VonChristiane Mühlbauerschließen
Im Kloster Benediktbeuern leben im Sommer hunderte Fledermäuse. Es ist eines der größten Habitate im Landkreis. Im Winter jedoch verlassen die Tiere diesen Ort.
Benediktbeuern/Walchensee – Im Kloster und in der Natur nahe der Loisach wurden vor einigen Jahren zwölf verschiedene Fledermausarten nachgewiesen, zum Beispiel das Große Mausohr, Rauhhaut- und Fransenfledermäuse sowie Mops- und Bartfledermäuse. Im Sommer hat das Große Mausohr zum Beispiel über dem Barocksaal und in den Türmen der Basilika seine Wochenstube, berichtet Pater Karl Geißinger, der Rektor des Zentrums für Umwelt und Kultur (ZUK). Das ZUK bietet abends im Sommer regelmäßig Fledermaus-Beobachtungen an, die sich reger Beliebtheit erfreuen. Die Weibchen kümmern sich in den Wochenstuben um die Jungtiere, während sich die Männchen eine ruhige Stelle im Dachboden suchen. „Die Männchen beteiligen sich nicht an der Erziehung“, sagt der Pater und fügt schmunzelnd hinzu: „Die sehen, es ist das reinste Chaos.“ Die Tiere streiten und zwicken. Über dem Barocksaal nisten schätzungsweise 400 Tiere.
Zirka 400 Fledermäuse nisten über dem Barocksaal
Im Winter brauchen Fledermäuse jedoch ganz andere Lebensbedingungen. Sie überwintern in Felsspalten und Höhlen, etwa in der Kiensteinhöhle in Kochel und im Angerloch am Walchensee. Dort, nahe Obernach, gibt es ein verschlungenes mehrstöckiges Höhlensystem. Im Herbst wird es mit einem Gitter verschlossen, damit keine Besucher eindringen können. „Für Fledermäuse ist das ein optimaler Platz, denn die Tiere brauchen konstant tiefe Temperaturen zwischen fünf und neun Grad sowie eine total gesättigte Luftfeuchtigkeit“, sagt Geißinger. Denn Fledermäuse können im Winter sechs Monate auf Futter und Trinken verzichten. „Aber sie müssen atmen.“ Um zu überleben, nehmen die Tiere die Feuchtigkeit über ihre Flughäute auf. „Dafür muss aber der Stoffwechsel extrem reduziert werden“, sagt der Pater. Im Winter würden die Tiere nur die wichtigsten Körperfunktionen aktiv halten. Manche Arten, etwa Mopsfledermäuse, würden sogar Minustemperatur vertragen. In ihrem Blut befinde sich eine Glykol-Verbindung „als eine Art Frostschutzmittel“.
Interessant: Der Winter ist für viele Fledermäuse trotzdem die Paarungszeit. „Das Männchen heizt die Körpertemperatur innerhalb von einer halben Stunde von fünf auf 38 Grad hoch“, sagt Geißinger. Dann fliege es in der Höhle umher, begatte ein Weibchen in Winterstarre und verschwinde dann wieder. „Die embryonale Entwicklung ist aber sehr langsam, sie beginnt erst im Frühjahr.“ Die Jungen werden dann im Juni und Juli geboren. In der Regel bringt ein Weibchen ein Jungtier auf die Welt.
Fledermäuse dürfen im Winter nicht gestört werden
Werden Fledermäuse im Winter gestört, bringt sie das lebensbedrohlich aus dem Gleichgewicht. „Das belastet ihren Energiehaushalt sehr stark“, weiß der ZUK-Rektor. Schlimmstenfalls werde das Tier im Frühjahr sterben. Eine besondere Vorliebe hat die Rauhhaut-Fledermaus, denn sie überwintert gerne in Holzstapeln – und zwar durchaus auch an Wohnhäusern, berichtet Walter Wintersberger, Chef der Kreisgruppe des Landesbunds für Vogelschutz (LBV). Immer wieder komme es vor, dass Bürger beim LBV anriefen, weil sie plötzlich zwischen den Holzscheiten eine Fledermaus ins Wohnzimmer getragen hätten – und das Tier langsam „aufwache“: „Wenn man das bemerkt, dann die Fledermaus draußen wieder an einen Holzstapel setzen, der dann natürlich nicht verheizt wird. Das Tier krabbelt dann schon wieder rein“, sagt der Fledermausexperte.
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Im Klosterland rund um Benediktbeuern nisten im Sommer zirka 300 Fledermäuse in verschiedenen Kästen und Baumhöhlen. Jeden Herbst werden die Stellen kontrolliert. „Die Art erkennt man am Kot“, sagt Pater Geißinger. Es sei wichtig, dass es für die Fledermäuse und auch für andere Waldbewohner genügend Totholz gebe. Wichtig seien starke, alte Bäume. „Davon gibt’s hier noch viel zu wenig.“ Auch im Loisachtal sei zu beobachten, dass es den Fledermäusen Jahr für Jahr schlechter gehe, sagt der Pater. Es hänge offensichtlich damit zusammen, dass das auch das Nahrungsangebot – sprich die Zahl der Insekten – sinke. „Vor fünf Jahren konnten wir bei unseren Fledermausführungen die Tiere noch zwei Stunden bei der Nahrungssuche beobachten. Jetzt verschwinden sie nach 20, 30 Minuten.“ Auch die Zahl der Jungtiere gehe zurück, etwa beim Großen Mausohr. Trotz aller Maßnahmen, die man unternehme, sei das alarmierend, sagt der Pater. „Man muss das großräumig sehen. Fledermäuse sind ein Indikator fürs Artensterben.“
„Fledermäuse sind ein Indikator fürs Artensterben.“
Wie kann man Fledermäusen gute Lebensbedingungen bieten? „Wichtig ist zum Beispiel eine Heckenstruktur an Wegen und Wiesen, denn Fledermäuse jagen nicht auf großen Flächen“, sagt Geißinger. Entscheidend sei dann, diese Lebensräume großflächig zu vernetzen, etwa am neuen Moorwaldlehrpfad, an dem jetzt „ein Urwald“ nachwachse (wir berichteten im Sommer). Einen Beitrag für Fledermäuse liefere zum Beispiel auch das Projekt „draußen Schule“, in dem Grundschüler in Benediktbeuern die Loisachwiesen kennenlernen. „Sie sammelten zum Beispiel Samen und legten Blumenwiesen an.“ Der Erfolg war rasch sichtbar: „Der Schwalbenschwanzfalter hat sich schon wieder angesiedelt“, freut sich der Pater.
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Für den Fortbestand der Fledermäuse könne aber auch jeder etwas im eigenen Garten oder auf dem Balkon tun: „Man kann Pflanzen setzen, die von Nachtfaltern bestäubt werden“, rät der Pater. Und auch insektenfreundliche Sträucher würden helfen, das Überleben der Fledermaus zu sichern. Denn gehe es der Fledermaus gut, profitiere davon auch der Mensch: „Sie besetzen nämlich in ihrer Jagdstrategie eine Nische, die andere Vögel nicht besetzen“, sagt der ZUK-Rektor und erklärt: „Fledermäuse sind in der Lage, ganze Populationen von Stechmücken und Borkenkäfern zu reduzieren.“
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