- VonAndrea Kästleschließen
„Todsicheres München“: Ludwig Waldinger aus Schäftlarn unterstützt bei Lesung mit Martin Arz. Der Hauptkommissar kommentiert und ordnet ein und beantwortet Fragen aus dem Publikum.
Schäftlarn – Schreibende Kriminaler gibt es inzwischen einige, am bekanntesten in München war vielleicht der ehemalige Chef der Mordkommission, Josef Wifling, der inzwischen gestorben ist. Ludwig Waldinger ist auch bei der Polizei, auch er, Hauptkommissar, tritt auf bei Lesungen – aber er schreibt nicht selbst. Sondern er kommentiert und ordnet ein, was Krimiautor Martin Arz geschrieben hat und eben live auch liest. Beantwortet außerdem Fragen aus dem Publikum, das ist ihm fast das Wichtigste. Am Donnerstag, 29. Februar sind die beiden mit ihrem sehr besonderen Format „Fiktion vs. Fakten“ in der Buchhandlung Schäftlarn zu erleben. Für Waldinger, zuständig für die Fakten, ein Heimspiel – er wohnt in der Gemeinde.
Premiere von neuem Programm im April in Erding
Zehn bis 15 mal, berichtet er, sind Arz und er schon zusammen aufgetreten, inzwischen haben sie ein zweites Programm geschrieben, es hat im April in Erding Premiere. Das erste Programm, das sie jetzt in Ebenhausen zeigen, beruht auf Arz’ Buch „Todsicheres München“, das von spektakulären Verbrechen berichtet, die sich an der Isar abgespielt haben. Drei davon greifen sie auf der Bühne auf, einmal den Fall Johann Eichhorn, der „einer der brutalsten Serienmörder der Kriminalgeschichte“ gewesen ist; fünf junge Frauen hat er umgebracht, ehe er, NSDAP-Mitglied, Ende der 1930er Jahre endlich geschnappt wurde. Außerdem geht es um die „Pantherbande“, eine kriminelle Vereinigung, die nach dem Krieg in München aktiv war, und schließlich um Adele Spitzeder, die „erste richtig bekannte Großbetrügerin“ in Bayern, die Ende des 19. Jahrhunderts auch den einfachen Leuten das Geld aus der Tasche zog – mit dem Versprechen, es für sie anzulegen und gute Zinsen zu bezahlen. In Wirklichkeit verprasste die gescheiterte Schauspielerin selbst, was ihr gutgläubige Sparer teils tütenweise anvertraut hatten. Um den Schein zu wahren beziehungsweise, um ihr Image einer Wohtäterin zu pflegen, hatte sie eine Zeitung gekauft und eine Suppenküche eingerichtet. Auch sie ging irgendwann hoch.
München - ein gutes Pflaster, um Geld zu waschen
Waldinger, der seit 28 Jahren bei der Pressestelle des Landeskriminalamts arbeitet und, wie man schnell merkt, seinen Job liebt, sagt, ihm geht es in allen Fällen auch darum, den Bezug zur Gegenwart herzustellen. Was machen die Spitzeders heutzutage, wie gehen sie vor? „Es gibt noch genauso viele Betrugsmaschen, heute laufen viele halt übers Internet.“ Dann erzählt er einem ein wenig von der Mafia, die es freilich auch in München gibt. München sei, berichtet er und freut sich sichtlich über die Fragen, die man ihm dazu stellt, ein gutes Pflaster, um sein Geld zu waschen. Eine Autowaschanlage zu betreiben und viele kleine Einzelbeträge einzubuchen, die in Wahrheit gar nicht eingegangen sind, sei kein großes Ding.
Schriftsteller melden sich bei Waldinger, um kaptiale Fehler in ihren Büchern zu vermeiden
Wenn man sich mit ihm unterhält, weiß man gar nicht, wofür man sich mehr interessieren soll – für die Inhalte des Programms oder seinen Job. Es ist nämlich so, dass sich bei Waldinger, der sagt, er sei nur deshalb zur Polizei gegangen, weil man in der Schule zwei Tage frei bekam für den Einstellungstest und weil er um die Bundeswehr herumkommen habe wollen, auch sehr viele Schriftsteller melden. Die für ihren Krimi oder den Roman mit Krimi-Anteil, den sie schreiben, wenigstens in Ansätzen wissen müssen, wie es so zugeht bei der Polizei. „Kapitale Fehler“, sagt er, „gilt es eben zu vermeiden.“ Ein Krimi-Autor sollte schon wissen, wer im Polizei-Apparat wofür zuständig ist und wie eine Soko aufgebaut ist. Der Rest habe dann ohnehin nicht mehr viel mit der Realität zu tun – „das wäre unheimlich langweilig“. Wenn ein Mord aufgeklärt wird in Bayern, was in 90 Prozent aller Fälle passiert, dann ist das nicht der Erfolg des einzelnen genialen Ermittlers, sondern der Erfolg mehrerer Abteilungen, die Hand in Hand arbeiten.
300 bis 400 Autoren, schätzt er, sind schon durch seine Schule gegangen, die oft nur aus einem Telefonat besteht. Viele erwähnen ihn dann in ihren Danksagungen im Buch. Er selbst, erzählt er, würde lieber Krimis lesen als sich Krimis anzusehen. Er mag Rita Falk, er ist, einfach weil es unterhaltend ist, „Hubert und Staller“-Fan, er schätzt auch die Ostfriesen-Krimis. Einen englischen Autor, Peter James, hat er auch mal beraten, dessen Chief-Inspector mit einem Fall in München zu tun bekommen hatte. „Wir sind noch in Kontakt.“
Keine Lesung mit Martin Arz und Ludwig Waldinger läuft wie die andere ab
Ludwig Waldinger, 57-jähriger Familienvater einer erwachsenen Tochter, sagt, die Arbeit bei der Polizei sei „unglaublich vielseitig“, außerdem krisensicher: „Es wäre falsch, davon auszugehen, dass alle Menschen Engel sind.“
Schön an den Abenden mit Martin Arz findet er auch, dass keine Lesung wie die andere abläuft, die Besucher wollen ja jedes Mal etwas anderes wissen. „Das ist eine Herausforderung“, manchmal nähme ein Abend eine überraschende Wendung. Plötzlich erzählen ihm dann Leute, die Opfer eines Verbrechens geworden sind, von dem, was sie erlitten haben – und was längst verjährt ist. „Da bin ich dann mehr als Psychologe gefragt.“
Lesung: Die Veranstaltung in der Buchhandlung, Professor-Benjamin-Allee 2, beginnt am Donnerstag, 29. Februar, um 19.30 Uhr.