- VonJennifer Battagliaschließen
In Apotheken darf nicht nur gegen Covid-19, sondern auch gegen Grippe geimpft werden. Mediziner sehen die Impfungen durch Apotheker kritisch.
Landkreis – Jeden Mittwoch und jeden Samstag kann man sich in der St. Anna-Apotheke in Burggen impfen lassen. Apotheker Thomas Mark bietet seinen Kunden sowohl Corona- aus auch Grippeschutzimpfungen an. Wer sich impfen lassen möchte, vereinbart telefonisch einen Tag und eine Uhrzeit oder bucht online einen Termin.
Impfungen in Apotheken: Resonanz bisher gut
Die Resonanz war laut Mark bisher gut. „Die Leute, die zum Impfen gekommen sind, fanden das Angebot toll“, sagt er. Der Apotheker impft selbst. Zu Beginn des Jahres hatte er die dafür nötige Fortbildung mitgemacht – denn laut Gesetz dürfen nur geschulte Apotheker die Spritze verabreichen. Alles in allem habe die Fortbildung und die Erneuerung des Erst-Helferzertifikats zweieinhalb Tage gedauert, so Mark.
Konfliktpotenzial mit Hausärzten sieht der Apothekerin puncto Impfen nicht. In dem Haus, in dem sich die St.-Anna-Apotheke befindet, gibt es auch eine Arztpraxis mit drei Ärzten. „Bei mir lassen sich keine Patienten aus der Praxis impfen“, sagt der Apotheker. Vor allem Menschen von weiter weg – aus Füssen, Wessobrunn oder Landsberg – hätten sich bisher von ihm die Spritze verpassen lassen. Die Gründe für die zum Teil weite Anreise sind laut Mark vielfältig. Manche Hausärzte würden nicht gegen Covid-19 impfen. „Gegen Grippe impft jeder“, sagt der Apotheker. „Bei den Coronaimpfstoffen haben manche Mediziner Vorbehalte.“
Um jedem ein passendes Angebot machen zu können, hat die St. Anna-Apotheke verschiedene Impfstoffe vorrätig. Sowohl den herkömmlichen Biontech-Impfstoff als auch die angepassten Vakzine gegen die Omikron-Variante. Außerdem bietet Mark Novavax an. „Für alle, die sich nur mit einem ,Totimpfstoff‘ impfen lassen wollen.“
Hat jemand schon mal auf eine Impfung reagiert oder zählt zu einer Risikogruppe, bekommt er von Mark keine Spritze verpasst. Der Impfkandidat muss vor der Impfung einen Anamnesebogen ausfüllen. Den prüft Mark. „Das läuft bei uns nicht anders als im Impfzentrum auch“, sagt der Apotheker.
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Apothekensprecher: „Wir wollen nicht, dass der Eindruck entsteht, wir impfen alles in Grund und Boden“
Das niederschwellige Impfangebot wird angenommen, aber die Impfungen durch Apotheker werden von Medizinern nicht gern gesehen. Sowohl der Deutsche Hausärzteverband als auch die Bayerische Landesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns haben sich gegen Impfungen in Apotheken ausgesprochen.
Wie heikel das Thema ist, weiß auch der Apothekensprecher im Landkreis, Dr. Philipp Kircher. In der St.Ulrich-Apotheke in Peißenberg bietet Kircher zwar Impfungen an, bewirbt diese aber nur passiv. „Wir wollen nicht, dass der Eindruck bei den Ärzten entsteht, wir impfen alles in Grund und Boden“, sagt er. In den vergangenen Monaten habe er maximal 20 bis 30 Corona-Schutzimpfungen durchgeführt. Kircher folgt den Anweisungen des Gesetzgebers. „Es ist nicht unsere Idee gewesen, dass die Apotheken auch impfen sollen.“ Als Delegierter und Referent der Bayerischen Landesapothekenkammer habe er sich den Impfungen in Apotheken nicht verwehren können. „Da stecke ich gewissermaßen in einer Zwickmühle“, sagt Kircher.
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Versorgungsarzt: „Dieser Schuss geht nach hinten los“
Peter Lidzba, Versorgungsarzt im Landkreis, kritisiert die neue Gesetzesregelung, dass Apotheker gegen Covid 19 und Grippe impfen dürfen, deutlich: „Das kann nur eine Ausnahmeregelung sein, kein Dauerzustand“, betont der Internist und Hausarzt aus Penzberg. „Es gehört in die Arztpraxen zu entscheiden, wer wann wie geimpft wird.“ Hausärzte wüssten über Vorerkrankungen und mögliche Unverträglichkeiten ihrer Patienten bestens Bescheid. „Das ärztliche Gesamtwissen über den Patienten ist unbezahlbar.“ Der Versorgungsarzt befürchtet eine Zunahme von unerwünschten Impfnebenwirkungen bei Coronavakzinen, sollten diese weiter in den Apotheken verimpft werden. „Dieser Schuss geht nach hinten los“, prophezeit er.
Bayernweit werden Ende des Jahres die Impfzentren schließen. Lidzba ist nicht der Meinung, dass dann Hausärzte Unterstützung bei Impfungen benötigen werden. „Die Arztpraxen haben das immer schon gemacht. Wir haben die Infrastruktur dafür, wir haben das Personal“, sagt er. Außerdem hätten Impfzentren in den vergangenen Monaten kaum noch einen merklichen Beitrag an Coronaschutzimpfungen geleistet, der Großteil werde bereits jetzt von den Hausärzten gestemmt.
Ein weiterer Punkt, der Ärzten sauer aufstößt, ist die unterschiedliche Vergütung pro Spritze: Laut dem Bayerischen Gesundheitsministerium erhalten Apotheken 7,60 Euro für die Durchführung und Dokumentation einer Grippeimpfung von den Gesetzlichen Krankenkassen. „Dazu kommen 2,40 Euro für Nebenleistungen, unter anderem für die Beschaffung von Verbrauchsmaterialien und zum Ausgleich anfallender Verwürfe, und für die Beschaffung des Impfstoffes ein Euro“, teilt eine Ministeriumssprecherin auf Anfrage mit. Macht insgesamt elf Euro. „Da bekommen wir Ärzte pro Grippeimpfung definitiv weniger“, sagt Lidzba.
Es gehe ihm aber nicht ums Geld. Lidzba hat Sorge, dass in Zukunft auch weitere Impfungen in der Apotheke folgen werden, zum Beispiel Impfungen gegen Pneumokokken, Tetanus, FSME, bis hin zu Reiseimpfungen. „Wenn man einmal damit anfängt, wie geht das weiter?“, fragt er. Auf Anfrage teilte das Bayerische Gesundheitsministerium mit, dass weitere Impfungen durch Apotheker nach jetzigem Kenntnisstand jedoch nicht geplant sind.
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