VonKatrin Kleinschmidtschließen
Maiken Winter macht sich in der ÖDP stark für ein nachhaltiges Leben, ihr Bruder Michael Winter klebt sich auf Straßen fest. Von Geschwistern, die das Gleiche wollen, aber andere Wege gehen.
Landkreis – Ein schönes Wochenende mit einer Freundin. Entspannt in den Bergen wandern, die Landschaft genießen. Maiken Winter hatte schon alles geplant. Und schnürte am vergangenen Samstag dann doch nicht die Bergstiefel. Die Raistingerin ließ den Ausflug in die Alpen sausen, stieg stattdessen in den Zug Richtung Lützerath, demonstrierte mit tausenden Menschen gegen die Vernichtung weiterer Landschaft und den Abbau der Kohle. Friedlich, wie sie betont.
Die 54-Jährige engagiert sich schon lange für den Umweltschutz. Und bringt dafür Opfer. Wie an jenem Samstag, als sie den Ausflug absagte. Und immer dann, wenn sie auf einen verspäteten Zug wartet – ein Auto besitzt Winter nicht. Für das Klima. Die promovierte Biologin, die im Umweltbereich eines Vereins arbeitet, wurde bei einem Klimaprojekt mit Al Gore (der ehemalige US-Vizepräsident brachte den Film „Eine unbequeme Wahrheit“ heraus) aufgerüttelt. 2007 war das, Winter lebte damals einige Jahre in den USA. Zurück in Deutschland blieb sie aktiv: Sie hält bis heute Vorträge, besucht Demonstrationen, schreibt Briefe an Entscheidungsträger. Sie trat der ÖDP bei, für die sie im Gemeinderat und Kreistag sitzt – und für die sie bereits für Landtag und Bundestag kandidierte.
(Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Weilheim-Penzberg-Newsletter.)
So kam Michael Winter zur letzten Generation
Mit ihrem Engagement, ihren eindringlichen Worten und Buchempfehlungen überzeugte sie auch ihren großen Bruder. Über das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ kam Michael Winter zu „Fridays for future“ und schließlich zu Demonstrationen verschiedener Umweltschutzorganisationen. 2018 war der heute 60-Jährige beim Kampf um den Hambacher Forst dabei. „Da gab es eine Tradition von Widerstand“, erinnert sich Michael Winter. Nach der angemeldeten Demonstration blieb er vor Ort. „Ich habe diese Grube gesehen, sie war sehr eindrucksvoll.“ Nicht im positiven Sinne. „Es war wie eine Mondlandschaft. Dazu der Bagger, der unentwegt baggerte, das Förderband, die rauchenden Schornsteine. Es qualmte kontinuierlich.“ Es war ein heißer Spätsommertag, Winter stand auf einem staubigen Acker und kam mit zwei Aktivisten ins Gespräch. Er begleitete sie zu einer Gleisblockade, mit der ein Kohlezug ausgebremst wurde. „Ich war völlig unbeleckt, hatte keinen Schlafsack dabei, war nicht vorbereitet.“ Zwei Stunden setzte er sich dazu. In den Jahren danach blockierte er mehrfach Gleise. „Klar ist das symbolisch“, sagt er. Kein Kraftwerk habe je gedrosselt werden müssen. Aber es war ein Zeichen.
Aktivist der letzten Generation blockiert Straßen und dreht Öl-Pipeline zu
Ein solches setzten 2021 auch Aktivisten der „Letzten Generation“ mit einem Hungerstreik. Michael Winter verfolgte diesen aus der Ferne mit „großem Unwohlsein“. Dass die Streikenden schließlich ein Gespräch mit Olaf Scholz erzwangen, beeindruckte ihn. Er schloss sich der Gruppierung an. Am 20. Januar 2022 blockierte er erstmals eine Straße, mitten in Berlin. In den Monaten danach war er bei vielen Aktionen dabei, drehte Öl-Pipelines zu, beteiligte sich an einer Störaktion am Münchner Flughafen, klebte sich an Straßen, unter anderem am Stachus und an der Prinzregentenstraße in München, fest. Ein Polizist riss einmal zu fest am Arm, die Haut an der Handfläche löste sich.
Winter macht daraus kein großes Thema, „ich unterstelle ihm mal, dass er das bereut hat“. Der 60-Jährige hat eine ruhige Art, eine zarte Stimme. Er ist nicht laut, nicht vehement, eher sanft und ausgeglichen. Er ist besorgt um die Zukunft, ihn treibe „Menschenliebe“ an, sagt er. Wer in seinem Leben ein „Weiter so“ möchte, könne nicht weiter die Umwelt, die Grundlage des Lebens zerstören. Die „Letzte Generation“ sei eine „positive, vitale Kraft, die aufwecken will“.
Einsatz für das Klima: „Es geht darum, das Überleben zu sichern.“
„Wir geben ein Störsignal, sind der Feueralarm“, sagt Michael Winter. „Klar, das kann nervig sein.“ Bei wem schon einmal der Rauchmelder im Haus losgegangen ist, der wisse das. Doch der Ton sei wichtig, er rette Menschenleben. „Man muss sich dran gewöhnen, dass wir viel verlieren, auch Lebensqualität. Wir sind schon in der Gefahrenzone.“ Die „Letzte Generation“ beruft sich auf wissenschaftliche Studien. „Es geht hier nicht um Meinung“, sagt Maiken Winter. „Es geht um das Verstehen von wissenschaftlichen Fakten. Es geht darum, das Überleben zu sichern.“ Ihr Bruder bleibt im Bild des Feuermelders: „Der Rauch ist schon real. Wir sind das nicht nachlassende Signal. Wir können den Brand nicht löschen. Aber wir stören.“
Davon haben viele Menschen längst genug. Bei Blockaden fallen unschöne Worte, Autos fuhren schon dicht an Michael Winter heran. Er kann den Frust verstehen. „Persönlich tut es mir für den einzelnen Menschen auch leid“, gibt er zu. „Aber es ist eben eine politische Aktion.“
Aktivist der letzten Generation: In Gewahrsam genommen, Haus der Mutter durchsucht
Die „Letzte Generation“ bietet Schulungen an, um den Aktivisten zu zeigen, wie sie in schwierigen Situationen handeln können. Auch Maiken Winter war bei einer dabei. Und doch saß sie bisher nie auf einer Straße. Nicht, weil sie die Aktionen nicht gutheißt. „Mein Bruder ist einfach mutiger.“
Er kann auch gar nicht anders. Michael Winters Angst vor der Zukunft ist groß. Vorm Abschmelzen der Pole. Vor Dürre, vor Hochwasser. Vorm Artensterben. Vor Flucht, vor Nahrungsmittelknappheit, vor Krieg. Vor sogenannten „Kipp-Punkten“, bei denen es zu abrupten Klimaänderungen kommt. Die Angst treibt ihn an, macht ihn stur. Seinen Job bei einem Medienunternehmen hat der studierte Biologe im März 2022 verloren – zu sehr nahm ihn das Protestieren ein. Er kündigte seine Wohnung in München, zog zur Mutter ins Elternhaus nach Garching. Um zu sparen und Zeit für politische Aktionen zu haben. „Mir war klar, bei diesem Projekt kann ich nicht aufhören“, sagt er. „Ich weiß, ich bin privilegiert, dass ich das machen kann.“
Winter war zwei Mal in Gewahrsam, damit wollten Gerichte weitere Aktionen verhindern. Einmal zehn Tage am Stück. In Isolation, die mit einer Quarantänepflicht begründet wurde. „Das war nicht einfach“, gibt er zu. Während er im Gefängnis saß, stürmten Polizisten ins Haus der Mutter, durchsuchten einen Raum. Die Mama konnte „tagelang nicht schlafen“, sagt Maiken Winter. Doch abschrecken lässt sich der Bruder von all dem nicht. „Das ist halt mein Einsatz.“
Rückendeckung innerhalb der Familie
Innerhalb der Familie hat Michael Winter Rückendeckung, auch von Cousins und Cousinen, sagt seine Schwester. Ein Onkel zweiten Grades vertritt als Rechtsanwalt eine Aktivistin der „Letzten Generation“. Wie Michael Winter erzählt, hat das Bewusstsein für Natur und Umwelt in der Familie Tradition. Auch seine andere Schwester besucht Demonstrationen. Der mittlerweile seit vielen Jahren verstorbene Vater, ein Zoologe, machte ihn als Bub auf zerstörte Lebensräume und die „braune Dunstglocke über München“ aufmerksam.
Schwester Maiken Winter bewundert das Durchhaltevermögen ihres großen Bruders, „aber ich mache mir auch Sorgen“. Er gebe viel für sein Engagement – seine Gesundheit leide. Und die Menschen würden aggressiver. „Ich habe Angst vor manchen Autofahrern.“ Maiken Winter würde sich wünschen, dass alle, die das Ruder mit rumreißen können – Politik, Verbände, auch Kirchen – ins Gespräch mit den Aktivisten und Wissenschaftlern kämen. Dass die Wut rausgenommen und sachlich diskutiert wird. Ganz die Politikerin eben. „Ich habe Angst, dass mein Bruder Recht hat.“
„Eigentlich will ich mich da nicht festkleben. Ich will niemanden nerven“
Der glaubt nicht, dass ein eigenes Engagement in der Politik schnellen Erfolg bringt. „Man setzt sich nicht durch“, sagt er. „Da ist die ÖDP doch ein schönes Beispiel.“ Michael Winter glaubt aber an den Rechtsstaat, betont er. „Die repräsentative Demokratie ist an diesem Punkt gescheitert. Wir müssen ihr aufhelfen.“
Spaß macht ihm das nicht. „Eigentlich will ich mich da nicht festkleben. Ich will niemanden nerven“, sagt er. „Aber das ist jetzt ein Job, den ich tun muss. Ich weiß, das ist schizophren.“ Wie die „Letzte Generation“ weiter vorgehen wird, kann er nicht sagen. Es sei stets Bewegung drin, die Mitstreiter würden ihre Aktionen immer wieder hinterfragen. „Es wird beobachtet, was aussichtsreich erscheint.“ Was bewegt die Massen? Gibt es Fortschritte?
Aufgeben ist für Michael Winter keine Option. Nur zwei Dinge können seinen Einsatz beenden: „Wenn die Politik reagiert“, sagt er. „Oder, wenn die Wissenschaft sagt, dass es schon zu spät ist.“
Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Weilheim-Schongau finden Sie auf Merkur.de/Weilheim.


