Dr. Karl-Wilhelm Deiß im Interview

„Gesunde Ernährung, genügend Schlaf, Bewegung“: So können wir unsere Psyche stärken

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Dr. Karl-Wilhelm Deiß in seinem Arbeitszimmer.
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Was schadet unserer Psyche? Und was tut ihr gut? Der Seeshaupter Psychotherapeut Dr. Karl-Wilhelm Deiß verrät es im Interview.

31 Jahre lang war Dr. Karl-Wilhelm Deiß als Hausarzt in Seeshaupt tätig. 2017 wagte er im Alter von 64 Jahren nochmal einen Neuanfang und absolvierte eine psychotherapeutische Ausbildung. Heute arbeitet Deiß an drei Tagen in der Woche als Psychotherapeut in der Seeshaupter Privatklinik „Lauterbacher Mühle“. Im Interview mit der Heimatzeitung verrät der Mediziner, auf welche Alarmsignale unserer Psyche wir achten sollten und wie wir unsere mentale Gesundheit stärken können.

Herr Dr. Deiß, wird die psychische Gesundheit im Vergleich zur körperlichen Gesundheit zu oft vernachlässigt?
Das, was man als psychische Gesundheit bezeichnet, genießt nicht den gleichen Ruf und Stellenwert in der Gesellschaft wie die körperliche Gesundheit. Wenn es jemand zum Beispiel am Knie hat, heißt es: ‚Och, der Arme, hoffentlich wird‘s wieder‘. Wenn jemand dagegen ein Burn-out oder eine Depression hat, heißt es: ‚Oje, was ist denn das für ein Weichei.‘ Aber Psyche und Körper kann man eigentlich gar nicht voneinander trennen. Das gehört zusammen. Ich sage immer zu meinen Patienten: Neun Monate, bevor Sie geboren wurden, da ist dieses Wunderwerk Mensch entstanden – durch die Verschmelzung der mütterlichen Eizelle mit der väterlichen Samenzelle. Und bei dieser einen Zelle gibt es keine Trennung zwischen Körper und Psyche, das ist alles eins. Und jeder Nachfolger dieser Zelle ist auch nicht trennbar in Psyche und Körper. Das hängt zusammen. Wir Ärzte können also nicht nur den Körper oder nur die Seele behandeln, sondern wir müssen beides behandeln.
Gibt es Menschen, die grundsätzlich anfälliger für psychische Erkrankungen sind als andere?
Je nachdem, wie unser Nervensystem ausgestattet ist, können wir gut oder schlecht mit Stress umgehen. Und diese Ausstattung ist zum Teil genetisch bedingt, aber auch zum großen Teil von Einflüssen abhängig, unter denen wir aufwachsen. Wenn wir stabile Beziehungen haben, sicher gebunden sind, von unseren Eltern liebevoll behandelt wurden, dann sind wir gut ausgestattet. Wenn jemand dagegen nicht behütet aufwächst, dann hat er ein sogenanntes schmales Toleranzfenster. Der kommt mit Stress viel schlechter zurecht. Bei manchen genügt schon ein Blick und sie flippen aus. Der Mensch, der so handelt, hat nicht gelernt, sich selbst zu regulieren. Für diese Regulierung ist in unserem Körper übrigens der Sympathikonus-Nerv zuständig.
Wenn Menschen in der Lage sind, auch extreme psychische Belastungen auszuhalten, werden sie ja gerne als resilient bezeichnet. Ist diese Resilienz eigentlich gottgegeben oder kann man sie sich antrainieren?
Man kann Resilienz lernen. Es ist im Prinzip wie bei einem Marathon. Wenn Sie gut ausgestattet sind, fällt Ihnen das Training nicht schwer. Aber jemand, der nicht so gut ausgestattet ist, braucht viel, viel länger. Wenn jemand keine hilfreiche Unterstützung in der kindlichen Entwicklungsphase hatte, seine Resilienz sehr gering und sein Toleranzfenster klein ist, dann kann er das allerdings später nachholen. Dabei zu helfen, ist mein Job.
Was können wir konkret tun, um unsere psychische Gesundheit zu stärken?
Es gibt nicht ein spezielles Rezept, aber mehrere Faktoren, die wichtig sind. Dazu gehören gesunde Ernährung, genügend Schlaf (mindestens 7,5 Stunden) und ausreichend Bewegung. Drei ganz einfache Dinge. Wenn wir auf die aber in ausreichender Art und Weise achten, dann haben wir für den Körper und auch für unsere Seele ganz viel getan. Außerdem ist diese Reizüberflutung, die wir beispielsweise durch Handys heutzutage überall haben, für unser Nervensystem nicht gut. Denn unser Nervensystem ist darauf ausgerichtet, auf Gefahren sofort zu reagieren. Wenn es irgendwo piepst oder klingelt, ist das Nervensystem ständig auf Hochspannung. Und eine Sache dürfen wir nie vergessen: Das, was uns im Leben am meisten Freude macht, sind gelingende menschliche Beziehungen. Und das, was uns am meisten Kummer macht, sind nicht gelingende menschliche Beziehungen. Deswegen ist es so wichtig, Konflikte auf eine konstruktive Art und Weise zu lösen. Dazu gehört, dass wir uns gegenseitig auf Augenhöhe begegnen, dass wir den anderen respektvoll behandeln und dass wir Interesse für ihn zeigen.
Auf welche Alarmsignale der Psyche sollte man unbedingt achten?
Das ist eine wichtige Frage. Wenn Sie anfangen, in Stress zu kommen, was nehmen Sie in Ihrem Körper wahr? Eine gewisse Hektik, Hilflosigkeit, der Atem wird schneller, die Muskulatur spannt sich an. Das sind die Frühwarnsymptome. Ich sage immer: Stellen Sie sich vor, Sie machen mit Ihren Freunden eine Schlauchboot-Tour auf der Isar. Und alle 20 bis 30 Minuten kommen Sie an einem Schild mit der Aufschrift ‚Vorsicht Wehr‘ vorbei. Irgendwann sind es nur noch 500 Meter bis dahin. Das heißt: Jetzt müssen wir baldmöglichst raus, denn wenn wir in den Sog des Wehrs kommen, können wir uns nicht mehr retten. Und so läuft es bei unserer Psyche auch ab. Ich muss rechtzeitig erkennen, wann es gefährlich wird. Wenn ich drin bin im Wasserfall, dann fange ich an zu brüllen. Weil ich keine Kontrolle mehr habe. Je früher wir aber erkennen, dass wir in einen Sog kommen, desto früher können wir auch aussteigen. Das ist nicht leicht, das muss man auch erst lernen.
Bis zu welchem Punkt kann man sich bei psychischen Problemen eigentlich noch selbst irgendwie helfen und ab wann ist es besser, ärztliche Hilfe aufzusuchen?
Meistens merken das die Freunde und die Familie vorher. Man selber will es meistens nicht wahrhaben. Weil eben die Nichtbewältigung von Stress als sozialer Makel gilt. Deshalb ist wichtig: Wenn Ihnen bei Freunden oder Familienmitgliedern auffällt, dass sie sich verändern oder sich sogar zurückziehen, sprechen Sie es bitte an. Das gehört genauso dazu wie wenn man zum Beispiel bei einem Bekannten merkt, dass der das Trinken anfängt. Nicht wegschauen, sondern ansprechen. Das ist wirklich wichtig.

Vortrag zu Resilienz

Am 19. März findet der deutschlandweite „Tag der Gesundheitsämter“ statt. Auch im Weilheimer Gesundheitsamt gibt‘s ein kurzweiliges Programm, unter anderem mit einem Vortrag von Dr. Karl-Wilhelm Deiß. Nach der Eröffnung durch Landrätin Andrea Jochner-Weiß um 10 Uhr ist bis 17 Uhr so einiges geboten. Für die Aktiveren gibt es Yoga-Kurse, Sehtests, Blutzuckermessungen und ein mobiles Bewegungszimmer, das um 13.30 Uhr, 14.30 Uhr oder 15.30 Uhr besucht werden kann. Wer es lieber etwas ruhiger angehen lassen möchte, kann sich in einem der stündlichen Vorträge zu Beratungsangeboten des Gesundheitsamts oder Tipps für einen gesunden Lebensstil aufklären lassen. Einen schönen Schluss bildet der Vortrag „Resilienz – die eigenen Stärken erkennen“ von Dr. Karl-Wilhelm Deiß. Alle Vorträge finden im Pettenkofersaal des Gesundheitsamts an der Eisenkramergasse 7 im Erdgeschoss (Ecke Vötterlgasse) statt. Neben einem kleinen Imbiss werden Cocktails (natürlich ohne Alkohol) und Obst angeboten.

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