VonSilke Schederschließen
Die Geflüchteten in Lenggries wünschen sich mehr Kontakt zu den einheimischen Jugendlichen. Zur Lösung des Problems hat sich Ehrenamts-Koordinatorin Annette Ehrhart für kommenden Mittwoch etwas Ungewöhnliches einfallen lassen.
Lenggries – Dazugehören. Die Sehnsucht danach scheint groß zu sein: Bei der Vollversammlung von Geflüchteten und dem „Helferkreis Asyl“ Ende Juni in Lenggries wünschten sich etliche junge Migranten mehr Kontakt zu gleichaltrigen Einheimischen. Nach etwas Bedenkzeit kam Ehrenamts-Koordinatorin Annette Ehrhart eine Idee, wie man beide Seiten zusammenbringen könnte: per Speed-Dating.
Anders als im klassischen Sinne geht es am kommenden Mittwoch aber nicht darum, den Partner fürs Leben kennenzulernen. Unter dem Motto „Meet and Greet“ sollen Deutsche und Geflüchtete ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen und Berührungsängste abbauen. Bestenfalls entstehen Freundschaften. „Mal sehen, was passiert“, sagt Ehrhart.
Sie selbst wird ab 20 Uhr ebenfalls im „Jugendtreff“ anwesend sein. „Ich bin da und gonge nach fünf Minuten.“ So viel Zeit steht jeweils zwei Teilnehmern zur Verfügung, um sich zu unterhalten. Nach Ablauf dieser fünf Minuten wechseln die Gesprächspartner, die sich in der Regel gegenüber sitzen. Das Ganze wird so oft wiederholt, bis jeder Teilnehmer einmal mit jedem gesprochen hat. Vorgegebene Themen helfen dabei, den Anfang zu erleichtern und peinliches Schweigen zu vermeiden. In einer Runde etwa geht es um Hobbys, in einer anderen um das Lieblingsessen und in der nächsten um den Musikgeschmack.
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Sprachbarrieren befürchtet Ehrhart nicht. „Viele Geflüchtete können sich gut unterhalten.“ Ansonsten müssten die Teilnehmer eben improvisieren. Gäbe es öfter solche Gesprächsanlässe, wäre die Kommunikation mit Händen und Füßen schon bald nicht mehr nötig, glaubt Ehrhart. Den Betroffenen fehle schlicht die Sprachpraxis. Ob in den Gemeinschaftsunterkünften oder in den Integrationsklassen an der Berufsschule: Allzu oft blieben die Geflüchteten unter sich und hätten zu wenig Möglichkeiten, sich auf Deutsch zu unterhalten.
Zehn bis 15 junge Männer aus Syrien, Eritrea und Afghanistan haben sich bislang für die Veranstaltung angemeldet. Ehrhart rechnet insgesamt mit 30 bis 40 Teilnehmern zwischen 18 und 25 Jahren. Mit dem Prinzip des Speed-Datings war anfangs keiner der Geflüchteten vertraut, Ehrhart musste erst aufklären. Dann aber fanden sich schnell Interessenten unter den aktuell knapp 100 Geflüchteten in Lenggries.
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Auch unter den einheimischen Jugendlichen war die Resonanz gut. „Sie haben sich sehr offen gezeigt“, sagt Ehrhart. Die Ehrenamts-Koordinatorin hatte ganz gezielt bei potenziell geeigneten Kandidaten nachgefragt, unter anderem bei den örtlichen Ministranten und der evangelischen Jugendgruppe. Auch aus dem Trainerteam der Zirkuswoche, die von Montag bis Freitag in der Turnhalle der Mittelschule stattfindet, erklärten sich die Jüngeren bereit, bei dem Experiment mitzumachen.
Der Abend setzt sich aus zwei Teilen zusammen: zuerst die Kurz-Gespräche, dann ein gemütliches Beisammensein – und bestenfalls noch mehr Gespräche. Läuft der Abend gut, könnte sich Annette Ehrhart eine Wiederholung des „Speed-Datings“ im Herbst oder Winter vorstellen. „Mal schauen, wie sich das entwickelt. Ich bin gespannt.“
