit in Germering, den Einsatz am Hauptbahnhof, das Arbeitszeugnis aus Germering und der Bescheid über ein erfolgreich absolviertes Praktikum in den Oberland-Werkstätten. Was nicht dabei ist, ist die Erlaubnis, hierbleiben zu können.

Für Kinder spielt der Rollifahrer oft Taxi

Ohne die bekommt Abdallah keine Arbeit. „Es macht mich krank, nichts tun zu können. Dabei liebe ich dieses Land“, sagt Abdallah. Er möchte sich revanchieren, für die Gastfreundschaft, die er nach seiner Ankunft hier erfahren hat. Außerdem will er endlich eigenes Geld verdienen. Seine braunen Augen starren ins Leere. „Manchmal fühle ich mich gar nicht als Mensch. 24 Stunden in einem 13 Quadratmeter großen Zimmer zu sitzen, das ist doch nichts.“ Erschwerend kommt hinzu, dass er an seinen Rollstuhl gebunden ist. Der behandelnde Arzt bescheinigt ihm eine depressive Störung.

Trotzdem versucht Abdallah, optimistisch zu sein. „Für die Menschen in der Unterkunft übersetze ich, oder gehe mal mit zum Arzt.“ Die Kinder finden ihn toll, mit seinem Elektro-Rollstuhl spielt er für sie oft Taxi. „Es ist einfach schön, helfen zu können“, sagt Abdallah. „Ich will doch nur eine kleine Chance.“ Aber ob oder wann er sie bekommt, weiß niemand. Es heißt weiterhin: abwarten. mh

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