VonLaura Forsterschließen
Der Verein „Frauen helfen Frauen Starnberg e.V.“ mit Sitz in Herrsching hilft bei häuslicher Gewalt, sexualisierter Gewalt und Stalking. Im Interview erzählen Fachberaterinnen, wie viele Klientinnen sie im Landkreis haben, wie die Entwicklung der vergangenen Jahre ist und welche Tipps sie Frauen geben.
Landkreis – Den Weltfrauentag gibt es seit 1911, in Bundesländern wie Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist der 8. März sogar Feiertag. Neben der Gleichberechtigung der Geschlechter soll der Tag auch auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Der Starnberger Merkur hat bei den Fachberaterinnen und Sozialpädagoginnen Claudia Sroka und Cordula Trapp von der Beratungsstelle „Frauen helfen Frauen Starnberg e.V.“ in Herrsching nachgefragt, wie viele Klientinnen sie im Landkreis haben, wie die Entwicklung der vergangenen Jahre ist und welche Tipps sie Frauen geben.
Frau Trapp, Frau Sroka, was bedeutet der Weltfrauentag für Sie?
Cordula Trapp: Wir wären natürlich froh, wenn es keinen Weltfrauentag mehr geben müsste, weil die Gesellschaft schon so weit ist, dass die Themen nicht noch einmal hervorgehoben werden müssen. Bis dahin sagen wir immer, dass wir zwei Feiertage im Jahr haben. Den Weltfrauentag und den internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November. Ersterer ist natürlich der positivere Tag.
Wie sieht die Situation bei „Frauen helfen Frauen“ derzeit aus?
Claudia Sroka: Im Durchschnitt erfährt jede dritte bis vierte Frau in Deutschland zwischen 16 und 80 Jahren mindestens einmal Gewalt in ihrem Leben. 2022 haben wir 175 gewaltbetroffene Frauen beraten. Außerdem haben wir 20 Angehörigen und 22 Fachpersonen geholfen. 16 Frauen wurden von mir im Rahmen der Psychosozialen Prozessbegleitung während Gerichtsverfahren unterstützt, die Opfer einer Vergewaltigung oder sexueller Nötigung wurden. Rund 600 Beratungskontakte hatten wir im vergangenen Jahr insgesamt, viele Gespräche konnten nach der Pandemie wieder persönlich stattfinden. Wir haben eine leichte Steigerung bemerkt, aber es ist immer viel zu tun.
Woran liegt es, dass die Zahlen zugenommen haben?
Sroka: Wir glauben nicht, dass die Fälle insgesamt zugenommen haben, sondern dass nun mehr Frauen den Weg zu uns finden und sich Hilfe suchen. So würden wir die Entwicklung sehen.
Gibt es auch Frauen, die noch Angst oder Scham davor haben, sich bei Ihnen zu melden?
Trapp: Auf jeden Fall. Der Leidensdruck muss sehr hoch sein, dass sich eine Frau Unterstützung von einer externen Person sucht. Häufig werden Frauen bei häuslicher Gewalt von ihren Partnern so sozial isoliert, dass es sie großen Mut kostet, den Schritt hinaus zu wagen. Da rauszukommen, ist nicht leicht. Sroka: Viele Frauen rufen bei uns an und sind unsicher und wissen gar nicht, ob sie bei uns richtig sind. Es muss nicht immer ein blaues Auge sein oder ein gebrochener Arm, um sich Hilfe zu holen. Es gibt viele verschiedene Arten von Gewalt gegen Frauen.
Zum Beispiel?
Trapp: Wir beraten und unterstützen bei häuslicher Gewalt, bei sexualisierter Gewalt und Stalking. Die meisten Frauen, die sich bei uns melden, haben häusliche Gewalt erfahren, die sich langsam steigert. Meist beginnt es mit Eifersucht und Kontrolle, die Gewalt nimmt zu, und die Abstände zwischen den Vorfällen werden immer kürzer.
Wie helfen Sie den Frauen konkret?
Trapp: Wir bieten psychosoziale Beratung für gewaltbetroffene Frauen und auch deren minderjährige Kinder an. Wir führen auch stabilisierende Gespräche und schauen, was die Person in diesem Moment braucht. Wir helfen auch dabei, einen Antrag nach dem Gewaltschutzgesetz zu stellen, sodass es ein Kontakt- und Näherungsverbot gibt und die Wohnung der Frau zugewiesen wird. Wenn die Gewalt zu heftig ist und die Frau massiv bedroht wird, dann vermitteln wir auch ans Frauenhaus. Das kommt allerdings nicht so häufig vor.
Wie lange betreuen Sie die Frauen?
Sroka: Das ist ganz individuell. Manche rufen einmal an, weil sie eine Information möchten. Es gibt aber auch Frauen, die wir über einen langen Zeitraum begleiten. Da geht es dann nicht um aktuelle Gewalt, sondern etwa um sexualisierte Gewalt in der Kindheit/Jugend. Wir helfen ihnen, die traumatischen Erlebnisse zu bewältigen.
Was muss sich ändern, damit Frauen gar nicht erst in Situationen kommen, in denen sie Gewalt erfahren?
Trapp: Bereits im Kleinkindalter sollten schon die Rollenklischees aufgebrochen werden. Gleichberechtigung schon im Kindergarten ist wichtig. Jungs sollte klar sein, dass sie sich nicht mit Gewalt oder Aggression durchsetzen können und damit Mädchen in eine Opferrolle bringen. Sroka: Häufig wird eine Mitschuld bei den Frauen gesucht. Wenn ein sexualisierter Übergriff passiert ist, wird oft gefragt, warum eine Frau nachts alleine unterwegs ist oder etwas getrunken hat. Es wird selten darüber gesprochen, dass die Täter diejenigen sind, die Schuld haben. Sie müssten die Verantwortung übernehmen.
Welchen Tipp geben Sie Frauen mit?
Trapp: Es ist wichtig, dass Frauen auf ihre Grenzen schauen und diese auch klar setzen.
Was haben Sie zum Weltfrauentag geplant?
Sroka: Es gibt eine Öffentlichkeitsaktion mit Apotheken im Landkreis mit dem Slogan „Nase voll von Gewalt? – Holen Sie sich Unterstützung!“. 23 Apotheken von Pöcking bis Gilching verteilen rund 3000 Taschentücher mit unseren Kontaktdaten. Außerdem veranstalten wir am Freitag, 10. März, in der Zeit von 14 bis 17 Uhr einen Tag der offenen Tür in unseren Räumen in der Mühlfelder Straße 12 in Herrsching. Alle Interessierten sind herzlich willkommen.
Frauen helfen Frauen e.V. ist unter (0 81 52) 57 20 oder an info@frauenhelfenfrauen-sta.de erreichbar.
