VonSascha Ludwigschließen
Bis zur Jahrtausendwende wurden in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land tausende neue Kindergartenplätze geschaffen. Eine Auswertung historischer Daten zeigt diese beeindruckende Aufholjagd. Doch eine aktuelle Umfrage in den Gemeinden offenbart die Kehrseite: Heute ist nicht mehr der Bau von Kitas die größte Hürde, sondern mancherorts die Suche nach Personal.
Landkreise Traunstein/Berchtesgaden – Die Debatten über steigende Kita-Gebühren, fehlende Betreuungsplätze und die Qualität der frühkindlichen Bildung sind heute in aller Munde. Doch um die aktuelle Situation wirklich zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück. Eine Analyse historischer Daten des Bayerischen Landesamtes für Statistik für die Jahre 1980 bis 2000, kombiniert mit einer aktuellen Umfrage bei den Städten und Gemeinden in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land, zeichnet das Bild einer Transformation – von der Aufbauleistung hin zu einer neuen Herausforderung.
Große Aufholjagd – Wie in der Region tausende Kita-Plätze entstanden
Während in ganz Bayern zwischen 1980 und 2000 über 2.000 neue Kindergärten und 154.000 zusätzliche Plätze entstanden, vollzog sich auch in unserer Region eine beeindruckende Entwicklung. Die beiden Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land starteten von unterschiedlichen Niveaus, zeigten aber beide enorme Anstrengungen, die Betreuungsinfrastruktur für Familien auszubauen.
Der Landkreis Traunstein verdoppelte sein Angebot nahezu. Mit einem Zuwachs von 36 Kindergärten (von 38 auf 74) wurden zwischen 1980 und 2000 insgesamt 2.261 zusätzliche Plätze geschaffen. Die Wachstumsmotoren waren dabei klar die größeren Gemeinden: Die Stadt Traunreut führte den Ausbau mit 199 neuen Plätzen an, dicht gefolgt von Siegsdorf (+150 Plätze), Grassau (+150 Plätze) und Tittmoning (+147 Plätze). Doch die Entwicklung fand auch in der Fläche statt. Besonders bemerkenswert ist, dass viele kleinere Gemeinden in diesem Zeitraum erstmals überhaupt einen Kindergarten bekamen. Schleching, Staudach-Egerndach, Petting, Pittenhart und Wonneberg gehörten zu den Orten, die von Null starteten und so die Versorgung auch im ländlichen Raum sicherstellten.
Auch die Große Kreisstadt Bad Reichenhall (+152 Plätze) und der Markt Teisendorf (+119 Plätze) bauten kräftig aus. Wie im Nachbarlandkreis profitierten auch hier kleinere Gemeinden wie Marktschellenberg und Ramsau bei Berchtesgaden, die in diesen Jahren ihre erste eigene Einrichtung erhielten. Im Gegensatz dazu blieb die Gemeinde Schneizlreuth laut der historischen Statistik über den gesamten Zeitraum ohne eigenen Kindergarten.
Die neue Realität – Vom Aufbau zum Kampf um Fachkräfte?
Der Ausbau der Infrastruktur war nur der erste Schritt. Diese Erfolgsgeschichte trifft heute auf die harte Realität des Fachkräftemangels. Auch nach 2000 stieg der Personalbedarf weiter rasant an, wie die Rückmeldungen aus den Gemeinden belegen. Die Stadt Tittmoning schätzt, dass sich die Zahl der Kräfte in ihren Einrichtungen in den letzten 20 Jahren mindestens vervierfacht habe. Die Gemeinde Grabenstätt bestätigt, dass sich die Personalzahl seit der Gründung ihrer Kita 1997 stetig erhöht und „jedenfalls verdoppelt“ habe. Ein besonders detailliertes Bild liefert beispielsweise die Gemeinde Chieming für ihre Kindertagesstätte „Kunterbunt“: Waren dort 2005 noch zwei Erzieherinnen und zwei Kinderpflegerinnen beschäftigt, wuchs das Team bis 2020 auf neun Erzieherinnen und fünf Kinderpflegerinnen an.
Dieser anhaltende Zuwachs hat vielschichtige Gründe. Die Stadt Tittmoning nennt hierfür den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz und die Tatsache, dass oft beide Elternteile erwerbstätig sind. Doch es geht nicht nur um die reine Betreuung von mehr Kindern. Die Anforderungen an die Pädagogik selbst sind enorm gestiegen. Ein Sprecher der Gemeinde Palling bringt es auf den Punkt: „Die pädagogischen Anforderungen, die in den KiTas aufschlagen, haben sich seit 2015 so stark verändert, dass der gesetzliche Mindestanstellungsschlüssel nicht mehr das abbildet, was an Fachkräften tatsächlich benötigt wird.“
Während der Bedarf an Fachkräften also weiter stieg, trocknete der Bewerbermarkt zunehmend aus. Das Stimmungsbild aus den Rathäusern ist eindeutig. Die Stadt Bad Reichenhall, die derzeit fünf unbesetzte Stellen meldet, berichtet von einer dramatischen Entwicklung: „In den letzten 10 Jahren ist die Anzahl der Bewerbungen auf freie Stelle deutlich zurückgegangen. Früher hatten wir bis zu 10 Bewerbungen auf eine Stellenausschreibung, heute haben wir oft gar keine oder nur eine.“
Diese Erfahrung teilen andere Kommunen. Die Gemeinde Ramsau meldet kurz und bündig: „Die Bewerbungen auf Stellenanzeigen gehen kontinuierlich zurück.“
Die Nachwuchsgewinnung über Praktika oder Freiwilligendienste gestaltet sich anscheinend ebenfalls schwierig. In Reit im Winkl werden zwar gerne Praktikumsstellen angeboten, doch es heißt: „Aktuell ist leider Keine davon mit einer Praktikantin besetzt.“ Auch in Bayerisch Gmain und Ruhpolding gibt es derzeit keine Nachfrage nach FSJ- oder Bufdi-Stellen.
Hohes Engagement vor Ort: Gemeinden kämpfen für gute Betreuung
Trotz dieser angespannten Lage zeigt sich das enorme Engagement der Kommunen, die Qualität vor Ort hochzuhalten. Viele Gemeinden schaffen es, einen Personalschlüssel anzubieten, der deutlich über dem gesetzlichen Minimum liegt. Die Werte für den sogenannten Anstellungsschlüssel reichen von hervorragenden 1:5,2 (Waldkindergarten Ruhpolding) und 1:5,8 (Waldkindergarten Reit im Winkl) über sehr gute Werte von 1:6,3 (Palling) und rund 1:7 (Grabenstätt) bis zu soliden Werten um 1:9 oder 1:10 (z.B. in Chieming oder Tittmoning). Aus den verschiedenen Einrichtungen in Grassau werden Personalschlüssel zwischen 1:7,9 und 1:9,8 gemeldet.
Dieses hohe Niveau ist jedoch hart erkämpft. Die Gemeinde Palling betont stolz, man habe „deutlich mehr Personal, als der gesetzliche Mindeststandard es fordert“. Eine Aussage, die das Dilemma vieler Kommunen verdeutlicht: Sie wollen mehr Qualität bieten, als der Gesetzgeber vorschreibt, müssen dafür aber auf einem leergefegten Markt um Fachkräfte werben. Die Sorge, offene Stellen bei Personalwechsel nicht mehr nachbesetzen zu können, ist damit ein ständiger Begleiter.
