Interview mit Engelbert Birkle

Weilheims Stadtpfarrer über den Sinn des Advents und die Konkurrenz „Fußball-WM“

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Ein selbst geschnitzter kleiner „Adventsbaum“ mit vier Kerzlein begleitet Weilheims Stadtpfarrer Engelbert Birkle durch die Wochen vor Weihnachten.
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Was ist eigentlich der Sinn des Advents? Das erklärt Weilheims katholischer Stadtpfarrer Engelbert Birkle im Interview – in dem es natürlich auch um die Fußball-Weltmeisterschaft geht.

Weilheim – Ja, ist denn schon wieder Advent? Für die einen löst es im Blick auf den nahen Jahreswechsel Stress aus, für andere beginnt eine besonders heimelige und selige Zeit, wenn am kommenden Sonntag die erste Kerze am Adventskranz angezündet wird. Worauf es in den Wochen vor Weihnachten eigentlich ankommt, erklärt Weilheims katholischer Stadtpfarrer Engelbert Birkle im Interview – in dem es natürlich auch um die Fußball-Weltmeisterschaft geht.

Was, nur noch vier Wochen bis Weihnachten? Die Zeit scheint zu rasen… Kommt für Sie der Advent auch immer so überraschend?

Auf eine Art bin ich sogar noch viel weiter: Die Planungen für Weihnachten prägen gerade meinen Alltag, die Weihnachtskarten sind in Druck gegeben... Gleichzeitig fängt jetzt erst der Advent an, und das erwischt mich irgendwie auch immer ein bisschen plötzlich, ja. Da bin ich im gleichen Rhythmus wie alle anderen, und das will ich auch sein.

Was bedeutet Advent eigentlich für Christen?

Kirchlich gesehen sind es zwei Linien. Zum einen ist Advent die Vorbereitung auf das Weihnachtsfest: Wer Jesus als Erlöser anerkennt, für den ist Weihnachten ein echtes Hochfest. Wenn ich das feiern will, muss ich in Kontakt sein mit dem, was in mir Erlösung braucht. Der Advent als stille Zeit will da eine Hilfe sein. Zum anderen ist Advent eine Zeit, die betont, dass Christen auf eine Vollendung am Ende der Zeit hoffen. Die Schrifttexte der ersten Adventswochen verweisen darauf. Da geht es um die Sehnsucht: Sehnsucht nach Gott, Sehnsucht, dass wirklich Frieden wird.

Manche sagen, der Advent sei ja eigentlich eine Art Fastenzeit. Ist da was dran?

In der Fastenzeit ist die Betonung mehr auf Schuld und Vergebung, während der Advent die Sehnsucht in den Blick nimmt. Die Schnittmenge ist, dass es eine stillere Zeit ist. Mit der Sehnsucht kann man nur richtig in Kontakt kommen, wenn man ruhig wird. Die Frage im Advent könnte sein: Was ist dir eine Hilfe, in dieser Zeit in Kontakt mit deiner Sehnsucht zu kommen? Was hilft dir, dass du bei deinem Gott ankommst?

Machen Sie seitens der Pfarreiengemeinschaft besondere Angebote in dieser Zeit?

Da ist zunächst die besondere Färbung der normalen Gottesdienste im Advent: Viele mögen die Adventslieder, die Musikgruppen, die spielen, und die abendlichen Roratemessen im Kerzenschein. Der Advent hat in der Kirche vom Brauchtum her schöne Akzente. Drumherum gibt es bewährte Dinge wie das Adventsfenster, das jeden Werktagabend in einem anderen Haus geöffnet wird, oder die Einstimmung in den Advent mit der Gemeinschaft der Missionarinnen Christi. Neu sind heuer geistliche Feiern im Weilheimer Krippenmuseum. Es gibt also schon eine Reihe geistlicher Angebote.

Was ist in der Adventszeit für Sie persönlich anders als in anderen Monaten? Nehmen Sie sich für besondere Dinge Zeit?

Ich mag schon auch die Lieder und die Schrifttexte dieser Zeit, mich interessiert das Menschwerden Gottes. Daneben gibt es so kleine Dinge wie das tägliche Öffnen eines Türchens am Adventskalender, das Anzünden einer Kerze. Das sind kurze Momente, kleine Freuden, die ich gerne genieße. Und mit vielen anderen teile ich im Gehen aufs Jahresende sicher die Freude, gut durchgekommen zu sein. Durch die Fülle an Impulsen und Angeboten gut durchgehen, das ist eigentlich genug für mich – viel darüber hinaus wäre gar nicht möglich.

Stört es Sie, dass in unserer Welt so viele Äußerlichkeiten den Advent bestimmen?

Ich nehme wahr, dass wir alle von der „staden Zeit“ reden und es draußen laut ist. Und es beschäftigt mich, dass es öffentlich eigentlich keinen Advent gibt, sondern etwas stattfindet, das sich Weihnachtszeit nennt. Wenn ich „Weihnachten“ sage und wenn auf einem Werbeprospekt „Weihnachten“ steht, sind das zwei verschiedene Dinge – da brauche ich mich aber nicht drüber aufzuregen. Da wird eben deutlich, dass sich eine Trennung von Kirche und säkularer Welt vollzogen hat, wenngleich es natürlich persönliche Schnittmengen von beidem gibt.

Gibt es auch Weltliches, das Sie im Advent nicht missen möchten?

Ich geh’ auch gern über den Christkindlmarkt, wenngleich ich Glühwein nicht so gern mag... In der Schnittmenge bewege ich mich schon auch gerne. Auch Adventskonzerte sind ja etwas Schönes, obwohl sie oft große Terminfülle erzeugen. Grundsätzlich ist es ein Unterschied zwischen Orten, die man schafft, damit Menschen zusammenkommen – und dem bloßen Kommerz, der unter dem Label „Weihnachten“ Geld abschöpfen will.

Heuer fällt ja auch noch die Fußball-WM in die Adventszeit. Wie geht es Ihnen damit?

Als vor einigen Jahren die Entscheidung fiel, die Weltmeisterschaft in diese Zeit zu legen und das Endspiel am 4. Advent abzuhalten, hab’ ich mir schon gedacht: Da okkupiert man eine heilige Zeit und huldigt Götzen... Aber ich bin jetzt positiv überrascht, dass sich viele Menschen ihre „Winterseligkeit“ offenbar nicht von einem solchen Hype kaputt machen lassen wollen. Die WM scheint ja nicht auf so riesiges Interesse zu stoßen wie sonst im Sommer. Wobei das natürlich auch mit dem Austragungsort und dem Menschenrechtsthema zu tun hat – und bei uns letztlich auch davon abhängen wird, wie weit die deutsche Mannschaft kommt. Aber jedenfalls ist es nicht so, dass es jetzt nur noch Fußball-Adventskalender gäbe.

Wenn Sie sich für den Advent 2022 etwas wünschen dürften – was wäre das?

Die Schlagzeile, dass der Krieg in der Ukraine ganz plötzlich aufgehört hat! Das scheint mir der allerwichtigste Wunsch dieser Tage zu sein.

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