VonDominik Stalleinschließen
Bundeskanzler Olaf Scholz besuchte am Donnerstag gemeinsam mit Markus Söder ein Geothermie-Projekt bei München. Auf der Bohrung liegt viel Hoffnung
Geretsried – Der Hanseat steht nicht wirklich im Verdacht, redseliger zu sein, als es der Bayer ist. Ein Klischee, gewiss. Aber zumindest auf höchstpolitischer Ebene bestätigte sich das am Donnerstag. Minuten bevor Bundeskanzler Olaf Scholz still grinsend an vielen Pressevertretern vorbei zum Bohrturm in Gelting schritt, erklärte Ministerpräsident Markus Söder ausführlich, warum die Politprominenz das Hofgut Breitenbach besucht. „Geothermie ist für die Wärmeerzeugung und Wärmenutzung von ganz entscheidender Bedeutung.“ Der Freistaat habe nämlich ein Ziel: „Wir powern und pushen es nach vorne.“
Kanzler zu Besuch: Deutschlands Wärme-Hoffnung liegt unter bayerischem Boden
Die Bedingungen seien günstig: Das süddeutsche Molassebecken sei „die Wärmflasche Deutschlands“. Deshalb gebe es bereits einige Standorte in Bayern – „wir sind die Nummer eins in Geothermie in Deutschland“. Die Besonderheit, wegen der sogar der Bundeskanzler und die Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger nach Geretsried kamen, ist die Eavor-Loop-Technologie (siehe Seite 5). „Das wird Bayern voranbringen. Deswegen hoffen wir, dass sie erfolgreich sind.“
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„Sie“ – das ist die kanadische Firma Eavor. Sie hat das Verfahren entwickelt, das Geothermie aus dem Nischendasein holen und – wenn es erfolgreich ist – Massenenergieproduktion ermöglichen soll. Bayern sei schon jetzt Spitzenreiter in puncto Geothermie in Deutschland – und so, wie Markus Söder vor dem Festzelt in die Fernsehkameras schwärmte, möchte der Freistaat das auch bleiben. Einen kleinen Seitenhieb gab’s noch gegen Scholz: „Es ist ein gutes Signal heute, dass sich Berlin nicht nur für Windenergie interessiert.“ Später, im Festzelt, sollte es bei Wurst- und Käseplatten, noch mehr gepfefferte Anspielungen Richtung Kanzler und Ampelkoalition geben.
Spitzenpolitiker in Geretsried: Söder mit Attacken auf Scholz - der bleibt betont sachlich
Davor wurden die drei Spitzenpolitiker über den Bohrplatz geführt. Der Geschäftsführer des Geretsrieder Projekts, Daniel Mölk, erklärte dessen Besonderheiten. Grob umrissen: Statt heißes Wasser aus der Tiefe zu fördern, bringt Eavor eigenes Wasser mit, lässt das vom heißen Gestein aufheizen und nutzt es zur Wärme- und Energiegewinnung. Für Forschungsministerin Stark-Watzinger ein „Vorbild: Geothermie und Geretsried sollten Pflichtstoff in Studiengängen werden.“
Bayerns Energie: Söder betont Vormachtstellung des Freistaats
Bevor der Kanzler im Festzelt seine Sicht der Dinge schildern konnte, betonte Ministerpräsident Söder auf der Bühne nochmals den Stellenwert Bayerns für die Energiewende. Auch wenn es beim Stichwort Geothermie immer Skepsis gegeben habe – wegen Fundrisiken etwa oder gar wegen Erdbeben –, habe der Freistaat auf die Technologie gesetzt. Dass sich mit Eavor eine Firma in Geretsried angesiedelt habe, die diese Technologie sogar noch weiterentwickelt habe, sodass Risiken nahezu ausgeschlossen seien, sei folgerichtig. „Wir sind ein innovatives Land“ – Atempause – „Deutschland natürlich auch“. Söder setzt große Hoffnungen in die Eavor-Maßnahme. Bisher habe die Geothermie „nie den ganz großen Durchbruch“ erlebt, durch die Loop-Technologie werde sie nun aber „eine der größten Chancen sein“.
Geothermie: Viele Versuche sind gescheitert - auf Eavor liegt aber große Hoffnung
Dann trat Olaf Scholz vor die Mikrofone. Der Bundeskanzler erinnerte an erste Versuche, die Tiefenwärme zur Energiegewinnung zu nutzen. Sie scheiterten – unter anderem deshalb, weil die Maschinen in der Hitze Kilometer unter der Erde nicht mehr richtig funktionierten und eine senkrechte Bohrung krachend scheiterte. Scholz erzählte von diesen Anfängen, um eines zu verdeutlichen: „Das ist eine technische Meisterleistung, die Sie sich hier vorgenommen haben.“ Die erste kommerzielle Anlage dieser Art sei eine große Hoffnung für die Energiewende. „Wenn dieser Versuch gelingt, wäre das nicht nur ein großes Stück Ingenieurskunst, sondern ein noch größerer Schritt für unsere Wärmewende.“
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Tiefenwärme nutzen: Bundeskanzler ist optimistisch: „Geothermie kann Wärmewende“
Scholz ging auf eine große Stärke des Projekts, die sogenannte Grundlastfähigkeit, ein: Anders als Photovoltaik-Anlagen oder Windräder ist die Technologie nicht von Witterungsumständen abhängig – die Tiefenwärme ist schließlich allgegenwärtig. Auch deshalb sieht der Kanzler „gute Chancen“ darin, auf diesem Weg einen Großteil der Energiegewinnung abzudecken. „Geothermie kann Wärmewende“, nannte der SPD-Politiker es. Und auch wenn der Bund „auf alle erneuerbaren Energien“ setzen wolle, kündigte Scholz eine Offensive an: Bis 2030 solle zehn Mal so viel Erdwärme ins Netz eingespeist werden, wie aktuell. Womöglich kommt dem Hofgut Breitenbach eine Schlüsselrolle bei diesem Ziel zu. Denn der Zeitplan, den Geschäftsführer Daniel Mölk auf dem Rundgang lange vor den Politiker-Reden skizzierte, könnte zu dieser Zielsetzung passen: Gebohrt wird in Gelting bis 2026, aber bereits im Herbst des kommenden Jahres soll die Anlage Energie produzieren, die ins Netz gespeist wird.


