Nahverkehr

Neue Zeiten im Nahverkehr: Ab Dezember gehört der ganze Landkreis zum MVV-Gebiet

  • schließen

Der Süden des Landkreises darf sich freuen: Ab Mitte Dezember wird Bahn- und Busfahren einfacher und günstiger.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Grund: Ab dem Fahrplanwechsel am 10. Dezember 2023 wird auch der südliche Landkreis zum MVV-Tarifverbund gehören. Den einstimmigen Beitrittsbeschluss fasste der Kreisausschuss am Montag.

Was bringt es dem Bürger?

Im gesamten Landkreis wird es ab dem Beitritt alle MVV-Tickets geben – auch buchbar über die App. Matthias Schmid, ÖPNV-Experte am Landratsamt, hatte Beispiele mitgebracht, was sich der Bürger künftig sparen wird. Wer derzeit von Walchensee nach Kochel mit dem Bus fährt, zahlt 5,50 Euro. Künftig ist das eine Kurzstrecke und für 1,90 Euro zu haben. Mit dem Kurzstrecken-Ticket können bis zu vier Haltestellen zurückgelegt werden, davon maximal zwei mit der Bahn. Für Fahrten innerhalb der Gemeindegrenze gilt allerdings immer der Kurzstrecken-Tarif – unabhängig von der Zahl der Haltestellen und der befahrenen Zonen. Wer jetzt von Bad Tölz nach München und zurück mit der BRB will, löst derzeit in der günstigsten Variante ein Bayernticket für 27 Euro. „Künftig geht das mit dem MVV-Tagesticket für 16 Euro“, sagte Schmid. „Das zeigt deutlich, was uns der Beitritt für Vorteile bringt“, sagte Vize-Landrat Thomas Holz (CSU).

Was ist mit Pendlern?

Ein Landkreis, ein Tarif: Das gilt ab 10. Dezember im Landkreis, wenn auch der Süden dem MVV beitritt.

Pendler werden künftig eher auf das 49-Euro-DeutschlandTicket setzen als auf eine MVV-Monatskarte. Ist mit Blick darauf der Beitritt zum Verbund nicht überflüssig? „Diese Haltung ist extrem kurzsichtig“, sagte Landrat Josef Niedermaier (FW). Es gebe Synergien, die eben nur ein Verbund schaffen kann, sagte Schmid. Beispielsweise kümmert sich der MVV um die Fahrplanabstimmungen zwischen Bus und Bahn, ums Marketing und auch um die Planung und Ausschreibung von Buslinien. Für einen Landkreis sei das nicht leistbar. Und: 130 Millionen der pro Jahr verkauften MVV-Tickets sind eben keine Monatskarten, sondern werden von Gelegenheitsfahrern erworben.

Was bringt es Schülern?

Die Schüler im Süden können sich ab Dezember über das 365-Euro-Ticket freuen, das eben nicht nur auf dem Schulweg gilt, sondern im gesamten MVV-Verbundgebiet – und zwar das ganze Jahr über. „Man kann damit also auch ins Fußballstadion oder zum Flughafen fahren“, sagte Schmid. Im Norden des Landkreises – er gehört seit über 25 Jahren dem Verbund an – kommen die Schüler bereits seit der Einführung 2020 in den Genuss des Tickets. Der Beitritt des gesamten Landkreises beendet „eine massive Ungleichbehandlung“, so Matthias Schmid. Da der Freistaat in diesem Fall zwei Drittel der Ticket-Kosten trägt, bedeutet die Einführung des 365-Euro-Tickets für den Landkreis kaum mehr Ausgaben.

In welchen Zonen liegt der Landkreis-Süden?

Der Norden des Landkreises liegt heute in den Tarifzonen 2 bis 5/6. Daran wird sich auch nichts ändern. Nach der Verbunderweiterung geht es bis Zone 9. In Letzterer liegen aber nur Walchensee und die südlichsten Ortsteile von Lenggries. Der Rest des Brauneckdorfs fällt in Zone 7, die Jachenau liegt in Zone 8, Bad Tölz in 5/6.

Was ist mit der Kochelseebahn?

Etwas besorgt war Kochels Bürgermeister Thomas Holz mit Blick auf die Kochelseebahn. Diese quert auf dem Weg nach Tutzing den Landkreis Weilheim-Schongau, der erst 2024 dem MVV-Verbund beitreten soll – sofern sich bis dahin alle Zweifler überzeugen lassen. Ob denn die Kochelseebahn trotzdem im MVV-Tarif fahren werde – auch wenn die Nachbarn den Beitritt ablehnen, wollte Holz wissen. Ja, werde sie, antwortete Schmid. „Das ist mit dem Freistaat abgestimmt.“ Egal, wann und ob die Nachbarn beitreten: Ab dem 10. Dezember 2023 gilt auf der Bahnstrecke der MVV-Tarif. Weniger Probleme dürfte es mit der BRB geben: Der Landkreis Miesbach sowie Landkreis und Stadt Rosenheim sollen ebenfalls noch heuer dem Verbund beitreten.

Was kostet das Ganze den Landkreis?

Für die Verbundraumerweiterung waren zahlreiche Voruntersuchungen nötig. Die Kosten dafür übernahm der Freistaat fast komplett. In Phase 1 wurde die „verkehrliche Sinnhaftigkeit“ untersucht, und zwar für alle zehn Beitrittskandidaten – von Landsberg bis Rosenheim und von Mühldorf bis Garmisch-Partenkirchen. „Bei allen ist die Sinnhaftigkeit festgestellt worden“, sagte Schmid. In Phase 2 ging es um die finanziellen Folgen des Beitritts. Und die sind erheblich. Denn der MVV-Tarif ist in der Regel um einiges günstiger als die Haustarife, die momentan auf den Bus- und Bahnlinien gelten. Da es für diese aber bindende Verträge für die nächsten Jahre gibt, muss jemand den Verkehrsunternehmen bis zur Neuausschreibung der Linie das Defizit bezahlen.

Für Busse ist allein der Landkreis zuständig (Defizit 240 000 pro Jahr Euro, abschmelzend bis 2029). Die Schiene fällt eigentlich in die Zuständigkeit des Freistaats. Im Rahmen eines Gesamtkompromisses trägt der Landkreis aber auch zehn Prozent des Defizits (gesamt: 1,3 Millionen Euro pro Jahr). „Am Anfang ging es hier um ein Drittel“, sagte Landrat Niedermaier. Zehn Prozent (128 800 Euro pro Jahr für fünf Jahre) seien das letzte Wort. Hintergrund ist, dass der Freistaat das Defizit im Zuge eines Förderprogramms ausgleicht, und eine Förderung sehe nun einmal immer einen Eigenanteil vor. „An diesen zehn Prozent sollten wir den Beitritt, der der Weg in die Zukunft ist, nicht scheitern lassen“, so Niedermaier. Zumal der Freistaat dem Landkreis auch noch bei den Kosten für die einmaligen Investitionen – beispielsweise für Entwerter am Bahnsteig – entgegenkommt und auch diese bis auf 10 Prozent (50 000 Euro) übernimmt. Dazu kommen dann noch 200 000 Euro pro Jahr, mit denen sich der Kreis am Betrieb der MVV GmbH beteiligt.

Und was kommt jetzt?

Der Kreisausschuss votierte einstimmig für den Beitritt – für Niedermaier ein „Meilenstein auf dem Weg zur Mobilitätswende“. Der Kreistag wird dem am 27. Februar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit folgen. „Dass der Landkreis die Weichen Richtung MVV-Beitritt gestellt hat, ist ein gutes Signal für den ÖPNV in der ganzen Region“, so Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter. „Die Schaffung flächendeckender Verkehrs- und Tarifverbünde aus Bus und Bahn ist eine der bayernweit wichtigsten Maßnahmen zur Stärkung des ÖPNV. Daher unterstützt der Freistaat die noch verbundfreien Landkreise und kreisfreien Städte auch tatkräftig.“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus der Region rund um Bad Tölz finden Sie auf bei Merkur.de/Bad Tölz.

Rubriklistenbild: © LRA Tölz

Kommentare