„Es ist sehr schnell etwas passiert“

Immer weniger Kinder können schwimmen: DLRG-Ausbilder vom Tegernsee warnt vor Gefahren

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Ein Vergnügen, das Gefahren birgt: Badegäste und Wassersportler sollten sich laut DLRG der Risiken am Tegernsee bewusst sein.
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Immer weniger Kinder können schwimmen. Gerade in einer Region wie dem Tegernsee eine besorgniserregende Entwicklung, wie Peter Kuhlemann von der DLRG Gmund im Interview deutlich macht.

Gmund – Mit den steigenden Temperaturen und dem schönen Wetter kommt nun auch die Badesaison am Tegernsee so richtig in Schwung. Begleitet wird das sommerliche Vergnügen aber auch von Sorge. Eine von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) erneut in Auftrag gegebene forsa-Umfrage im Jahr 2022 hat ergeben: 20 Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren können nicht schwimmen. Das sind doppelt so viele wie noch 2017.

Zudem geht die DLRG auf Basis der abgelegten Schwimmabzeichen davon aus, dass derzeit sechs von zehn Kindern am Ende der Grundschulzeit keine sicheren Schwimmer sind. Wir haben mit Peter Kuhlemann (55), technischer Leiter Ausbildung bei der DLRG-Ortsgruppe Gmund, über die fehlende Schwimmfähigkeit gesprochen und darüber, welche Gefahren insbesondere der Tegernsee für Badegäste und Sportler birgt. Erst am Wochenende hatte hier ein verunglückter Stand-Up.-Paddler eine Rettungsaktion ausgelöst.

Herr Kuhlemann, die Zahl der Grundschulkinder, die nicht schwimmen können, hat sich laut einer Studie gegenüber 2017 auf 20 Prozent verdoppelt. Gerade in einer Region wie dem Tegernsee ein besorgniserregender Trend, oder?

Peter Kuhlemann: Ja natürlich. Überall dort, wo ein größeres Gewässer in der Nähe ist, besteht eine besondere Gefahr. Der See lockt mit Freizeitvergnügen – und Kinder und Jugendliche begeben sich in der Gruppendynamik gerne dorthin. Hinzu kommt, dass eine so große Wasserfläche nur bedingt beaufsichtigt werden kann. Gerade für Kinder, die nicht gut schwimmen können, ist das gefährlich.

Peter Kuhlemann von der DLRG Gmund

Es heißt der Ertrinkungstod kommt schnell und leise.

Peter Kuhlemann: Tatsächlich ist sehr schnell etwas passiert. Es gibt erschreckende Videos, die zeigen, wie Kinder in einem Schwimmbad ins Wasser fallen und fast ertrinken. Wenn ein Mensch untergeht, ist es in wenigen Minuten vorbei. Passiert so etwas in einem See, dauert es ja auch noch eine Zeit lang, bis wir Rettungskräfte vor Ort sind. Und dann müssen wir den Untergegangenen erst einmal finden.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass so viele Kinder überhaupt nicht mehr oder nicht sicher schwimmen können?

Peter Kuhlemann: Der Hauptgrund sind sicherlich die Nachwehen von Corona. Während der Pandemie war ja praktisch zwei Jahre lang kein Schwimmunterricht möglich. Zum einen wegen der Abstandsregeln, zum anderen weil die Bäder und auch die Schulen geschlossen hatten.

Dass es zu wenig Hallenbäder gibt, ist auch nach Corona ein großes Problem geblieben.

Peter Kuhlemann: Ja, es ist schwieriger geworden, Schwimmunterricht anzubieten. Die Bäder sind einfach nicht vorhanden – da brauche ich ja bloß an den Wiesseer Badepark zu denken. Viele Möglichkeiten bleiben nicht mehr. Auch die Schulen können meistens keinen Schwimmunterricht mehr anbieten. Und private Kurse kosten oft viel Geld – für sozial schwächere Familien ist das häufig nicht machbar. Auch wir als DLRG Gmund können derzeit keine Kurse anbieten.

Woran liegt das?

Peter Kuhlemann: Das liegt nicht nur an den fehlenden Bädern. In erster Linie mangelt es uns an Schwimmlehrern. Wir bräuchten die ehrenamtlichen Ausbilder genau zu den Zeiten, in denen der „normale“ Mensch arbeitet. Da fehlt es uns schlicht an Ehrenamtlichen.

Die Ausbildung des eigenen Nachwuchses ist aber gesichert, oder?

Peter Kuhlemann: Unser Training dürfen wir im Tölzer Hallenbad abhalten. Das müssen wir allerdings relativ teuer bezahlen. Und einen Abend pro Woche dürfen wir kostenlos mit unseren Aktiven zum Trainieren ins Rottacher See- und Warmbad. Dafür sind wir der Gemeinde Rottach-Egern sehr dankbar.

Viele Eltern stufen ihre Kinder in der Statistik als gute Schwimmer ein. Nicht immer entspricht das aber den Tatsachen. Wie ist da Ihre Erfahrung?

Peter Kuhlemann: Die Beurteilung durch die Eltern ist sehr, sehr relativ. Ich habe schon Kinder im Schwimmtraining gehabt, die einen Anfängerkurs absolviert und auch das Seepferdchen gemacht haben. Die haben dann aber im Wasser gerade einmal zwei Meter am Stück geschafft.

Das heißt, mit einem Anfängerkurs allein ist es nicht getan?

Peter Kuhlemann: Bis es soweit ist, dass das Schwimmen so sehr in Fleisch und Blut übergeht wie das Fahrradfahren, muss die Technik immer weiter verfeinert werden. Ich würde sagen, erst ab dem Erwerben des Bronze-Abzeichens verliert man die grundsätzliche Fähigkeit des Schwimmens nicht mehr so schnell.

Fürchten Sie, dass die Zahl der tödlichen Badeunfälle am Tegernsee aufgrund der sinkenden Schwimmfähigkeit der Besucher steigen könnte?

Peter Kuhlemann: Statistisch betrachtet wahrscheinlich schon. Allerdings haben wir bei den tödlichen Badeunfällen am Tegernsee schon immer sehr starke Schwankungen gehabt. In manchen Jahren ertrinkt überhaupt niemand, in anderen Jahren haben wir gleich mehrere Badetote. Das hängt wohl eher mit dem Wetter zusammen – bei guten Bedingungen sind einfach mehr Leute beim Baden.

Wir stehen ganz am Anfang der Badesaison, das Wasser im Tegernsee ist noch sehr kalt. Gibt es für Badegäste hier Besonderes zu beachten?

Peter Kuhlemann: Die Kälte und die häufig sehr schnellen Wetterumschwünge sind sicherlich Besonderheiten am Tegernsee. Da denke ich gar nicht einmal so sehr an die Schwimmer, sondern vielmehr an die Stand-Up-Paddler. Im Gegensatz zu Kite-Surfern, die meist mit Kälteschutz und gemeinsam mit anderen Sportlern unterwegs sind, wird der SUP-Sport gerne unterschätzt. Viele stellen sich mit normaler Freizeitkleidung auf das Brett. Selbst wenn man nach einem Sturz wieder aufs Brett kommt, ist man extrem schnell ausgekühlt. Auch kann es sein, dass man es durch plötzlichen Wellengang nicht mehr zurück auf das Brett schafft. Ich würde in jedem Fall auch für das SUP einen Kälteschutz und ein entsprechendes Warnmittel empfehlen.

Kommen wir zurück zu den Schwimmern. Da gibt es ja die guten alten Baderegeln à la „nicht mit vollem Magen ins Wasser gehen“. Was sollte man noch beachten, um Unfälle zu vermeiden?

Peter Kuhlemann: Nehmen wir zum Beispiel die DLRG-Baderegel Nummer eins. Die besagt: Kühle dich ab, bevor du ins Wasser gehst. Zwar ist ein Herzstillstand durch Kälteschock sehr selten – aber wenn es passiert, ist es brandgefährlich. Eine andere Regel sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein: Als Nichtschwimmer darf man nur bis zum Bauch ins Wasser. Das ist gerade im Tegernsee sehr wichtig, denn hier gibt es keine Markierung für einen Nichtschwimmerbereich. Es kann ganz plötzlich sehr tief werden.

Und dann gibt es auf dem Tegernsee ja noch viele Schiffe und Boote.

Peter Kuhlemann: Ja, wir sehen oft Personen, die kreuz und quer rausschwimmen. Die erfahreneren Schwimmer haben eine Boje dabei, aber bei den anderen sieht man wirklich nur einen kleinen Kopf im Wasser. Da haben wir schon manchmal Bedenken, ob die von den Seglern und den Bootsführern der Seenschifffahrt überhaupt gesehen werden.

Würden Sie den Badegästen sonst gerne noch etwas mit auf den Weg geben?

Peter Kuhlemann: Eines vielleicht noch: Längere Strecken sollte man nach Möglichkeit nie alleine schwimmen. Zumindest sollte jemand wissen, dass man in den See hinausschwimmt – das ist zumindest eine gewisse Absicherung.

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