Interview

Afghanische Ortskräfte in Geretsried: Wohnraum ist die größte Herausforderung

+
Im Einsatz für den Verein Hilfe von Mensch zu Mensch: Anne Weinhart unterstützt in ihrem Büro für Migrationsberatung an der Elbestraße ehemalige afghanische Ortskräfte und ihre Familien. Gemalte Bilder von Kindern haben dort einen Ehrenplatz.
  • schließen

Im Übergangswohnheim in Geretsried sind ehemalige Ortskräfte aus Afghanistan untergekommen. Migrationsberaterin Anne Weinhart gibt Einblick.

Geretsried – Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan veränderte das Leben für die Ortskräfte. Sie mussten ihre Heimat verlassen, weil sie mit ausländischen Organisationen zusammengearbeitet haben. Manche der afghanischen Ortskräfte sind mit ihren Familien in Geretsried untergekommen. Die Regierung von Oberbayern hat dazu im Januar eine der beiden Gemeinschaftsunterkünfte an der Jahnstraße in ein Übergangswohnheim umgewandelt (wir berichteten). Wie es den Menschen dort geht, erzählt Anne Weinhart. Die Ethnologin arbeitet in der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer, die der Verein Hilfe von Mensch zu Mensch anbietet.

Frau Weinhart, seit bald einem halben Jahr sind ehemalige afghanische Ortskräfte in Geretsried untergebracht. Aktuell leben 142 Menschen im Übergangswohnheim. Wie unterstützt der Verein Hilfe von Mensch zu Mensch sie?

Anne Weinhart: Bei allem, was den Menschen dabei hilft, anzukommen und sich zu integrieren. Zunächst waren die Anträge beim Jobcenter zu stellen. Das waren natürlich sehr viele, wobei uns das Jobcenter sehr unterstützt hat. Wir haben den Menschen auch geholfen, Sprachkurse zu suchen. Nun stehen wir ihnen bei der Arbeits- und Wohnungssuche zur Seite. Es sind auch viele Kinder dabei, wir unterstützen beim Kontakt mit den Schulen. Dort sind bereits alle schulpflichtigen Kinder untergekommen. Die jüngeren müssen für Kinderbetreuungsplätze registriert werden. Darüber hinaus müssen die Menschen Ärzte suchen.

Das ist eine lange Liste. Machen Sie das alles alleine?

Weinhart: Ich als Migrationsberatung bin zuständig für anerkannte Geflüchtete ab dem 27. Lebensjahr oder jüngere Familien, die dieser Situation nahekommen. In der Unterkunft sind die Flüchtlings- und Integrationsberater von Hilfe von Mensch zu Mensch. Sie sind für diejenigen zuständig, die das Asylverfahren durchlaufen. Das trifft auf die afghanischen Ortskräfte nicht zu. Da sie aber in der Unterkunft sind und es mit 142 viele Menschen sind, arbeiten wir eng zusammen und haben uns die Arbeit aufgeteilt. Alleine wäre das nicht zu schaffen.

(Unser Wolfratshausen-Geretsried-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.)

Interview: Hilfe von Mensch zu Mensch betreut afghanische Ortskräfte

Wie viele sind Sie von Hilfe von Mensch zu Mensch in Geretsried?

Weinhart: Ein Kollege ist in der Sammelunterkunft an der Blumenstraße, zwei an der Jahnstraße und ich im Büro an der Elbestraße. Ein Kollege ist in Wolfratshausen, und dann haben wir noch einen Springer, der im gesamten Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen eingesetzt wird. Zwei Kolleginnen sind in Bad Tölz. Wichtig ist für uns auch Netzwerkarbeit, etwa mit Integration aktiv und der Stadt Geretsried.

Können Sie erläutern, wie es für die Menschen ist, als afghanische Ortskräfte nach Geretsried zu kommen?

Weinhart: Alles ist neu, die Leute müssen sich in ein neues System und eine neue Kultur einfinden. Vieles kennen die Menschen so einfach nicht. Sie müssen lernen, an wen kann ich mich wenden, was brauche ich. Sie haben von heute auf morgen alles verloren. Hier kommen sie dann erst mal in eine Unterkunft und müssen sich komplett neu einfinden. Das betrifft alle Bereiche: Geld, Arbeit und Wohnung. Auch gesundheitliche Aspekte spielen eine Rolle.

Aufgrund traumatischer Erlebnisse?

Weinhart: Natürlich gibt es durch die Machtübernahme der Taliban Erlebnisse, die traumatisch waren. Auch die Flucht, die Art und Weise, wie die Menschen ausgeflogen wurden, war aufregend. Und da ist auch die Sorge um Familienangehörige, die noch in Afghanistan sind oder in angrenzende Länder geflohen sind. Sie wissen nicht, wie es weiter geht. Das ist sehr belastend.

Was ist aktuell die größte Herausforderung für die Ortskräfte?

Weinhart: Ich würde sagen, Wohnraum zu suchen und mit Absagen zu leben. Ich glaube, am Wohnraum hängt viel. Die anderen Sachen laufen nebenbei.

Geretsried: Afghanische Ortskräfte suchen Wohnung und Arbeit

Warum ist eine eigene Wohnung wichtig für sie?

Weinhart: In so einer großen Unterkunft gibt es wenig Privatraum. Die Küchen und Bäder werden gemeinsam genutzt. Das macht es für die Menschen schwieriger, Ruhe zu finden. Das Übergangsheim ist ein Übergang für die Menschen, sie hoffen, möglichst schnell eigenen Wohnraum zu finden, um ihr Leben möglichst schnell selbst in die Hand nehmen zu können.

Wie ist aus ihrer Sicht die Stimmung im Übergangswohnheim?

Weinhart: Sie ist insofern sicher manchmal angespannt, als dass die Menschen nicht ihr eigenes Wohnumfeld haben. Sie teilen Erfahrungen und sind in einer ähnlichen Situation, aber gleichzeitig wünscht sich jeder, seine eigenen vier Wände zu haben und wieder arbeiten zu können, um sich den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.

Entsteht durch die gemeinsamen Erfahrungen eine Gemeinschaft?

Weinhart: Ich glaube, jeder ist sehr mit sich beschäftigt. Die Leute fühlen sich schon miteinander verbunden. Aber jeder hat sehr viel mit seiner Familie, seinen Ängsten und Sorgen zu tun. Das teilt man nicht gerne mit anderen.

Wie ging es den Menschen, als sie angekommen sind?

Weinhart: Bevor sie nach Geretsried gekommen sind, waren sie vier bis sechs Wochen in einem Ankunftszentrum in München untergebracht. In den Beratungen höre ich, dass es die Menschen entlastet hat, dass sie dort erst mal in Sicherheit waren. Aber da war eben auch die Sorge um Familienangehörige. Und sie waren auch enttäuscht, dass es ihnen trotz ihres Engagements nicht gelungen ist, ihr Land aufzubauen. Sie haben für verschiedene deutsche Organisationen gearbeitet, die Menschen-, Frauen- und Kinderrechte stärken wollten.

(Aktuelle Nachrichten aus Geretsried lesen Sie hier.)

Afghanische Ortskräfte werden in Geretsried von ehemaligen Arbeitgebern unterstützt

Wie ging es dann weiter?

Weinhart: Inzwischen ist viel vorangegangen, zum Beispiel mit Sprachkursen, und die Kinder sind teilweise schon untergebracht. Die Menschen bekommen Unterstützung – von Hilfe von Mensch zu Mensch und anderen Organisationen, und teilweise auch von den Organisationen oder Firmen, für die sie in Afghanistan gearbeitet haben. Das sind zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) oder das Institut für Menschenrechte. Aber ein großes Thema ist der eigene Wohnraum.

Die Ortskräfte sind anerkannt, dürfen also direkt eine Wohnung und Arbeit suchen. Haben sie eine realistische Chance auf dem Markt?

Weinhart: Die Leute können keinen Wohnberechtigungsschein für eine Sozialwohnung beantragen. Dafür bräuchten sie eine Aufenthaltsgenehmigung, die zum Zeitpunkt des Antrags noch mindestens zwölf Monate gültig ist. Als sie angekommen sind, haben sie nur einen Aufenthaltstitel für zwölf Monate erhalten. Sie können also nur auf dem privaten Wohnungsmarkt suchen. Das ist realistisch, wenn sie ein großes Unterstützernetzwerk durch die Firmen haben, für die sie in Afghanistan gearbeitet haben. Ansonsten ist das schwieriger, weil der Wohnraum einfach knapp ist.

Wie sieht es mit Arbeit aus?

Weinhart: Es ist realistisch, da der Bildungsstand der afghanischen Ortskräfte generell hoch ist. Sie müssen schnell Deutsch lernen. Die Anbindung an Integrationskurse hat gut geklappt. Da waren die Sprachkursträger und das Jobcenter seht hilfreich. Einige Ortskräfte haben bereits einen Praktikumsplatz oder Angebote von ihren früheren Arbeitgebern erhalten.

Bleiben die Menschen in der Region oder suchen sie deutschlandweit?

Weinhart: Die Aufenthaltserlaubnis gilt erst einmal für Bayern. Wenn sie woanders Arbeit und Wohnung finden, können sie einen Antrag stellen, umziehen zu dürfen. Das entscheidet die Ausländerbehörde vor Ort, aber meistens ist das möglich.

Die Menschen haben einen Aufenthaltstitel für zwölf Monate. Was passiert danach?

Weinhart: Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird die Aufenthaltserlaubnis auf längstens drei Jahre befristet und kann auch über diesen Zeitraum hinaus verlängert werden, wenn die Gründe, aus denen sie erteilt wurde, weiterhin gegeben sind.

Helfernetzwerk in Geretsried wird reaktiviert

Wie können die Geretsrieder die Menschen unterstützen?

Weinhart: Sich nach Wohnraum umhören. Es wäre auch toll, wenn Kinder bei Hausaufgaben unterstützt werden und sich in der Schule Freundschaften entwickeln. Wenn alle dafür offen sind, kann man darüber vielleicht in Kontakt treten und den Familien zum Beispiel Vorschläge machen, welche Ausflüge sie unternehmen können.

Ist bereits ein Helfernetzwerk entstanden?

Weinhart: Das wird gerade reaktiviert von der Stadt und Integration aktiv. Es kommen auch Anfragen, wie man helfen kann. Es ist Bereitschaft da. Es wäre toll, wenn sich da wieder etwas aufbaut.

Gesellschaftlich scheint der Fokus gerade stark auf der Unterstützung für Geflüchtete aus der Ukraine zu liegen.

Weinhart: Natürlich hat die Ukraine einen großen Fokus, das ist verständlich. Aber es gibt immer wieder Leute, die auch die afghanischen Ortskräfte oder andere Geflüchtete unterstützen. Für uns ist wichtig, dass alle Menschen die gleichen Chancen bekommen. Wir wünschen uns, dass die Menschen weiter offen sind und sich für alle Gruppen interessieren.

Gibt es Unterschiede zwischen den afghanischen Ortskräften im Übergangswohnheim und den Geflüchteten in der Sammelunterkunft daneben?

Weinhart: Die afghanischen Ortskräfte mussten das Asylverfahren nicht durchlaufen. Sie wurden direkt für zwölf Monate anerkannt. Das heißt, diese Hürden, die Geflüchtete im Asylverfahren haben, existieren bei afghanischen Ortskräften nicht. Das ist ein großer Unterschied. Auf der anderen Seite bleibt bei afghanischen Ortskräften die Unsicherheit, wie es nach den zwölf Monaten weitergeht.

Info

Weitere Informationen über den Verein Hilfe von Mensch zu Mensch online auf www.hvmzm.de

Kommentare