Vortrag im Stadtmuseum

Die Geschichte eines Überlebenden

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Gegen das Vergessen: Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer berichtet in Tölz von seinen Erfahrungen.

Bad Tölz - Max Mannheimer spricht im übervollen Historischen Sitzungssaal über die Gräuel, die er im KZ erdulden musste.

 „Überwältigt“ war Christof Botzenhart, 2. Vorsitzender des Historischen Vereins, als er am Dienstagabend die Gäste im Historischen Sitzungssaal begrüßte. Die Stühle reichten nicht aus, so groß war der Andrang. Unter den Besuchern waren auch zahlreiche Jugendliche und einige Kinder. Sie alle waren gekommen, um sich die Lebenserinnerungen des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer anzuhören. Der 95-jährige Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau hält seit Jahrzehnten Vorträge und spricht vor allem vor jungen Menschen über das in den Konzentrationslagern erlittene Leid, um dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Einziger Wermutstropfen am Dienstag: Durch die schlechte Lautsprecheranlage war der Vortrag weiter hinten kaum zu verstehen.

Mannheimer berichtete von der Verhaftung seines Vaters im Zuge der Novemberpogrome 1938, vom Brennen der Synagogen und den immer weiter reichenden Verboten, die Juden das Leben schwer machten. Und er erzählte von seiner Deportation Ende Januar 1943. Die ganze Familie wurde zuerst nach Theresienstadt gebracht und von dort weiter ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Selektion an der Rampe sei das schlimmste Erlebnis seiner 27-monatigen Haft gewesen, sagte Mannheimer auf Nachfrage. Es war der Moment, als er seine Eltern, seine Ehefrau und seine Schwester zum letzten Mal sah. Auch zwei seiner Brüder fanden den Tod. „Von der achtköpfigen Familie haben nur ich und mein Bruder Edgar überlebt.“ Diese Erinnerung werde er nie verdrängen können. „Das wird immer bleiben. Man hat Menschen nur wegen ihrer Religion ermordet.“

Was ihm die Kraft gegeben habe, weiterzumachen, lautete eine Frage. „Mein Bruder. Er war der geborene Optimist. Er hat gesagt: ,In zwei Wochen kommen die Amerikaner oder Russen.‘ Und auch wenn es nicht gestimmt hat, hat es doch geholfen.“

Dass die beiden Brüder überlebten, grenzte tatsächlich an ein Wunder. Denn Auschwitz war nicht die letzte Station. Im Oktober 1943 wurden sie nach Warschau deportiert, um die Reste des zerstörten Ghettos zu beseitigen. Sie überlebten den Transport ins KZ Dachau und die Zwangsarbeit im Außenlager Karlsfeld. Dort habe es einen Aufseher gegeben, der immer seinen Schäferhund auf die Häftlinge hetzte. „Obwohl mich der Hund damals nie gebissen hat, habe ich davon Albträume“, berichtete der 95-Jährige. Wie er es geschafft habe, die Gräuel in den Lagern emotional zu verarbeiten, wollte eine Zuhörerin wissen. „Ganz schlecht“, sagte Mannheimer. Er berichtete von Depressionen und einer Zeit, in der er kontrollierte, ob aus den Duschköpfen wirklich Wasser floss und kein Gas. „Dann habe ich mit dem Malen begonnen.“ Und er fing an, über das Erlebte zu erzählen.

Dafür bedankte sich am Dienstag eine Zuhörerin. Sie sei Jahrgang 1946 und habe „sehr darunter gelitten, dass keiner erzählen wollte, wie es war“. Noch heute stelle sie fest, wie tief verwurzelt Vorurteile gegen Juden und andere Nationen in ihrer Generation seien. „Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie reden.“

Ob er verzeihen könnte, was ihm angetan wurde, war eine andere Frage. „Den Tätern nicht“, antwortete Mannheimer. „Aber denen, die nicht gemordet haben, schon.“ Und es habe auch „in Uniform Menschen gegeben, die Menschen geblieben sind“, ergänzte er. Warum es denn gerade unter den männlichen KZ-Häftlingen nicht mehr Rebellion gegeben habe, wollte eine Frau wissen. „Es ist schwer, sich gegen Maschinengewehre zu wehren, wenn man nur eine Schüssel und einen Löffel hat“, antwortete Mannheimer. Zudem sei er „nie ein Held gewesen. Und wenn ich kein Jude gewesen wäre, weiß ich auch nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, einen zu verstecken“.

Sein letzter Appell an die Zuhörer: „Tragen Sie den Gedanken des Humanismus weiter.“

Veronika Wenzel

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