Am Tag nach dem Großbrand stehen die Bewohner vor dem Nichts. Zwei davon erzählen, wie sie die Feuerkatastrophe erlebt haben - und erheben Vorwürfe gegen Eigentümer Johann Abfalter.
Icking – Das ist also übrig geblieben von der alten Reithalle am Ickinger Isarweg: eine Ruine aus geschmolzenem Metall, verrußten Wänden, quer hängenden Drähten, und dann, wie aus Versehen, eine unversehrte Lüftlmalerei des Heiligen Georg. Am Dienstag ist das Feuer noch immer nicht zur Ruhe gekommen, die Trümmer rauchen, ein beißender Geruch liegt in der Luft. Auf dem glühenden Boden sind Experten der Kripo unterwegs, teils mit Hunden, deren Pfoten der Hitze wegen eingewickelt sind. Sie suchen nach Anhaltspunkten, wie es in der Nacht auf Montag zu diesem verheerenden Brand gekommen ist.
Daniela Dieling und Jochen Bake können noch immer nicht fassen, diese Hölle überlebt zu haben. Neben den zehn alleinstehenden Männern waren sie die einzigen, die in einem regulären Mietverhältnis standen. „Wir waren die Bürgerlichen“, erzählt Jochen Bake, gebürtiger Schäftlarner und Bildhauer. Er wohnt inzwischen bei einer Freundin. Und ist sicher, dass er ohne seine Nachbarin nicht mehr am Leben wäre.
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Es war tief in der Nacht, als die Hunde von Daniela Dieling, von Beruf Hundetrainerin, anschlugen. Warum – das merkte sie sehr bald. Sie öffnete die Tür und sah Rauch aus einem der Zimmer auf dem Flur dringen. Irgendjemand rief: „Feuer“. Sofort stürzte sie in das Zimmer von Jochen Bake und weckte ihn. Beiden war klar, dass sie auf schnellstem Weg das Haus verlassen mussten. Bake drehte sich nur noch einmal um, um seinen Geldbeutel mitzunehmen. „Mein letzter Gedanke war: Ich will keinen Ärger mit der Bank wegen einer neuen Kreditkarte“, sagt er. Dann rannten sie raus – und mussten von außen mit ansehen, wie das Feuer immer weiter um sich griff. „Wer er es nicht gesehen hat, kann es sich einfach nicht vorstellen, welche Gewalt Feuer hat“, sagt Dieling.
Bewohner Jochen Bake ist den Flammen entflohen - dank Daniela Dieling, die ihn rechtzeitig geweckt hat. „Sie ist meine Lebensretterin“, sagt er voller Dankbarkeit.
Auf ihren Vermieter Johann Abfalter sind Bake und Dieling nicht gut zu sprechen. Sie werfen ihm vor, keine Brandmelder installiert zu haben, wie es Vorschrift ist. „In unseren Zimmern waren sicher keine, und in den anderen auch nicht“, sagt Bake. Vielleicht, so seine Vermutung, wäre das Unglück nicht ganz so schlimm ausgefallen. Bei seinem Besuch an der Unglücksstelle am Montag habe es der Geschäftsmann zudem an Mitgefühl mangeln lassen. „Null Empathie“, sagt Daniela Dieling. Als Bake ihm erzählt habe, was er alles verloren hat – darunter viele alte Gitarren und Hunderte von Büchern – habe er nur geantwortet: „Nicht schade um das alte Geraffel.“ Johann Abfalter, der das Areal umbauen will, um nach dem Vorbild von St. Leonhard dort Heilwasser zu fördern, war auch am Dienstag nicht für eine Stellungnahme erreichbar.
Ähnlich dramatische Szenen haben sich in der Nacht auf Montag bei der siebenköpfigen Familie Meise abgespielt, die bis 2015 mit dem Circus Crocofant auf Tournee ging und die ebenfalls in dem Haus wohnte, nur am anderen Ende, Richtung Isar. Der Sohn von Francois Meise musste genau in dieser Nacht gegen 2 Uhr aufstehen, weil er versprochen hatte, einem Freund zu helfen. „So einen Zufall gibt es vielleicht nur einmal im Leben“, sagt Meise. Nur aus diesem Grund konnte sein Sohn die Familie retten und die Polizei verständigen.
Die Arbeit der Polizei ist schwierig und gefährlich
Entgegen erster Meldungen haben die Meises, die seit 1993 am Isarweg 24 wohnen, einiges verloren. Zwar sind die Wagen, die auf der anderen Straßenseite stehen, vom Feuer nicht angegriffen worden. Doch anderes, sogar das Wertvollere, war in der Reithalle gelagert, darunter ein Zirkuszelt mit neuem TÜV, zwei Oldtimer-Lastwagen, ein Radlader und die Hüpfburg, mit deren Vermietung sich die Meises nach dem Ende ihrer Tournee etwas Geld verdient haben. „Der Schaden liegt sicher bei 500.000 Euro. Was ich von der Versicherung bekomme, weiß ich nicht“, sagt Meise mit einem Schulterzucken.
Den von seinen Nachbarn erhobenen Vorwurf, dass Brandmelder die Katastrophe hätte verhindern können, teilt er nicht. „Da ist man schon auch selbst verantwortlich“, sagt er. Meise selbst hat einst Brandmelder in Eigenregie installiert. Abfalter hält er eigentlich für einen sozialen Vermieter. „Nicht jeder lässt solche alleinstehenden Männern bei sich wohnen, das war für ihn sicher ein Verlustgeschäft.“
Die Polizei richtet sich darauf ein, noch lange auf dem Gelände zu tun zu haben. „Das wird sehr, sehr aufwändig“, sagt Stefan Sonntag, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern. Die Brandexperten der Kripo müssen Zentimeter für Zentimeter nach Indizien absuchen. Ihr Einsatz sei gefährlich. „Teile der Hallendecke könnten jederzeit herunterfallen“, erklärt er. Zur Frage der Brandmelder will er nichts sagen. „Zu Gerüchten äußern wir uns nicht“, erklärt Sonntag. „Wir warten die Ergebnisse der Ermittler ab.“
Rasche Ergebnisse bei der Identifikation der beiden Toten, die am Montag in der Münchner Rechtsmedizin obduziert werden sollten, erwartet der Pressesprecher nicht. Angehörige gibt es nicht, DNA-Material zu Abgleich vermutlich ebenso wenig. Der Zustand des dritten Opfers ist unverändert kritisch. „Das kann in die eine und in die andere Richtung gehen.“ vu
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