- VonPeter Herrmannschließen
Eine 40-köpfige israelische Reisegruppe besucht das Waldramer Badehaus. Für einen Gast war das eine Rückkehr der ganz besonderen Art.
Waldram – Gespannt warteten die Vorstandsmitglieder des Vereins Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald am Dienstagnachmittag auf die leicht verspätete Ankunft von 40 Israelis. „Die Gruppe tourt derzeit auf den Spuren ihrer jeweiligen Familiengeschichten durch Ost- und Mitteleuropa“, erklärte Badehaus-Vize-Vorsitzender Jonathan Coenen.
„Es ist berührend“: Israelische Gäste im Waldramer Badehaus auf den Spuren ihrer Familiengeschichte
Veranstalter der Reise ist eine Nachfolgeorganisation der „Bricha“ – hebräischer Ausdruck für „Flucht“. Die so bezeichnete Untergrundbewegung ermöglichte Jüdinnen und Juden zwischen 1944 und 1948 die Flucht nach Palästina – unmittelbar vor Gründung des Staates Israel. „Die Organisation war auch im jüdischen Displaced-Persons-Lager Föhrenwald tätig“, berichtete Coenen. Für Shai Lachman, Sohn des ersten frei gewählten Lagerleiters Gustav Lachman, war es eine Rückkehr an seinem Geburtsort.
Nachdem Badehaus-Vorstandsmitglied Elisabeth Voigt die Gäste durch die Ausstellungsräume des Erinnerungsortes geführt hatte, erzählte Lachman seine von vielen Ortswechseln geprägte Lebensgeschichte. Geboren am 10. Januar 1947, musste er das DP-Lager zusammen mit seiner Mutter schon im Alter von wenigen Monaten verlassen. Sein Vater blieb vorerst in Föhrenwald und führte dort ein Doppelleben. „Nachts arbeitete er heimlich für die Haganah“, verriet Lachman.
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Die militärische Untergrundorganisation hatte damals im Hochlandlager Königsdorf ein Trainingscamp für den Kampf in Palästina gegründet. Tagsüber organisierte Gustav Lachman unter anderem den Schulbetrieb und betreute die Feuerwehr und das Postamt. Während seine Frau Mala und Sohn Shai schon 1947 in Palästina einwanderten, unterstützte der Lagerleiter die Ziele der „Bricha“ und verhalf vielen Flüchtlingen zu einer sicheren Übersiedlung nach Palästina. Im Februar 1948 kam die getrennte Familie in einem Kibbuz endlich wieder zusammen und erlebt drei Monate später die Gründung des Staates Israel.
Shai Lachman arbeitet heute als Historiker in Jerusalem und schrieb ein Gedenkbuch über das Leben seines 1983 verstorbenen Vaters. 2016 gründete der 76-Jährige einen Zusammenschluss ehemaliger Bewohner von Lager Föhrenwald. Dazu zählt auch Joseph Pliskin, dessen Vater Boris von 1946 bis 1950 als medizinischer Direktor im Lager arbeitete. Unter den zahlreichen Exponaten im Badehaus entdeckte der Zeitzeuge auch einen Zeitungsartikel, den sein Vater für die Lagerzeitung „Bamidbar“, auf Deutsch „In der Wüste“, verfasst hatte. Pliskin, der später an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be’er Scheva (Israel) Gesundheitswesen unterrichtete, erlebte eine glückliche Kindheit in Föhrenwald. „Es ist sehr berührend, hierher zu kommen“, gestand er.
Für Shai Lachman hatte Badehaus-Vorsitzende Dr. Sybille Krafft abschließend noch eine besondere Überraschung vorbereitet. Sie zeigte ihm das ehemalige Haus seiner Familie am damaligen Independence Place 8 – dem heutigen Kolpingplatz.
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