Veranstaltung in der Reihe „Abo Tölz“

Jeder Hieb sitzt: Gerhard Polt grantelt im Tölzer Kurhaus übers Kleinbürgertum

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Mit Bergstiefeln, ausgebeulter Jeans und salopper Jacke stand Gerhard Polt auf der Bühne und sprach mit seinem unverwechselbaren Stil über die Abgründe der Gesellschaft.

„Braucht’s des?“ Solchen und anderen Fragen ging der Senior und immer noch der Beste der bayerischen Kabarettszene am Sonntagabend im rappelvollen Tölzer Kurhaus auf den Grund.

Bad Tölz – Gerhard Polt, inzwischen 76 Jahre alt, braucht auf der Bühne keinen Firlefanz, sondern lediglich seine Stimme, ein Weißbier und ein Mikro. Mehr nicht. Mit Bergstiefeln, ausgebeulter Jeans, salopper Jacke und die Hände öfters in den Hosentaschen vergraben steht er da, und das Publikum hängt schon an seinen Lippen, bevor er überhaupt etwas sagt.

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Niemand grantelt so schön wie das bayerische Humor-Genie aus Schliersee, niemand charakterisiert menschliche Denkweisen und Verhaltensmuster, einfache Logik und kleinbürgerliche Abgründe so treffend, ohne jemanden direkt zu beleidigen oder unter die Gürtellinie zu schlagen. Denn Polt lässt Figuren zu Wort kommen, die das Wesentlichste über sich selbst offenbaren, wenn sie andere meinen. Das kommt oftmals scheinbar unbeholfen in unvollständigen, abgehackten Sätzen so ganz banal daher – doch gerade deshalb: jeder Hieb sitzt.

Seit Wochen war der Auftritt von Gerhard Polt in der Reihe „Abo Tölz“ ausverkauft.

Das System Gerhard Polt funktioniert nicht nach dem Motto „jetzt kommt mein Gag und ihr da unten johlt und brüllt“. Er lässt sein Publikum mitdenken, und jeder darf seine eigenen Schlüsse ziehen. Zum Auftakt nimmt ein unleidiger Grantler solche „Gesinnungs-Gratler“ aufs Korn (Gratler steht für Asoziale und Gesindel, man beachte die sprachliche Nähe zum Grantler), die in Antalya am All-inclusive-Buffet herumhängen. Danach führt der erbarmungslose Gartenzwerg-Philister einen protokollierten Kleinkrieg mittels Drohne gegen seinen Nachbarn, der mehr Würstl grillt als es die Ortssatzung erlaubt. Und er sinniert als erzieherisch ambitionierter Opa („mit dem Alter werde ich immer toleranter“) über Helikopter-Eltern, die nie Zeit haben, und lehrt seinen Enkel, wie wichtig Beziehungen, Vitamin B und Geld sind: „Sonst bist Du ein Demogratler.“ Es ist verblüffend, wie bauernschlau, weise und erschreckend unmenschlich zugleich Polts Gedanken sein können.

Denn für ihn bedeutet auch der Pazifismus überhaupt nichts, und ein Zivi ist kein Mann: „Bevor ich jemanden den Arsch ausputze, erschieß ich ihn lieber.“ Und einen Krieg will er als Mitglied im Fischereiverband auch gegen die Kormorane führen, die ihm den Chiemsee leerfressen. Diese ungebetenen Gäste auf ihrer Durchreise durch sein Revier bringen ihn derart in Rage, dass der Zuhörer geneigt ist, das Unausgesprochene zu Ende zu denken: Meint er damit jetzt etwa auch menschliche Ankömmlinge in seinem Land?

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Bitterböse ist sein Nachruf auf „Berti“, der es mit seinem lebenspraktischen Geschäftssinn zu mehr gebracht hat als der Grantler. Bitterböse ist aber auch sein Plädoyer für einen Autofahrer, der unter Alkoholeinfluss ein Kind überfahren hat. Dem nämlich gehört seine Sympathie, denn die Bösen sind für ihn am Ende die Eltern des Kindes, weil diese ein angemessenes Schmerzensgeld herausholen möchten. Polt schaut dem Volk aufs Maul. Seine Figuren haben immer etwas Reduziertes: Simple Geisteshaltung paart sich mit sprachlicher Unbeholfenheit und einem Unvermögen, die Dinge differenzierter zu denken und darzustellen. Doch wie sie das Banale thematisieren, treffen ins Ziel und weisen auf etwas Größeres. (Rainer Bannier)

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