Dachau

Jobcenter will mehr Ukrainer in Arbeit bringen

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Nur wenige Ukrainer, die seit dem russischen Angriffskrieg in den Landkreis Dachau geflohen sind, haben eine Arbeit. Dafür gibt es laut Jobcenter einige Gründe.
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Nur wenige Ukrainer, die seit dem russischen Angriffskrieg in den Landkreis Dachau geflohen sind, haben eine Arbeit. Die Gründe dafür sind laut Jobcenter-Chef Peter Schadl neben der Bürokratie auch fehlende Anreize. Langfristig, davon ist er überzeugt, könne Integration aber nur über den Arbeitsmarkt funktionieren.

Dachau – Rund eineinhalb Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs und der damit einhergehenden Fluchtwelle von Ukrainern nach Europa zeichnet sich im Landkreis Dachau ein klares Bild ab: Die Zahl der hier lebenden Ukrainer liegt – abgesehen von kleineren Auf- und Abschwüngen – konstant um die 1500. Rund 90 Prozent dieser Ukrainer nehmen auch das Angebot des Jobcenters an, einen Deutschkurs zu besuchen. Doch der Arbeitsmarkt im Landkreis Dachau, der dringend und branchenübergreifend Fachkräfte sucht, hat davon wenig: Lediglich 65 Ukrainer haben laut Jobcenter-Chef Schadl in diesem Jahr einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsvertrag unterschrieben. Schadl sagt ganz offen: „Ja, wir würden uns mehr wünschen.“ Er sagt aber auch: Die Gründe für die niedrige Beschäftigungsquote „sind vielschichtig“.

Grundsätzlich, so erklärt es Landratsamtssprecherin Katharina Gall, wäre es für die aus der Ukraine Geflüchteten „wirklich einfach“, eine Arbeit aufzunehmen. Denn: Anders als etwa Afghanen oder Syrer haben die Ukrainer einen „freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Dieser Personenkreis benötigt daher keine weitere Arbeitserlaubnis“.

Zudem, das betont Schadl, sind die Ukrainer im Vergleich zu den anderen in Deutschland Ankommenden gut ausgebildet: „Die haben ein ganz anderes Bildungsniveau. Da braucht es keine Alphabetisierungskurse.“

Das Problem: Anders etwa als Syrer oder Afghanen haben Ukrainer laut Schadl keinen Anreiz, Deutsch zu lernen. Ihre Aufenthaltserlaubnis hängt nicht daran, wie gut oder schlecht sie Deutsch sprechen. Die Folge: „Ein Drittel fliegt beim Deutsch-Test durch.“ Die Aufnahme einer Arbeit oder einer Ausbildung ohne oder mit wenig Sprachkenntnissen sei damit nahezu aussichtslos.

Hinzu kommt: Die Flüchtlinge werden gut versorgt. Das Bürgergeld erlaubt kein komfortables, aber immerhin ein sorgenfreies Leben. Zumal laut Schadl sich der Staat hier zuweilen als extra spendabel erweist: Für die in der Turnhalle in der Dachauer Steinstraße untergebrachten Ukrainer etwa gibt es einen Essens-Service. Gleichzeitig bekommen sie den ungekürzten Bürgergeld-Satz. Schadl findet dies „ungünstig“, erklärt aber auch, dass es ihm von gesetzlicher Seite her nicht erlaubt sei, Kürzungen am Bürgergeld vorzunehmen. Der Dachauer Jobcenter-Chef gibt zu: Im Hinblick auf den „sozialen Frieden“ in der Gesellschaft „sollte man das ändern. Weil auf Dauer kann man das dem Steuerzahler nicht erklären“.

Doch er warnt auch vor Vorverurteilungen. Viele der Berufsabschlüsse oder akademischen Titel, die Ukrainer mitbrächten, würde hierzulande gar nicht oder erst nach quälend langer Prüfung anerkannt. Viele Ukrainer seien auch noch unentschlossen: Wollen sie wieder in die Ukraine zurück? Bleiben sie in Deutschland? Und auch die Zahl der Deutschkurse sei begrenzt: „Wir brauchen da viel mehr Plätze. Das muss schneller gehen“, so Schadl.

Denn klar ist für ihn: Will man die Geflüchteten integrieren, geht dies nur über den Arbeitsmarkt. Die Ukrainer daher möglichst schnell in eigene Wohnungen, raus aus den großen Flüchtlingsunterkünften zu bringen, war für Peter Schadl ein richtiger Schritt. Als „normale Nachbarn von nebenan“ fänden sie viel schneller Anschluss.

Doch es brauche eben Anreize, dass die Ukrainer den Schritt in den Arbeitsmarkt wagen. Im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten wollen die Kollegen des Dachauer Jobcenters laut Schadl in den kommenden Wochen daher „näher ran. Wir wollen sie einladen und überzeugen, dass Arbeit sich lohnen kann“! Denn das ist Schadl wichtig zu betonen: „Es ist ein Klischee, dass man mit Bürgergeld ein besseres Leben hat als mit einem Job.“ Schon vier Mal sei er deshalb auch bei Deutschkursen an der Vhs gewesen, um den ukrainischen Deutsch-Schülern vorzurechnen: „Unterm Strich bleibt euch mit Arbeit mehr.“

Angesichts der interessierten Gesichter ist der Jobcenter-Chef überzeugt, den einen oder anderen überzeugt zu haben. Gleichzeitig sei auch in Berlin mittlerweile angekommen, dass die Jobcenter Unterstützung brauchen: „Wir haben 1,5 neue Stellen für die Beratung bekommen“, erklärt Schadl zufrieden. An schnelle Erfolge will der erfahrene Beamte aber dennoch nicht glauben. Er sieht die Integration der Ukrainer in den Dachauer Arbeitsmarkt eher als „Marathon. Aber wir wollen versuchen, ans Ziel zu kommen“.

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