„Wir haben die Krise nie hinter uns gelassen“

Herzogliches Brauhaus Tegernsee kämpft mit Problemen – „Wissen nicht, wo die Reise hingeht“

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Stehen vor neuen Herausforderungen: (v.l.) Braumeister Norbert Stühmer, Herzogin Anna in Bayern und Brauhaus-Geschäftsführer Christian Wagner.
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Auch das Brauhaus in Tegernsee steht angesichts von drohender Gas-Knappheit und Lieferschwierigkeiten vor nie dagewesenen Herausforderungen. Wie die Krise gemeistert werden soll, erklären die Verantwortlichen im Interview.

Tegernsee – Lieferengpässe, Preisexplosionen in allen Bereichen und die Sorge ums Gas machen der Industrie und auch mittelständischen Unternehmen wie dem Herzoglichen Brauhaus Tegernsee mit aktuell 101 Mitarbeitern zu schaffen. Im Interview sprechen Herzogin Anna in Bayern als Inhaberin, Geschäftsführer Christian Wagner sowie Braumeister und Technischer Leiter Norbert Stühmer über die aktuelle Lage.

Tegernseer Brauhaus schlittert von einer Krise in die nächste – erst Corona, jetzt Energie und Gas

Ist die Pandemie aufgearbeitet? Es heißt, das Nachholbedürfnis der Bier-Konsumenten sei groß.
Herzogin Anna: Wir haben die Krise doch nie hinter uns gelassen.
Sie meinen damit, dass Sie nahtlos von der Coronakrise in die Wirtschaftskrise geschlittert sind.
Norbert Stühmer: Es gibt auf allen Rohstoff- und Versorgungswegen erhebliche Probleme. Man bekommt nicht oder nur sehr schwer die Rohstoffe, die man gerne hätte. Das betrifft sowohl die Mengen, wie es etwa beim Malz der Fall ist, als auch die Qualitäten.
Apropos Qualität: Es heißt, dass Sie zuletzt Probleme hatten bei der Produktion der Sorte Tegernseer Hell?
Norbert Stühmer: Hausintern wurde bei einer Charge die Hopfengabe verwechselt. Analytisch hatte das keine Auswirkungen, nur sensorisch, also geschmacklich. So etwas merkt man leider erst frühestens 24 Stunden nach dem Abfüllprozess.
Christian Wagner: Die Qualität war die gleiche, aber das Bier hatte eben einen anderen Geschmack, wie man das von unserem Hellen gewohnt ist. Wo es Feedback gab, haben wir das Bier zurückgeholt. Sagen wir mal so: Wer nicht regelmäßig unser Bier trinkt, hat es vielleicht gar nicht bemerkt.
Herzogin Anna: Bier ist im Geschmack schon wegen seiner Zutaten immer leicht schwankend. Wir sind ja schließlich kein Industriebetrieb. Es ist dann immer wieder die Kunst des Braumeisters, dem Bier seinen typischen, gewollten Geschmack – bei uns eben der Tegernseer Geschmack – zu verleihen.

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Die fehlende Kohlensäure wird auch für das Herzogliche Brauhaus Tegernsee zum Problem

In welchen Bereichen sind Sie von Lieferproblemen betroffen?
Norbert Stühmer: Es ist generell in allen Bereichen schwierig. Das beginnt bei Hilfsmitteln, wie etwa bei den Filtrationsmitteln. Diese kommen ausschließlich aus den USA, Mexiko und Frankreich. Aufgrund der angespannten Lieferketten bekommen wir nicht oder nur schwierig die benötigten Mengen als auch das gewünschte Produkt. Der Brau- und Filtrationsprozess muss somit ständig an die vorhandenen Filtrationsmittel angepasst werden.
Worin liegt der Grund?
Norbert Stühmer: In der Logistik, das sind immer noch Auswirkungen von Corona.
Wie steht’s mit der Lieferung von Kohlensäure? Viele Brauereien sind echt in Not.
Norbert Stühmer: Zunächst muss man erklären, dass Kohlensäure als sogenanntes Inert-Gas zum Verdrängen von Sauerstoff verwendet wird. Das Reinheitsgebot gibt uns vor, dass wir nur biogene, also natürlich vorkommende Kohlensäure für solche Zwecke verwenden dürfen. Wir haben zwar einen Lieferanten, doch die Verfügbarkeit ist äußerst knapp, eigentlich geht sie gegen null.
Was tun Sie dann, wenn’s nichts mehr gibt?
Norbert Stühmer: Schon vor zwei Jahren haben wir kommen sehen, dass das ein Problem werden könnte. Der Ansatz war eigentlich, dass wir Kosten reduzieren wollten. Daher haben wir den Standort Moosrain mit einer eigenen Stickstoffanlage aufgerüstet. Allerdings kann diese nur für die Fass- und nicht für die Flaschenabfüllung verwendet werden.
Also nur ein teilweiser Ersatz.
Herzogin Anna: Leider ja. Wenn wir keine Kohlensäure mehr haben, dann steht die Flaschen-Füllerei still. Zum Glück ist Herr Stühmer extrem vorausschauend in allen Bereichen, denn vor zwei Jahren haben wir ja noch nicht gewusst, wo wir heute stehen. Diese Stickstoffanlage nimmt uns heute, zumindest bei der Fassabfüllung, den Druck.

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Muss das Brauhaus Tegernsee bald am Bierpreis schrauben?

Die Brauerei hängt energetisch am Gas, ein weiteres Problem.
Norbert Stühmer: Richtig. In Tegernsee haben wir aber einen Zwei-Stoff-Brenner im Einsatz, mit dem wir von Gas auch auf Heizöl umstellen können. Für Moosrain rüsten wir nach. Er ist bestellt und kommt im März 2023.
Herzogin Anna: Damit können wir im Bedarfsfall zumindest einen Notbetrieb sicherstellen.
Norbert Stühmer: Eine komplette Einstellung des Braubetriebs müssen wir mit aller Kraft verhindern, denn damit würden wir alle Hefe-Lebendkulturen, die wir für die Bierherstellung benötigen, verlieren. Sollte tatsächlich kein Gas mehr zur Verfügung stehen, dann ist das Ziel, mit Öl den Notbetrieb zu fahren, um alle Hefe-Lebendkulturen erhalten zu können. Und noch was: Wir haben zwar eine vertragliche Kostenbindung für Gas und Strom bis Ende 2024, doch die wird vermutlich nicht gültig bleiben.
Herzogin Anna: Wir wissen leider alle nicht, wo die Reise hingehen wird.
Wo wirken sich Kostensteigerungen noch aus?
Christian Wagner: Eigentlich wirklich in allen Bereichen, auch zum Beispiel bei den Flaschen, wo wir zwar Verträge und Mengenkontrakte haben, aber froh sind, wenn wir Neuglas geliefert bekommen. Um eine Lieferfähigkeit zu gewährleisten, müssen hier ebenso Preiserhöhungen akzeptiert werden.
Norbert Stühmer: Die Tendenz ist stark steigend, bis zu 50 Prozent gegenüber Vorkrisen-Niveau.
Christian Wagner: Es geht weiter mit Kronkorken, Etiketten, Leim für Etiketten, Reinigungsmitteln und Paletten.
Was tun Sie, um energetisch autark zu werden?
Christian Wagner: In Moosrain installieren wir derzeit eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von 600 kw/h, mit der wir im Idealfall bis zu 50 Prozent unseres Stromverbrauchs selber produzieren können. Bevor die Anlage jedoch in Betrieb genommen werden kann, muss diese noch zertifiziert werden. Alleine diese Formalität dauert sechs bis neun Monate an.
Herzogin Anna: Es ist unverständlich, dass das angesichts der angespannten Lage so lange dauert.
Müssen wir damit rechnen, dass das Bier teurer wird?
Herzogin Anna: Solange wir können, soll der Preis weiter stabil bleiben.
Christian Wagner: Zuletzt haben wir nach drei Jahren zum 1. April den Preis moderat erhöht, von 2,90 auf 3 Euro für die Halbe im Bräustüberl. Bier ist eben ein Volksgetränk.
Herzogin Anna: Über die Erhöhungen haben wir zuvor lange gesprochen und versucht, die Anstiege so moderat wie möglich zu halten.
Christian Wagner: Wenn sich die Energiepreise verdreifachen, wird es insbesondere die Gastronomie sehr schwer haben. Diese wollen und müssen wir schützen und am Leben halten. Die Gastronomie ist schließlich eines der wichtigsten Kulturgüter in Bayern. Die Kehrtwende in der Energie-Krise wird kommen müssen.

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