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Der Münchner Hauptbahnhof gilt als Brennpunkt der Gewaltkriminalität. Das soll sich ändern – dank intensiver Anstrengungen der Polizei. Sogar ein Bundesminister ist vor Ort.
München – Freitagabend (14. November) am Brennpunkt Hauptbahnhof: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) macht sich vor Ort ein Bild. Kurz bevor er verstärkte Polizeieinsätze an 41 Bahnhöfen in ganz Deutschland ankündigt, wird man auch schon Zeuge einer solchen Kontrolle: Ein junger farbiger Mann in roter Daunenjacke wird von fünf Polizisten umringt und abgeführt. Es soll noch mehr kontrolliert werden, um Gewalt-Attacken vorzubeugen – und um das Sicherheitsgefühl der Bürger zu stärken. Etwa mit Schwerpunkteinsätzen und der Möglichkeit für die Bundespolizei, Personen auch ohne konkreten Verdacht auf Waffen zu kontrollieren. Was sagen die Händler im Viertel?
Juwelier wurde erst vor wenigen Monaten überfallen
Juwelier Mukhles Al Osmani (55) hat keine Lust mehr auf Gold. Am 19. März wurde er in seinem Laden „Juwelier Bagdad“ in der Dachauer Straße direkt am Hauptbahnhof überfallen. „Er kam mit einer Waffe, aber ich hatte keine Angst.“ Al Osmani rang den Räuber mit Hilfe seines Bruders nieder und hielt den Mann fest, bis die Polizei kam. Trotzdem: Seit der Attacke hat er kein Gold mehr im Laden, sagt er. „Zu gefährlich!“
Die Behörden wollen jetzt durchgreifen, damit die Lage besser wird. Teil der Anstrengungen: An diesem Wochenende (15. und 16. November) kontrolliert die Bundespolizei Bahnhof und S-Bahn-Bereich in einer Schwerpunktaktion besonders intensiv. Grund dafür sei die „anhaltend hohe Anzahl von Gewaltdelikten“ an deutschen „gewaltbelasteten“ Bahnhöfen. Heißt: Derzeit patrouillieren noch mehr Streifen als sonst. Schuss-, Schreckschuss-, Hieb-, Stoß- und Stichwaffen, Pyrotechnik und Messer aller Art werden verboten.
„Früher musste man hier keine Angst haben – jetzt ist das anders“
Serkan Aydin (28) verkauft seit elf Jahren Semmeln und Gebäck am Aufgang der U5. „Als ich angefangen habe, musste man hier keine Angst haben. Heute ist das anders. Viele sind betrunken, die Hemmschwelle sinkt.“ Neulich habe ein Mann eine Bierflasche aus dem Kühlschrank geholt – „er wollte sie im Streit einem anderen auf den Kopf schlagen“. Immer wieder griffen ihm Leute Ware aus der Auslage, sagt Aydin. „Ich lasse sie dann einfach laufen, das ist es nicht wert.“ Auch in der Bayerstraße werde er belästigt: „Wenn ich aus dem Auto steige, sind sofort Drogendealer da und wollen mir was verkaufen. Die laufen mir sogar hinterher.“
Trotzdem: Von Dobrindts Kontrollen hält Serkan Aydin wenig: „Die bringen auf Dauer nicht viel. Es sind einfach zu viele. Nimmst du einen fest, ist er nächste Woche wieder da. Denen passiert ja nichts.“ Die Statistik spricht eine andere Sprache: Laut Bundespolizei war die Kriminalität 2024 auf dem Höhepunkt: 735 registrierte Gewaltstraftaten am Hauptbahnhof im Vergleich zu 569 im Jahr 2023. Laut Sprecher Wolfgang Hauner lag das vor allem an der Befriedung des Alten Botanischen Gartens. Stadt und Polizei hatten dort Trinker und Dealer vertrieben – die zogen zum Hauptbahnhof.
Gewalttäter, Schwarzfahrer, Schmierer und Diebe
Darauf reagierten Bundes- und Landespolizei sowie die Deutsche-Bahn-Sicherheit ab Herbst 2024 mit Schwerpunktmaßnahmen, sagt Hauner. Folge: Die Zahl der Gesamtstraftaten sank von Januar bis August 2025 um 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum – von 2058 auf 1352 Straftaten. Die Gewaltkriminalität allein sank laut Hauner in dieser Zeit um 13 Prozent – von 445 auf 389 Fälle. Den großen Rest machten etwa Schwarzfahrer, Diebstähle und Sachbeschädigungen wie Graffiti aus.
Dobrindt betont, es ginge auch um Präsenz, um das Sicherheitsgefühl zu erhöhen. Die Gewaltkriminalität steige immer weiter an – auch wenn der Münchner Hauptbahnhof „der sicherste in Europa“ sei. Er setze sich „für die notwendigen Einsatzmittel“ ein wie die oft schon abschreckend-deeskalierend wirkenden Taser.
