VonFranziska Seligerschließen
Stefan Müller war erst zwei Jahre alt, als er eine fremde Niere transplantiert bekam. Fünf bis zehn Jahre sollte das Organ halten, so die damalige Prognose. Heuer arbeitet die Niere seit 20 Jahren in Stefans Körper – ein ganz besonderes Jubiläum.
Kochel am See – Langlaufen, Radfahren oder ins Fitnessstudio gehen: Stefan Müller aus Kochel hat viele Interessen. Er lebt sein Leben im Kreise seiner Familie und Freunde und träumt von einer Zukunft. So wie jeder junge Mensch. Fast. Denn Stefan ist nicht wie jeder. Stefans Leben schien schon vorbei, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Und dass er es jetzt doch leben darf, empfindet seine Mutter Christine als großes Geschenk.
Komplikationen kurz vor der Geburt
Als sie vor 22 Jahren mit Stefan schwanger war, löste sich kurz vor der Geburt die Plazenta, berichtet Christine Müller. Bei dieser seltenen Schwangerschaftskomplikation löst der Mutterkuchen teilweise oder komplett von der Gebärmutterwand ab, bevor das Kind geboren ist. Dadurch wird die Versorgung des Babys mit Sauerstoff und Nährstoffen im schlimmsten Fall komplett unterbrochen.
Stefan musste per Notkaiserschnitt geholt werden, schildert seine Mutter. Endlich auf der Welt, habe er nicht geatmet, „und er hat überhaupt kein Blut mehr gehabt“. Lange Wochen im Krankenhaus folgten. Niemand habe gewusst, welche geistigen Behinderungen ihr Sohn davontragen würde oder wie schlimm die Schäden an den Organen waren. Dazu seien Fehler bei der medizinischen Behandlung ihres Sohnes passiert, die zu einem Herzstillstand und in der Folge zu Gehirnschäden geführt hatten.
Stefan kämpfte, wurde kräftiger, doch seine Nieren erholten sich nicht mehr
Doch Christine Müller kämpfte um das Leben ihres Babys – selbst, als ein Arzt ihr dazu riet, die Geräte abzustellen. Auch Stefan kämpfte, wurde kräftiger, doch seine Nieren erholten sich nicht mehr. Mit zwei Jahren wurde dem Kleinen im Klinikum Rechts der Isar in München schließlich eine fremde Niere transplantiert. Es war der 15. Oktober, sagt Christine Müller, der Namenstag der Heiligen Theresia von Avila. Darum bekam Stefans Niere den Namen „Theresa“. Jedes Jahr kommt die Familie am 15. Oktober zusammen, um gemeinsam den Namenstag zu feiern – als den Tag, an dem Stefans Leben endlich richtig begann.
20 geschenkte Jahre durch die neue Niere
Heuer fiel die Feier besonders groß aus. Seit 20 Jahren arbeitet „Theresa“ mittlerweile in Stefans Körper – und das bis auf einige Komplikationen am Anfang nahezu reibungslos. Für Christine Müller ein riesiges Geschenk, haben die Ärzte der Niere doch nur fünf bis maximal zehn Jahre gegeben. „Es waren für Stefan 20 geschenkte Jahre.“ Und es seien 20 gute Jahre mit viel Lebensqualität gewesen.
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Natürlich, sagt Christine Müller, sei ihr Sohn nicht ganz so, wie andere junge Burschen in seinem Alter. „Er ist einfach zeitverzögert und langsamer.“ Deshalb arbeite er seit drei Jahren in den Oberland-Werkstätten in Gaißach und nicht auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt. Dabei sei ihr Sohn durchaus schlau. Unter anderem habe er eine enorme Fähigkeit, wenn es darum geht, sich Daten zu merken.
Einige Sportarten sind für den jungen Kochler tabu
Stefan muss täglich viele Tabletten nehmen, damit sein Körper die fremde Niere nicht abstößt. Auch sein Immunsystem ist durch die Medikamente, die sein Immunsystem daran hindern sollen, die Niere abzustoßen, nicht so fit. Er werde häufiger krank als andere. Auch manche Sportarten sind für ihren Sohn tabu; etwa Fußball, weil hier die Gefahr groß ist, dass „Theresa“ verletzt werden könnte.
Doch vor dem Hintergrund des schweren Starts, den Stefan ins Leben hatte, geht es dem jungen Mann gut. „Es rentiert sich wirklich, positiv zu denken und zu sagen: Das schafft man“, will Christine Müller anderen in schweren Lebenskrisen Mut machen. Eindringlich will sie als Betroffene auch dazu anregen, sich als Organspender registrieren zu lassen.
Im Notfall möchte die Mutter ihrem Sohn eine Niere spenden
Jeden Tag macht ihr Sohn beim Lernen und bei seiner Selbstständigkeit Fortschritte, sodass seine Mutter guten Mutes ist, dass er irgendwann wird alleine leben können. Auf jeden Fall, sagt Christine Müller, haben ihr die Tiefschläge in ihrem Leben – darunter der frühe Unfalltod von Stefans Papa – gezeigt, wie kostbar das Leben ist. „Wir wissen das Leben und Kleinigkeiten zu schätzen“ – nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund, dass niemand sagen könne, wie lange „Theresa“ noch in Stefans Körper reibungslos arbeiten wird.
Das Organ zu bewahren, sehe sie als ihre Aufgabe im Leben an. „Theresa“ sei so etwas wie ein Familienmitglied geworden. Und sollte die Spenderniere aufgeben, will die Mama ihrem Sohn eine ihrer Nieren spenden. Denn ihr Stefan soll leben können – und das „so viel wie möglich“.
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