Der Kapitän geht von Bord

Nach elf Jahren: Direktor des Geretsrieder Gymnasiums geht in Ruhestand

+
„Ich war gerne Direktor am Geretsrieder Gymnasium“: Nach elf Jahren als Schulleiter und 36 Jahren als Lehrer geht Dr. Hermann Deger zum Schuljahresende in den Ruhestand – auf seinem Bildschirm eines seiner Lieblingsfotos.

Nach elf Jahren als Direktor am Geretsrieder Gymnasium geht Dr. Hermann Deger zum Schuljahresende in den Ruhestand. Zum Abschied haben wir mit ihm gesprochen.

Geretsried – Nach elf Jahren als Direktor am Geretsrieder Gymnasium geht Dr. Hermann Deger zum Schuljahresende in den Ruhestand. Der 63-Jährige hat eine ereignisreiche und spannende Zeit mit vielen „Baustellen“, auch im übertragenen Sinn, erlebt. Über Höhepunkte und Tiefschläge, G8 und G9, ferne Länder und Lernlandschaften, Regeln und Freiräume sprach unsere Mitarbeiterin Tanja Lühr mit dem scheidenden Schulleiter.

-Herr Deger, Sie haben gleich mit ihrem Dienstantritt 2007 ein schönes Begrüßungsritual für die neuen Fünftklässler eingeführt. Jedes Jahr überlegt sich die jeweilige Q12 ein Motto. Alle verkleiden sich und begrüßen so die frisch gebackenen Gymnasiasten.

Ich habe mir damals gedacht, ich kann mich doch nicht einfach vor diese Zehnjährigen hinstellen und eine Rede halten. Also habe ich mir etwas überlegt. Von einem befreundeten Kapitän lieh ich mir Uniform und Kapitänsmütze aus. In dieser Aufmachung hieß ich die neuen Schüler willkommen an Bord des „Kreuzfahrtschiffs Gymnasium Geretsried“. Es folgten Mottos wie „Harry Potter“, „Pirates of the Caribbean“ oder die Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Jede Klasse bekam dafür ein Land zugeteilt, angefangen bei A wie Argentinien. Weil ich Frankreich gerne dabei haben wollte, ließ ich den Buchstaben D (Deutschland) aus und bildete stattdessen eine 5f. Meine Sekretärin Frau Vree sagte nach dem Schuljahr: „Bitte tun Sie das nie wieder, Herr Deger!“

-Was haben Sie zusammen mit dem Kollegium noch eingeführt, worauf Sie stolz sind?

Das Nepal-Projekt ist etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Wir haben es 2008 mit Hilfe der Nepal-Initiative Schongau begonnen. Physiklehrer Stephan Baur hat gleich nach dem ersten Besuch die Betreuung übernommen. Mir war klar, das sollte keine One-Way-Geschichte werden, in der wir nur Kleidung, Schulsachen und andere Hilfsgüter in unsere Partnerschule, die Lophelling Boarding School für tibetische Flüchtlinge im Manang-Tal, bringen. Tatsächlich profitieren unsere Schüler in ähnlicher Weise von den Besuchen. Sie lernen etwas über das Leben und die Lebensphilosophie der Tibeter. Diese verstehen es, aus nichts etwas zu machen und mit wenig zufrieden zu sein.

-Während Ihrer Dienstzeit sind auch die Lernlandschaften entstanden.

Ja. Das war eine Idee, die bei einer Schüler-Eltern-Lehrer-Zukunftswerkstatt in der Jugendsiedlung Hochland in Königsdorf geboren wurde. Ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, dass sich das in unserem Schulgebäude verwirklichen lässt. Doch vom Landratsamt bekam ich Unterstützung. Vor zwei Jahren haben wir die Lerninseln mit dem Marktplatz eingeführt. Das Modell „SOL“ für „selbst organisiertes Lernen“ in den fünften und sechsten Klassen wird derzeit erfolgreich im Interimsgebäude praktiziert. Ich denke, das wird die Zukunft der Schulpädagogik sein: weg vom Frontalunterricht hin zu individuellerem Lernen.

-Weniger schön war sicher, dass sich die gesamten elf Jahre über immer irgendwo eine Baustelle im Schulgebäude befand.

Ich sehe das positiv. Die Alternative wäre doch, dass überhaupt nicht gebaut wird. Dann gäbe es zwar keinen Dreck und keinen Lärm, aber wir würden auch keine neuen Räume und keine neue Turnhalle bekommen. Die aktuelle Generalsanierung in Abschnitten hat den Vorteil, dass man ganz nah an den Bedürfnissen der Schule bauen kann. Man kann zum Beispiel bei Bedarf noch ein Fenster oder eine Tür einplanen – das Wohlwollen des Architekten vorausgesetzt.

-Weitere Baustellen im übertragenen Sinn waren die Einführung des G8 und die Wiedereinführung des G9.

Auch das sehe ich im Rückblick nicht so dramatisch. Das G8 hatte den Vorteil, dass die Schüler ein Jahr gewonnen hatten, in dem sie zum Beispiel reisen konnten. An der Qualität hat das eine Jahr mehr oder weniger meiner Meinung nach nichts geändert. Ich sehe aber schon, dass die Situation jetzt mit dem neuen G9 und bei uns schon vorher mit der Einführung der Mittelstufe-Plus (einer Art freiwilligem G9, Anm.  d. Red.) spürbar entspannter ist. Dank der Mittelstufe-Plus wird bei uns übrigens nicht wie an anderen Gymnasien ein Abiturjahrgang komplett ausfallen. Wir werden einen kleineren Jahrgang haben. Mit den voraussichtlichen Zahlen können wir vernünftige Kurse bilden.

-25 Jahre lang waren Sie Mathematik- und Physiklehrer, unter anderem am Erasmus-Grasser-Gymnasium in München und am Gabriel-von-Seidl-Gymnasium in Bad Tölz. Elf Jahre lang waren Sie Direktor. Was hat Ihnen besser gefallen?

Zunächst einmal muss ich gestehen, dass ich mich nach dem Ende meines Lehramt-studiums gefragt habe, ob ich wirklich Lehrer werden will. Ich ging dann als Praktikant in eine große Firma. Aber ich merkte schnell, dass ich mich langweilte. Ich war unterfordert. Da wollte ich doch lieber in einem Betrieb arbeiten, der mich möglicherweise überfordert. Ich würde im Rückblick sagen, ich war gut gefordert als Lehrer. Die schönste Zeit war dabei die als Seminarlehrer am Erasmus-Grasser-Gymnasium. Ich konnte dort sehr viel selbst entscheiden. Ich habe aber auch als Direktor immer unterrichtet, unter anderem leitete ich den letzten Physik-Leistungskurs vor der Oberstufenreform. Insofern gab es die völlige Trennung für mich nie. Das Schöne als Direktor am Geretsrieder Gymnasium waren für mich die gute Zusammenarbeit mit den Eltern und mit dem Landratsamt. Es herrschte immer ein liberales, freundliches Klima an der Schule, gleichzeitig hatten wir immer gute Abitur-Notenschnitte.

Im Kapitänskostüm begrüßte Dr. Hermann Deger bei seinem Amtsantritt 2007 die neuen Fünftklässler.

-Viele sagen, die Jugend habe sich zum Negativen verändert. Können Sie das bestätigen nach 36 Jahren als Pädagoge?

Das sagen die Älteren seit Jahrhunderten. Deshalb kann das nicht stimmen. Es gab vor, sagen wir einmal zehn Jahren, auch schon Mobbing, wenn auch nicht im Internet. Es gab Ausreißer bei Klassenfahrten und Abi-Streichen. Ich finde, wir Pädagogen müssen uns mehr auf die Jugend einstellen. Wir müssen uns zum Beispiel mit den Möglichkeiten des Smartphones auseinandersetzen. Zum anderen brauchen wir klare Regeln im Umgang mit sozialen Netzwerken.

-Ein anderes Beispiel?

ADHS-Schüler. Meine Frau ist Erzieherin. Von ihr habe ich gelernt, dass man unterschiedliche Kinder unterschiedlich behandeln muss. Manche brauchen ganz deutliche Strenge, die per se nicht schlecht ist, so lange sie nicht persönlich verletzend ist. Andere können mit Freiheit umgehen. Denen lasse ich Spielräume, damit sie sich entfalten können. Das Lernlandschaften-Konzept erlaubt beides auf eine sehr schöne Weise. Sehen Sie, wir haben so viele tolle Arbeitsgruppen und Projekte, in denen sich Jugendliche an unserer Schule engagieren. Ich möchte einmal beispielhaft die Sanitäter und deren vorbildliches Verhalten herausgreifen, als unser Hausmeister sich vergangenen Sommer beim Rasenmähen schwer an der Hand verletzt hatte.

-So positiv, wie Sie über „Ihr“ Geretsrieder Gymnasium“ sprechen, möchte man meinen, der bevorstehende Abschied fällt Ihnen nicht leicht.

Sicher nicht. Ich war gerne Direktor am Geretsrieder Gymnasium. Deshalb hatte ich mich nach meinem Schlaganfall im Jahr 2011 mit Eifer zurückgekämpft ins Berufsleben. Bei der Gelegenheit möchte ich mich bedanken für die tolle Unterstützung durch das Staatsministerium und meine Stellvertreterin Christine Kolbeck. Nun komme ich auf meine erste Begrüßung der Fünftklässler zurück. So wie sie mit dem Abitur das Kreuzfahrtschiff „Gymnasium Geretsried“ verlassen und etwas Neues anfangen, fange auch ich etwas Neues an.

-Welche Pläne haben Sie für Ihren Ruhestand?

Ich habe vor, mich ehrenamtlich an meinem Wohnort Penzberg zu engagieren, indem ich benachteiligten Schülern in den naturwissenschaftlichen Fächern als Coach helfe. Weil meine Frau gleichzeitig mit mir in den Vorruhestand geht, können wir jetzt auch außerhalb der Ferien zusammen verreisen. Ich freue mich außerdem, meine neun Monate alte, erste Enkeltochter intensiver beim Aufwachsen beobachten zu können.

Nachfolger

von Dr. Hermann Deger wird Christoph Strödecke. Er war zuletzt stellvertretender Schulleiter am Münchner Gisela-Gymnasium. Die Verabschiedung von Dr. Deger im Geretsrieder Gymnasium findet am Dienstag, 24. Juli, statt. Tanja Lühr

Lesen Sie auch: Gegen dicke Luft im Klassenzimmer: Geretsrieder Gymnasiasten bei Jugend forscht

Kommentare