VonChristiane Mühlbauerschließen
Seit 1. April gelten neue Regeln für den Kesselberg. Die Polizei war in den vergangenen Wochen mit großer Präsenz vor Ort und ist mit der Entwicklung in einem ersten Eindruck bislang zufrieden. Anrainer beurteilen die Situation unterschiedlich.
Kochel am See – Der Kesselberg ist in der Sommersaison jeden Tag von 15 bis 22 Uhr für bergauffahrende Motorradfahrer gesperrt. Bis Oktober 2024 wird geprüft, ob die Maßnahme etwas bringt. Für die Behörden ist wichtig, dass sich die Unfallzahlen reduzieren. In den vergangenen Wochen haben sich vier Unfälle am Kesselberg ereignet, teilweise schwere. Für Steffen Wiedemann, Chef der Kochler Polizeidienststelle, sind es „drei Unfälle plus einer“, wie er sagt: „Ein Unfall passierte beim Abbiegen und war kein klassischer Kesselberg-Unfall.“
Zahlreiche Polizisten vor Ort
Aufgrund der Witterungsverhältnisse begann die Motorrad-Saison erst Mitte Mai. Die Polizei zeigte starke Präsenz, wie Roman Gold von der „Kontrollgruppe Motorrad“ aus Holzkirchen berichtet. Mit dabei waren – neben den Kochler Beamten – auch Polizisten der „Kontrollgruppe Motorrad“ aus München, von der Verkehrspolizei Weilheim, Bereitschaftspolizisten sowie die Zentralen Ergänzungsdienste aus Murnau. „Der Kesselberg ist die am stärksten überwachte Strecke in Bayern und vermutlich auch eine der am stärksten kontrollierten in ganz Deutschland“, sagt Gold.
Das Verbot, nach 15 Uhr den Berg nicht mehr befahren zu dürfen, werde sehr gut eingehalten, berichten sowohl Gold als auch Wiedemann. „Wir hatten nur eine überschaubare Zahl von Bikern, die das missachtet haben“, sagt Wiedemann. Manche seien auf der Durchfahrt gewesen und hätten behauptet, die zahlreichen Schilder nicht gesehen zu haben, andere wiederum hätten es bewusst versucht. Geahndet wurde auch unzulässiges Überholen. „Trotzdem, die Maßnahme greift.“
Raser zieht‘s jetzt verstärkt an den Sylvenstein und ans Sudelfeld
Gold zufolge zeigten sich jene Motorradfahrer, mit denen man ins Gespräch kam, der Maßnahme gegenüber aufgeschlossen. Das seien aber jene, die mit dem Motorrad „normal“ unterwegs seien. Man könne aber schon jetzt feststellen, dass sich die bisherige „Feierabend-Raserei“ verringere, sagt Gold. „Wer jetzt bis 15 Uhr kommt, hat an diesem Tag frei.“ Allerdings, sagt Gold, beobachte man eine Verlagerung an den Sylvenstein. Deshalb kommt es nun auch dort zu vermehrten Kontrollen. Aber auch am Sudelfeld, sagt Wiedemann, gebe es nun ein erhöhtes Aufkommen. „Bei einem Ausflug dorthin habe ich einige unserer ,Kandidaten‘ vom Kesselberg dort entdeckt.“
Wiedemann: Zahl der „Problemfahrer“ am Kesselberg geht zurück
Was die Strecke in Kochel anbelangt, so spüre man durchaus bis 15 Uhr mehr Motorrad-Verkehr. „Aber es ist nicht die Menge dieser Problemfahrer, die sonst nach Feierabend gekommen ist“, sagt Wiedemann. Die Zahl der „Problemfahrer“ am Berg habe sich in den vergangenen Wochen jedenfalls verringert. Nun wird gewartet, wie der Sommer an den Wochenenden verläuft. Die Polizei geht davon aus, dass, weil auf der Kesselbergstrecke samstags und sonntags das Verkehrsaufkommen sehr hoch ist, die Route für rasende Motorradfahrer uninteressant ist.
Anwohner: „Bis 15 Uhr ist Terror hier“ - aber danach auch Ruhe
Anwohner beurteilen die Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Für Zeno Öttl, der am Kesselberg auf der Passhöhe wohnt, ist die neue Regel „ein Traum“. „Ich habe jetzt abends Ruhe. Früher ging ja die Raserei bis in die Nacht.“ Er sei überrascht, dass sich so viele Motorradfahrer an die Regelung hielten. Allerdings: „Bis 15 Uhr ist Terror hier“, sagt Öttl. „Aber damit muss ich leben.“ Was den Wochenend-Verkehr anbelangt, ist Öttl skeptisch, dass allein das hohe Aufkommen die Raser ausbremsen werde. „Die lassen sich dadurch eher noch anstacheln“, vermutet er. Öttl berichtet von zahlreichen Briefen, die er in den vergangenen Jahren mit dem Innenministerium wechselte. „Für Radarfallen sei die Messstrecke zu kurz, für Drohnen gibt es hier zu viel Wald“, zitiert er daraus.
Campingplatzbetreiber: „Das Rasen geht jetzt schon morgens los“
Eine Verbesserung der Situation sehen auch die Betreiber des Campingplatzes Renken in Kochel. Nach 15 Uhr sei es gut, sagt Daniel Kummer. „Mit der Maßnahme werden jetzt effizient die rausgefiltert, die nur zum Spaß zum Rasen kommen, und die sich um die Menschen hier nicht weiter kümmern.“
Kritik üben hingegen Luis und Brigitte Perkmann, Betreiber des Campingplatzes Kesselberg in Altjoch. „Das Aufkommen ist das gleiche, nur die Uhrzeiten haben sich verlagert“, sagt Brigitte Perkmann. Die ganze Maßnahme sei ein „Sch...“, sagt ihr Mann, „weil wir jetzt auch am Wochenende keine Ruhe haben. Das ist jetzt eine absolute Verschlechterung.“ Mitunter, berichten die Perkmanns, gehe es schon um 8, 9 Uhr morgens los. „Wir haben selbst Motorradfahrer unter den Gästen, und selbst die beschweren sich und reisen früher ab.“ Für ihren Betrieb mit rund 15 000 Übernachtungen im Jahr, sagen die Perkmanns, sei das belastend.
Was bringt die Plakat-Aktion des ADAC?
Betroffen von der neuen Regelung sind natürlich auch die Gemeinden auf den An- und Abfahrtsstrecken. „Tendenziell ist es zu den Sperrzeiten gefühlt ruhiger, aber es gibt zu den anderen Zeiten natürlich die Maximalbeschleunigungen“, berichtet ein Bürger aus Bichl, der aus Sorge vor Repressalien aus der Motorrad-Szene seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Wie berichtet, haben Kochel, Schlehdorf und Benediktbeuern mit dem ADAC eine Schilder-Aktion gegen Lärmbelästigungen gemacht. „Ob das jetzt einen Motorrad-Fahrer motiviert, leiser zu fahren, bezweifle ich“, sagt der Bichler. „Entweder sie fahren eh schon möglichst angepasst und können nicht mehr leiser, oder sie wollen eben was hören und das Schildchen erinnert sie daran.“ Der Bichler würde technische Lösungen wie zum Beispiel Lärmblitzer begrüßen.
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