VonDominik Stalleinschließen
Der Bericht der Jugendarbeit in Wolfratshausen zeigt: Immer mehr junge Menschen haben psychische Probleme. Die Sozialarbeiter haben so viele Termine wie nie.
Wolfratshausen – Sie litten heftig unter den sozialen Einschränkungen durch die Pandemie. Jetzt zeigt sich, welche Spuren die vergangenen Jahre hinterlassen haben. Immer mehr Jugendliche benötigen Hilfe von Sozialarbeitern und Pädagogen. Im Jahresbericht des Kinder- und Jugendfördervereins (KJFV) im Kulturausschuss des Stadtrats machte Geschäftsführer Fritz Meixner deutlich, wie groß der Bedarf tatsächlich ist.
Jugendarbeit schlägt Alarm - „Wir sind in Sorge“, weil Kinder psychisch leiden
Der KJFV kümmert sich, wie der Name schon sagt, um verschiedene Altersgruppen. Im Fachbereich Jugend – um diesen ging es in der jüngsten Sitzung – arbeiten elf Angestellte des Vereins im Jugendhaus, der Mobilen Jugendarbeit beziehungsweise als Jugendsozialarbeiter an den Schulen. Vor allem bei letzteren zeigte sich im vergangenen Jahr eine dramatische Entwicklung. 257 Fälle – so viele wie noch nie – bearbeiteten die fünf Sozialarbeiterinnen an den Grundschulen Wolfratshausen-Weidach und Waldram, sowie an den beiden Mittelschulen und an der Realschule Wolfratshausen. Im Vorjahr lag die Zahl bei 219, was ebenfalls ein deutlicher Zuwachs war. Jede einzelne JaS-Stelle verzeichnete im vergangenen Jahr mehr Fälle als zuvor – bei vier von fünf Sozialarbeitern war 2021 das bisher arbeitsreichste Jahr.
Meixner nennt Gründe für psychische Probleme - „Soziales Miteinander“ lange weggeffallen
„Der signifikante Anstieg ist sicherlich der Pandemie geschuldet“, schreibt Meixner in seinem Jahresbericht. So sei, das erklärte er im Kulturausschuss, „das soziale Miteinander an der Schule lange komplett weggefallen“. Die Folgen für die jungen Menschen listen die Mitarbeiterinnen im Jahresbericht auf: Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten, seelischen Problemen, Auffälligkeiten im sozialen Verhalten, Belastungen durch familiäre Konflikte oder Probleme der Eltern nahmen das Angebot wahr. Susanne Scheck, die an der Grundschule Waldram arbeitet, berichtete, dass auffällig viele Kinder eine Schulangst entwickelten.
Möglicherweise ist das eine Lockdown-Nachwirkung: „Das Gedrängel auf dem Pausenhof, die vielen Kinder in einem Raum, das Auseinandersetzen mit Gleichaltrigen – daran mussten sich viele Kinder erst wieder gewöhnen.“ Bei manchen Kindern dauerte es mehrere Wochen, teils sogar Monate, bis sie wieder regulär den Unterricht besuchten. Auf Nachfrage erklärte Scheck, dass zuletzt keine neuen Fälle von Schulangst aufgetreten seien. „An der Grundschule haben wir das gut in den Griff bekommen.“ An der Mittelschule hingegen gebe es Kinder, die noch nicht in die Schule zurückgekehrt seien.
Im Jugendhaus und bei der mobilen Jugend finden junge Wolfratshauser Gesprächspartner
Auch nach Schulschluss gibt es Anlaufstellen für Heranwachsende – allen voran das Jugendhaus La Vida am Josef-Bromberger-Weg sowie die mobile Jugendarbeit. Seit April vergangenen Jahres ist diese Stelle nach längerer Vakanz wieder besetzt. Simon Friedt heißt der Streetworker, der die jungen Wolfratshauser dort besucht, wo sie sich gerne aufhalten, am Skatepark zum Beispiel, am Lidl-Parkplatz in Farchet oder am S-Bahnhof.
Wie Friedt in der Sitzung erklärte, wenden sich die Jungen und Mädchen mit unterschiedlichen Problemen an ihn: „Das Kernthema sind oft Streitereien und Probleme in Beziehungen“, sagte er. „Leider sind auch Drogen- und Alkoholkonsum in einem viel zu frühem Alter oft Thema.“ Obwohl Friedt erst im April angefangen hat und zu Beginn erst einmal Beziehungen zu den jungen Menschen aufbauen musste, suchten bis Jahresende 23 Jugendliche seine Beratung in der Einzelfallhilfe.
KJFV-Chef sagt: „Wir sind in Sorge“ - Fallzahlen explodieren, in Kliniken sind Wartezeiten lang
Meixner schloss den Jahresbericht mit einem bangen Blick in die Zukunft: „Wir sind bei unseren Kindern und Jugendlichen durchaus in Sorge.“ Die explodierenden Fallzahlen bei den Angeboten des Vereins seien alarmierend. „An psychiatrischen Kliniken für Jugendliche gibt es inzwischen Wartezeiten von einem Dreivierteljahr“ – so groß sei der Bedarf. Die Angebote der Jugendarbeit aufrecht zu erhalten, sei gerade in den vergangenen Jahren ein gewaltiger Kraftakt gewesen. „Es gibt inzwischen viele erschöpfte Bildungseinrichtungen.“
