Tag des offenen Denkmals

Historisches unterm Hammer: Von alten Fenstern und einem Dachbodenfund

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Auktionator in Aktion: Wiggerl Gollwitzer zeigt eines der historischen Sprossenfenster den Besuchern und Bietern
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Altes Wolfratshausen in neuen Händen: Am Tag des offenen Denkmals versteigerte der Historische Verein Wolfratshausen Inventar und Einrichtung des ehemaligen Krankenhauses.

Wolfratshausen – Ein wenig erinnert Wiggerl Gollwitzer an diesem Sonntag an einen Zirkusdirektor: weißer Schal, roter Frack, schwarzer Zylinder. Nur der Hammer in seiner Hand gibt einen Hinweis auf seine Tätigkeit: Der Historische Verein Wolfratshausen hatte anlässlich des Tags des offenen Denkmals zur Versteigerung ins alte Krankenhaus an der Sauerlacher Straße eingeladen. Was unter den besagten Hammer kam, war geschichtsträchtig: Ein gutes Dutzend historische Sprossenfenster in verschiedenen Größen, mal mit Glas, mal ohne. Was sie alle gemeinsam hatten, war die Schmutzschicht.

Historisches unter dem Hammer: Von geschichtsträchtigen Sprossenfenstern und einem Dachbodenfund

„Die haben wir extra drauf gelassen, damit die Käufer erkennen, dass sie wirklich aus dem Jahr 1824 stammen“, frotzelt Gollwitzer und streift sich ein paar Handschuhe über, ehe er zum ersten sperrigen Exponat greift. Was kann man mit einem glaslosen Fensterrahmen anfangen? „Man kann es als Bilderrahmen nutzen, beispielsweise für ein Foto der Schwiegermutter“, erklärt der Auktionator mit einem Augenzwinkern – und hängt sich den Rahmen um den Hals: „Oder als Corona-Abstandsmessgerät benutzen.“ Die gut zwei Dutzend Auktions-Besucher, die sich sich in dem kleinen Raum im ehemaligen Krankenhaus-Gebäude drängen, lachen.

Knapp 200 Jahre alt: Tolle Exponate – für Liebhaber von Antiquitäten ein Freudentag

Schon gehen die ersten Arme hoch. Zehn Euro ist jeweils das Anfangsgebot, weiter geht es in Fünf-Euro-Schritten. Das Rennen macht die 14-Jährige Antonia Voss. Für 20 Euro bekommt sie eines der 198 Jahre alten Fenster. „Ich mag Antiquitäten,“ sagt sie. Ihre Liebe dazu entdeckte sie auf dem Heimweg von der Schule. „Da stand eine alte Waage, die zu verschenken war – ich fand sie einfach toll.“ Das Spalierfenster wird sie so nutzen, wie Gollwitzer es vorgeschlagen hatte: als Bilderrahmen.

Altertümer gut in Form: „Wahnsinn, wie sich das gehalten hat.“

Die Auktion nimmt ihren Lauf. „Also Wahnsinn, wie sich das gehalten hat“, preist Gollwitzer den nächsten Rahmen-Schatz an. Auch die ehemalige Stadträtin Roswitha Beyer schlägt zu. Sie ergattert eines der größeren Sprossenfenster. „Mein Mann und ich sind sehr sehr geschichtsbewusst. Das Fenster wird auf der Terrasse seinen Platz finden“, verrät Beyer unserer Zeitung.

„Ein Stück altes Wolfratshausen zu Hause“: Fensterrahmen wird zur Rankhilfe

Ähnliches haben Thomas Keltz und Petra Gugel aus Wolfratshausen vor. „Vielleicht als Rankhilfe“ soll der alte Rahmen dienen, sagt Gugel. Sie streicht prüfend mit dem Zeigefinger über die verstaubte Holzleiste. „Als Wolfratshauser haben wir natürlich eine Beziehung zu dem Gebäude hier.“ Nun habe eine „Ur-Wolfratshauserin“ wie sie sich selbst nennt „auch ein Stück altes Wolfratshausen zu Hause“.

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Wolfratshausen: Auf dem Speicher des Krankenhauses warten weitere Schätze

Die Versteigerung der größeren Fenster erweist sich als etwas schwierig. „Zehn Euro für so etwas Historisches. Sogar eine Glasscherbe ist noch erhalten“, betont Gollwitzer. Er wendet sich an einen Herrn, der bereits ein Exponat ersteigert hat: „Sie können unmöglich mit nur einem Fenster nach Hause gehen, für das kleine haben Sie 20 Euro gezahlt – das müsste Ihnen doch jetzt stinken, wenn sie ein großes für zehn Euro bekommen könnten.“ Vergeblich. Der Mann will definitiv kein zweites Sprossenfenster. Er hat sein Augenmerk auf die Schätzchen im Nebenraum gerichtet. Hier stapeln sich weit über 1000 kleine, tönerne Öllämpchen, die für zehn Euro einen Eigentümer suchen. „Auf dem Speicher im denkmalgeschützten Gebäude haben wir etwa 3000 davon gefunden“, so Gollwitzer. „Man klemmt den Docht in der Mitte rein und zündet ihn an.“ Als Brennstoff kann Oliven- oder Sonnenblumenöl verwendet werden.

Dachbodenfund: Ungefähr 3000 Öllämpchen warten auf neue Besitzer

Geschichtsträchtige Öllämpchen und deren Rolle in der Begründung der Krankenpflege

Anno dazumal wurden die kleinen Lämpchen entweder aufgehängt oder auf einen Tisch gestellt. Gut möglich, dass Florence Nightingale (1820-1910) eines bei ihren nächtlichen Kontrollgängen durch Lazarette mit sich führte: Die Engländerin gilt als Begründerin der modernen Krankenpflege und arbeitet während des Krimkriegs 1853 in einem Militärkrankenhaus in der Türkei – darüber informiert ein den Lampen beigelegtes Textblatt des Historischen Vereins. Oft wird Nightingale mit einem Öllämpchen in der Hand zwischen Verletzten dargestellt, was ihr den Beinamen „Lady with the Lamp“ (Frau mit der Lampe) einbrachte.

Dr. Sybille Krafft begeistert: Auch beim Bau des Krankenhauses war Bürgerschaft voll involviert

Dr. Sybille Krafft, Vorsitzende des Historischen Vereins, ist angesichts der vielen Käufer begeistert. Sie schlägt einen Bogen: Beim Bau des Krankenhauses vor rund 200 Jahren „hat sich die Wolfratshauser Bürgerschaft ebenfalls mit eingebracht“. Die einen mit ihrer Arbeitskraft, andere mit Geldspenden. „Und die Handwerker haben seinerzeit einen Tag auf ihren Lohn verzichtet.“

Investition in Denkmalpflege: Erlös der Auktion wird sachgerecht genutzt

Den Erlös der Auktion will der Verein in die Denkmalpflege investieren. Selbstredend kaufte auch Krafft ein historisches Fenster – „mit Schiebevorrichtung“, erläutert Gollwitzer. Die lässt sich jedoch nicht mehr reibungslos bewegen. Für den Auktionator ist das aber kein Beinbruch: „Die Schiebevorrichtung funktioniert eben fast.“

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