Auf den Dächern türmt sich der Schnee bedenklich. Momentan wird geschaufelt, was das Zeug hält. Statiker Florian Sachers erklärt, worauf es ankommt.
Geretsried – Florian Sachers hat im Moment alle Hände voll zu tun. Der Statiker und Leiter des Ingenieurbüros Sachers prüft die Traglasten der Dächer in Geretsried, sowohl von öffentlichen Gebäuden als auch von Firmengebäuden. Am Freitag nahm er von Hausdächern an der Staatlichen Feuerwehrschule Schneeproben. Unsere Mitarbeiterin Tanja Lühr fragte nach, wie er die aktuelle Situation einschätzt.
Herr Sachers, wie kritisch ist die Situation?
Die Situation ist erstmals seit 2006, dem Jahr, in dem die Eishalle von Bad Reichenhall zusammenbrach, wieder sehr kritisch. Die Schneelast ist erreicht, örtlich sogar geringfügig überschritten. Das bedeutet, dass Einsturzgefahr besteht, zumal für den Sonntag und Montag weitere Niederschläge vorhergesagt sind. Es ist daher sicherer, gefährdete öffentliche Gebäude – vor allem solche mit Flachdächern – zu sperren und die Dächer freizuräumen. Das hat die Stadt bereits getan, beziehungsweise ist sie dabei zu tun. Viele Firmen wollen ebenfalls kein Risiko eingehen und haben geschlossen.
Woran erkennt man, dass die Schneelast erreicht ist?
Die Schneelast wird gemessen in Newton pro Quadratmeter, also einer Kraft pro Fläche. Sie ist tabellarisch festgelegt. Deutschland ist dafür in Zonen eingeteilt. Das Alpengebiet gehört zur höchsten Kategorie. Hinzu kommt für jeden Ort ein Faktor, der sich aus der geografischen Höhe errechnet. In Geretsried liegt die Schneelast bei 115 Kilogramm pro Quadratmeter. Häuser, die nach 2006 gebaut wurden, müssen sogar eine Last von 246 Kilo pro Quadratmeteraushalten. Bei letzteren muss man sich im Moment keine Sorgen machen. Bei älteren Häusern, Carports und Gartenhütten ist die Traglast dagegen geringer. Ein Carport etwa ist für 75 Kilo ausgelegt.
Und wie messen Sie die Last?
Mit einem langen Plastikrohr entnehme ich eine Probe vom untersten bis zum obersten Ende der Schneemasse auf dem Dach, da diese aus verschieden schweren Schichten besteht. Nasser, klebriger Neuschnee ist besonders schwer. Er wiegt bis zu 200 Kilo pro Kubikmeter. Dieselbe Menge Pulverschnee wiegt weniger als ein Viertel so viel. Das Rohr wird dann auf einer Briefwaage gewogen, und ich kann anhand des Ergebnisses das Durchschnittsgewicht errechnen. Im Moment liegt es in Geretsried zwischen 100 und 130 Kilo. Kommen bei 130 Kilo noch einmal, wie von den Meteorologen prognostiziert, bis zu 40 Liter Niederschlag drauf, wird es brenzlig.
Es kommt auch aufs Dach an, ob es brenzlig wird?
Ja. Geneigte Dächer sind weit weniger gefährdet als Flachdächer. Ein Standard-Holzdachstuhl stürzt so leicht nicht ein. Ein Blechdach hält natürlich nur einen Bruchteil der Last aus, die ein Betondach trägt. Es gilt also viele Faktoren zu beachten.
Wie weiß ich als Hauseigentümer, wie viel Schnee mein Dach verträgt?
Das steht bei den Statik-Unterlagen gleich am Anfang – sofern man sie aufgehoben hat. Rohre und Briefwaagen zum Messen gibt es in jedem Baumarkt.
Was mache ich, wenn der Wert erreicht oder überschritten ist?
Aufs Dach steigen und Räumen sollte grundsätzlich nur eine Fachfirma. Die sind allerdings im Oberland im Moment ziemlich ausgebucht. Niedrige Dächer, wie etwa solche von Carports, kann man selbst von einer Leiter aus ein wenig freischaufeln. Jedes Kilo weniger, und sei es nur an den Rändern, bringt Entlastung. Bei schrägen Dächern sollte man darauf achten, dass die Schneefangbalken oder -gitter nicht morsch oder kaputt sind und brechen. Hier besteht eher die Gefahr von Dachlawinen. Tanja Lühr
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