- VonAnna Liebeltschließen
Erst vor kurzem hat sich ein Mann in Mittelfranken mit dem lebensbedrohlichen Borna-Virus infiziert. Obwohl das Ansteckungsrisiko vergleichsweise gering ist, sind die Folgen der Erkrankung schwerwiegend.
München – Erst vor wenigen Tagen hat sich ein Mann aus dem Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen in Mittelfranken mit dem äußert seltenen und lebensbedrohlichen Borna-Virus infiziert. Nicht der erste Fall in Bayern. Bereits im letzten Jahr starb ein Kind in Maitenbeth (Landkreis Mühldorf) an den Folgen einer Erkrankung. Dass es gerade im Freistaat häufiger zu Infektionen kommt, hat seinen Grund, sagen Experten.
Fragen und Antworten zum Borna-Virus in Bayern – hier lesen.
Borna-Virus in Bayern: Forschung zu tödlichem Erreger steckt noch in den Kinderschuhen
Die Wissenschaft steckt bei der Erforschung des Virus allerdings noch in den Kinderschuhen. Merle Böhmer, Epidemiologin beim Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit dem tödlichen Erreger. „Bei dem Virus handelt es sich um einen zoologischen RNA-Virus, der vom Tier auf den Menschen übertragbar ist“, erklärt sie auf Nachfrage der Redaktion. „Es zählt zu den tödlichsten Viren in Deutschland, ist aber zum Glück sehr selten.“
Benannt ist das Borna-Virus dabei nach der gleichnamigen Stadt in Sachsen. Denn dort kam es laut dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im 19. Jahrhundert zu gleich mehreren Ausbrüchen von Gehirnentzündungen bei Pferden. „Heute wissen wir, dass diese durch das Virus ausgelöst wurden“, sagt Dennis Tappe, Professor am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Dass der Erreger der Borna’schen Krankheit auch auf den Menschen übertragbar ist, wissen die Forscher aber erst seit wenigen Jahren.
Nach Borna-Virus-Fall in Mittelfranken: Übertragungsweg stellt Forscher vor Fragezeichen
Wie die Übertragung auf den Menschen konkret vonstattengeht, sei derzeit jedoch noch unbekannt. „Wir wissen aber, dass das Virus in der Feldspitzmaus vorkommt, diese ist ein natürliches Reservoir. Vermutlich gelangt das Virus irgendwie aus der Umwelt in den Menschen“, erklärt Dennis Tappe.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) zieht dafür verschiedene Übertragungswege in Betracht. Als wahrscheinlichster gilt dabei der direkte Kontakt mit einer Feldspitzmaus, beispielsweise durch einen Biss oder deren Ausscheidungen. Daneben können sich Menschen aber auch über verunreinigte Lebensmittel oder durch Einatmen des Virus über kontaminierten Staub infizieren, so die Vermutung.
Wie genau der Übertragungsweg auf den Menschen abläuft, ist aber bis heute eine unserer Hauptfragen in der Forschung
„Wie genau der Übertragungsweg auf den Menschen abläuft, ist aber bis heute eine unserer Hauptfragen in der Forschung“, berichtet Merle Böhmer vom LGL. Dabei sei ein Durchbruch laut der Epidemiologin bitter nötig, allein um die Bevölkerung gezielt auf konkrete Präventionsmaßnahmen einzustellen zu können.
Nach einer Infektion mit dem Borna-Virus landen die meisten Patienten auf der Intensivstation
Ein weiterer wichtiger Grund für die Erforschung sei natürlich auch die Eindämmung des Virus, denn das endet bei einer Infektion in der Regel tödlich. Dabei macht sich das rätselhafte Virus beim Menschen zunächst recht unscheinbar in Form von grippeähnlichen Symptomen bemerkbar. „Betroffene haben oft mit Unwohlsein, Fieber, Kopfschmerzen und Verwirrtheit zu kämpfen“, berichtet Tappe.
Im späteren Stadium der Erkrankung zeigen sich neurologische Ausfälle, wie unkontrolliertes Muskelzucken oder Krämpfe, die schließlich bis zur Enzephalitis, einer Gehirnentzündung, reichen und im Koma enden. „Nach dem Ausbruch landen die Patienten binnen weniger Tage oder Stunden auf der Intensivstation“, merkt Böhmer an. „Ab da verläuft das Virus meist tödlich.“
Auch eine Früherkennung könne laut der Epidemiologin einen schweren Verlauf wohl nicht verhindern. „Es gibt keine Anhaltspunkte, dass man die Erkrankung dadurch abmildern könnte“, sagt sie. „Außerdem hat das Borna-Virus eine sehr lange Inkubationszeit, was eine Früherkennung, aber auch den Rückschluss auf das Infektionsereignis sehr schwierig macht“, betont Böhmer. Bis der Erreger im Körper eines Infizierten ausbricht, können also mehrere Wochen, sogar Monate vergehen.
Ärzte tun sich bei Behandlung von gefährlichem Erreger schwer: Es gibt keine Therapiemöglichkeit
Ist es aber einmal so weit gekommen, können Ärzte aus schulmedizinischer Sicht nur wenig ausrichten. „Es gibt keine spezifische Therapiemöglichkeit, und auch keinen Impfstoff“, warnt Böhmer. Dementsprechend behandeln Mediziner betroffene Personen nach individuellen Bedürfnissen und symptomabhängig.
Eine zusätzliche Strategie bestünde laut Dennis Tappe darin, die Virusmenge mit bestimmten Medikamenten zu unterdrücken. In-Vitro-Versuche haben zudem gezeigt, dass sich in der Behandlung des Borna-Virus bestimmte Virostatika, wie etwa Ribavirin oder Famciclovir, als wirksam erwiesen haben. Diese seien in der Kombination allerdings noch nicht genügend erforscht und dementsprechend nicht als Therapie zugelassen.
Risikogebiet Bayern: Borna-Virus tritt vor allem im Freistatt und auf dem Land auf
Da das Borna-Virus nur von der Feldspitzmaus übertragen wird, kommt es entsprechend auch nur im Lebensraum der Mäuse vor. Und die finden sich im gesamten Gebiet des Freistaates pudelwohl. Nicht umsonst zählt Bayern neben Thüringen und Teilen von Sachsen-Anhalt zum Risikogebiet des RKI.
Den entscheidenden Einfluss für eine Infektion hat dabei aber der genaue Wohnort: „Wir haben festgestellt, dass der Großteil der Betroffenen extrem ländlich wohnt“, berichtet Böhmer. „Personen, die einen Bauernhof haben, in der Nähe eines Pferdestalls oder eines Feldes wohnen, zählen zu den Risikogruppen.“ Deutschlandweit wurden laut RKI insgesamt etwa 50 Borna-Fälle nachgewiesen.
Infektion mit gefährlichem Borna-Virus sehr unwahrscheinlich: Feldspitzmäuse sind faul
Dass es dabei gerade in Bayern nicht zu mehr Infektionen kommt, habe einen banalen Grund: Feldspitzmäuse sind faul. „Die Tiere sind nicht sehr mobil und haben kein großes Wanderbedürfnis“, erklärt Böhmer, „das Verbreitungsgebiet des Borna-Virus beschränkt sich daher seit Jahrhunderten auf einen bestimmten Raum.“ Und dort sei lang nicht jedes Tier infiziert.
Somit ist das Borna-Virus zwar eins der gefährlichsten unseres Landes, aber das Risiko einer Infektion bleibt äußerst gering. „In Bayern stecken sich jährlich vielleicht sechs Personen mit dem Virus an“, sind sich die Experten Böhmer und Tappe einig. Grund zur Sorge gibt es also nicht.
Behörden raten zu Vorsichtsmaßnahmen nach Kontakt zu Borna-Virus-Überträgern
Wer dennoch eine tote Feldspitzmaus findet, sollte auf etwaige Vorsichtsmaßnahmen achten: Die Tiere sollten nur mit Gummihandschuhen und einem Mund-Nasenschutz entsorgt werden. „Am besten besprüht man die Maus noch mit Reinigungsmitteln und in einer verknoteten Plastiktüte wegwerfen. So verhindert man die Bildung von kontaminiertem Staub“, rät Böhmer.
Laut BMBF sollten kontaminierte Flächen ebenso desinfiziert werden. Für Arbeiten mit Staubentwicklung, beispielsweise in einem Schuppen, empfiehlt sich das Tragen einer Maske. „Abschließend sollte man gründlich duschen und seine Kleidung waschen“, ergänzt die Epidemiologin.
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