Debatte um Sprachregeln

„Leben und leben lassen“: Geteiltes Echo auf Söders Gender-Verbot an Schule und Verwaltung

+
Nach dem von Ministerpräsident Markus Söder angekündigtem Gender-Verbot in bayerischen Schulen und Verwaltungen reagieren lokale Verantwortliche aus der Region Freising.
  • schließen

Ministerpräsident Söder plant, das Gendern in Bayerns Schulen und Verwaltungen zu verbieten. Wir haben dort nun erste Reaktionen eingeholt. Sie sind gemischt.

Freising – „Für Bayern kann ich sagen: Mit uns wird es kein verpflichtendes Gendern geben. Im Gegenteil: Wir werden das Gendern in Schule und Verwaltung sogar untersagen“, erklärte Ministerpräsident Markus Söder am Dienstag in seiner ersten Regierungserklärung in der neuen Legislaturperiode im Landtag. Aus Teilen der Opposition wurde der CSU-Chef dafür scharf kritisiert. Doch was sagen die, die ein mögliches Genderverbot durchsetzen müssen, dazu?

Gymnasiums-Leiterin plädiert für „Leben und leben lassen“

Andrea Bliese, Schulleiterin am Freisinger Camerloher-Gymnasium, hat Markus Söder „damit tatsächlich ein bisschen aus der Seele gesprochen“, wie sie sagt. Sie spreche zwar in der Regel von Schülerinnen und Schülern, Gender-Sternchen hält sie jedoch für unangebracht. „Ich weiß aber, dass das Gendern vielen Menschen hier an der Schule im Gegensatz zu mir sehr wichtig ist.“ Sie kenne sowohl Lehrer als auch Lehrerinnen, die konsequent gendern würden, in der Schülerschaft sei es ähnlich. „Insofern: „Wer’s tun will, soll’s meiner Meinung nach tun. Ob wir mit einem Verbot weiterkommen, weiß ich nicht“, sagt die 64-Jährige. „Ich bin für ,Leben und leben lassen‘.“

Als Germanistin sei sie bei dem Thema möglicherweise aber auch zu voreingenommen, räumt die Oberstudiendirektorin ein. „Vielleicht haben die Menschen recht, die jetzt damit anfangen. Ich weiß es nicht.“ In jedem Fall würde sie einer entsprechenden Regierungsanweisung Folge leisten. „Das müssen wir ja als staatliche Behörde.“

Oberbürgermeister hält Orientierung für nötig

„Ein Gender-Verbot finde ich genauso schwierig wie ein Gebot“, sagt Freisings OB Tobias Eschenbacher. Gleichwohl: „Eine Orientierung wäre schon gut, weil es keine klaren Vorgaben gibt.“ In der Stadtverwaltung herrsche eine uneinheitliche Vorgehensweise. „Wir versuchen, größtenteils sprachsensibel zu formulieren, aber merken dabei auch, dass es immer ein Spagat ist hin zu einer guten Lesbarkeit.“ Bezüglich der Schulen sagt Eschenbacher: „Viele Jugendliche haben bereits jetzt Sprachprobleme, da Deutsch keine so einfache Grammatik hat.“ Wenn sich die Schülerinnen und Schüler dann zusätzlich mit Gendern auseinandersetzen müssten, werde es noch komplizierter.

(Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Freising-Newsletter.)

Der 46-Jährige glaubt, dass Vorgaben hierzu nicht von der Politik kommen müssten, sondern von Sprachwissenschaftlern. „Dafür ist das Thema emotional viel zu aufgeladen.“ Ohnehin habe sich Sprache immer durch den Gebrauch gebildet, und nicht durch eine Verordnung. Falls die dennoch komme, wie von Markus Söder angekündigt, „müssen wir sie natürlich umsetzen“. Grundsätzlich halte er das Gendern aber „nicht für das vordringlichste Problem“, sagt Eschenbacher. „In den derzeitigen Krisen wäre es mir lieber, ich bekomme pädagogisches Personal, als dass ich mit dem vorhandenen diskutiere, ob sie gendern oder nicht.“

Lehrervertreterin sieht Schutz im Schulbereich

In den Augen von Kerstin Rehm hat sich der Ministerpräsident „vielleicht etwas unglücklich ausgedrückt“. „Herr Söder möchte wohl einfach nicht, dass ein sprachliches Chaos entsteht“, glaubt die Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverbands, die auch Personalratsvorsitzende im Schulamtsbezirk Freising und CSU-Gemeinderätin in Eching ist. „Ich nehme an, dass Extremformen gemeint sind, durch die man sich in Texten nicht mehr auskennt. Ich gebe zu, dass ich mich auch manchmal schwertue, die richtige grammatikalische Form zu finden.“ Eine Verbissenheit und ein Gendern „auf Teufel komm raus“ seien auf jeden Fall der falsche Weg, sagt die 64-Jährige.

Als langjährige Gleichstellungsbeauftragte des Schulamts spreche sie stets von „Schülerinnen und Schülern“ oder „Lehrerinnen und Lehrern“. Sie könne sich nicht vorstellen, dass der CSU-Chef „gegen Gendern im Sinne von Gleichstellung zwischen Frauen und Männern ist“. Rehm sieht in Söders Vorstoß eher „einen gewissen Schutz im Schulbereich, dass man nicht angegangen werden kann, wenn man nicht Sternchen oder Unterstriche verwendet hat“. Ob ein Verbot somit der richtige Weg sei? Rehm antwortet diplomatisch: „Ich bin immer mehr für Gebote, für ein Miteinander.“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Freising finden Sie auf Merkur.de/Freising.

Kommentare