Vier Bewerber um den Chefsessel

Kommunalwahl 2020: So schlagen sich Geretsrieder Bürgermeisterkandidaten bei der Podiumsdiskussion

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Gut 350 Bürger verfolgten die Debatte zwischen (ab 2. v. li.) Amtsinhaber Michael Müller (CSU) und seinen Herausforderern Wolfgang Werner (SPD), Martina Raschke (Grüne) sowie Larry Terwey (FDP) live – und stellten den vier Aspiranten konkrete Fragen. Moderiert wurde die Diskussion von Redaktionsleiter Carl-Christian Eick (li.) und seiner Stellvertreterin Susanne Weiß (re.).

Der Amtsinhaber will bleiben. Eine Frau und zwei Männer spechten aber auch auf den Bürgermeisterposten in Geretsried. Bei der Podiumsdiskussion von Geretsrieder Merkur/Isar-Loisachbote machten die vier Kandidaten ihre Positionen deutlich.

Geretsried „Geretsried hat Lust auf Bürgermeisterwahl“, stellte Moderator Carl-Christian Eick angesichts der gut 350 Besucher der Podiumsdiskussion mit den vier Kandidaten fest. Amtsinhaber Michael Müller (CSU), Finanzwirt Wolfgang Werner (SPD), Nachhaltigkeitsmanagerin Martina Raschke (Grüne) und IT-Fachmann Larry Terwey (FDP) stellten sich am Donnerstag in den Ratsstuben den Fragen des Redaktionsleiters unserer Zeitung und seiner Stellvertreterin Susanne Weiß.

Geretsried wächst. 36 000 Einwohner wird die größte Stadt im Landkreis Prognosen zufolge im Jahr 2036 zählen. Wie sehen die vier Bewerber diese Entwicklung? Wie wollen sie genügend Wohnraum schaffen? Müller verweist auf das Prinzip der Nachverdichtung in bestehenden Wohngebieten sowie auf das Mammutprojekt an der Banater Straße mit geplanten 768 Wohnungen, davon je 30 Prozent bezahlbar und sozial gefördert.

Werner würde gerne einen Schritt weiter gehen und das in München angewandte Instrument der Sozialgerechten Bodennutzung (SoBoN) einführen, bei dem Grundeigentümer verpflichtet werden, sich an den Folgekosten zu beteiligen, die durch die Schaffung neuen Baurechts entstehen. Für junge Menschen regt er günstige „Azubi-Wohnkomplexe“ an.

Raschke will „einen Schritt zurück gehen“ und sich erst einmal fragen: „Was möchte Geretsried sein und werden?“ Dabei sollte man ihrer Meinung nach auch über alternative Wohnformen nachdenken. Terwey spricht vage von einer „ganzheitlichen Planung“ bei Bauprojekten und konkretisiert auf Nachfrage, dass die umliegende Infrastruktur und das Baustellenmanagement optimiert werden müssten. Das sei im Zentrum nicht der Fall. Müller kann sich den Seitenhieb, dass weder Raschke noch Terwey im Stadtrat mitgearbeitet hätten, nicht verkneifen. „Wir haben uns sehr viele Gedanken gemacht“, sagt er.

Auf dem Podium: Die Moderatoren Carl-Christian Eick (li.) und Susanne Weiß (2. v. li.) mit den Kandidaten (v. li.) Wolfgang Werner (SPD), Michael Müller (CSU), Martina Raschke (Grüne) und Larry Terwey (FDP).

Beim Komplex Verkehr (siehe unten) gehen die Ansichten deutlicher auseinander Applaus im Saal und Zustimmung bei den anderen Kandidaten gibt es für Müllers Ankündigung, Geretsried wolle wie Wolfratshausen fahrradfreundliche Kommune werden. Auf dem Gebiet Nachhaltigkeit und Umweltschutz zeigen sich alle Parteivertreter aufgeschlossen und kompetent. Raschke will in die Höhe bauen, um Flächen einzusparen. Damit geht der Rathauschef d’accord. Er verspricht, im Fall seiner Wiederwahl den Stadtwald sowie die „Durchgrünung der Hauptachsen“ zu erhalten. Auf die spätere Frage von Franz Wirtensohn versichert er, Gelting werde seinen Dorfcharakter erhalten und nicht „zugebaut“, auch wenn die S-Bahn komme.

Um den jährlichen CO2-Ausstoß von rund 220 000 Tonnen in Geretsried zu verringern, will der Amtsinhaber die Industrie ins Boot holen. Raschke, die sich 15 Jahre lang bei der Energiewende Oberland engagierte, sieht die Bürger als die „größten Mitspieler“. Jedes zweite geeignete Dach müsse mit Photovoltaik belegt werden, fordert sie. Außerdem könnten Genossenschaften zur Erzeugung von Solarenergie gegründet werden. Die regt auch Werner an. Terwey, der unter anderem Heizungsbauer gelernt hat, würde ebenfalls die Industrie stärker einbinden und Bauherren besser aufklären.

Am sozialen Leben in Geretsried gibt es für die Bewerber um den Chefsessel kaum etwas zu verbessern. Terwey, neunfacher Patchwork-Familienvater, lobt Kindergärten und Schulen und freut sich auf das Bürgerhaus in seinem Wohnviertel Stein. Generell will er, genau wie die Geltingerin Raschke, „mehr Treffpunkte“ schaffen. Werner verweist als Sportreferent des Stadtrats auf die Bedeutung von Freizeiteinrichtungen. Über Freizeit, Sport und Kultur müsse sich der Stadtrat noch mehr Gedanken machen. „Es genügt nicht, nur einen neuen Flächennutzungsplan aufzustellen.“

Die Schlussfrage nach „drei Dingen, die Sie an Geretsried lieben“, beantworten die Bürgermeister-Aspiranten wie folgt. Raschke: „Die offenen Menschen, das Miteinander und die Wir-schaffen-das-Mentalität.“ Werner: „Die toleranten Bürger, die Vereine und die Natur.“ Müller: „Die Menschen, mit denen ich hier aufgewachsen bin, das Grün und die Wälder sowie den guten Zusammenhalt der Geretsrieder.“ Terwey: „Stein, das Stadtzentrum und die Isarauen.“

Beifall von den Besuchern gab es für die Aussage, der Karl-Lederer-Platz gehöre noch stärker verkehrsberuhigt.

Beim Thema Mobiliät gehen die Meinungen auseinander

Im Bereich Verkehr und Mobilität findet gerade landkreisweit ein Umbruch weg vom Individualverkehr hin zum Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) statt. Auch Bürgermeister Michael Müller möchte den ÖPNV – ohne das Auto zu verteufeln – stärken und das Radwegenetz ausbauen, wie er bei der Podiumsdiskussion unserer Zeitung deutlich machte.

Müller begrüßt die vom Kreis beschlossenen, neuen Schnellbusse zwischen den Städten Wolfratshausen, Geretsried und Bad Tölz im 20-Minuten-Takt. Sie sollen am Rathaus und an der Sudetenstraße halten. Müller: „Unsere Aufgabe wird es sein, den Stadtbus ideal auf sie abzustimmen.“

Der Grünen-Kandidatin Martina Raschke reicht das nicht. Sie fordert „sehr schnell“ mehr sichere Radwege. Sie kritisiert zudem die vielen Parkplätze im Zentrum, die ihrer Meinung nach zum Autofahren verführen. Den geplanten Aldi an der Egerlandstraße hält sie für eine Fehlplanung, denn er werde den Verkehr in die Innenstadt ziehen. Den Karl-Lederer-Platz würde sie als Bürgermeisterin „konsequent verkehrsberuhigt gestalten“. Diese Chance sieht sie zu wenig genutzt. Das Publikum im vollen Ratsstubensaal klatscht an dieser Stelle.

Larry Terwey (FDP) fragt sich ebenfalls, warum man einen Discounter, „zu dem die Menschen in aller Regel mit dem Auto fahren“, in die Stadt hole. Hier kontert Müller den beiden Gegenkandidaten, Aldi sei ein „Frequenzbringer“ und wichtig für die Belebung des Zentrums. „Dann kommen auch die kleineren Geschäfte wie ein Schuhladen“, ist er sich sicher.

Terwey schießt sich zudem auf die von FDP-Stadtrat Günther Fuhrmann bereits mehrfach kritisierte Verkehrsplanung in der T-Zone ein. Der Kreisverkehr zwischen Fasanenweg und Isar-Kaufhaus sei zu groß, drei Tiefgaragenein- und ausfahrten seien zu viel, jene am Fasanenweg wäre in seinen Augen „komplett verzichtbar“.

Wolfgang Werner (SPD) verweist auf sein Steckenpferd, den kostenlosen Stadtbus: „Wer mich kennt, weiß, dass ich hartnäckig bin. Ich bleibe an dem Thema dran.“ Kostenfreiheit ist für Werner ein wichtiger Faktor, um die Attraktivität des ÖPNV zu steigern.

Volles Haus: Gut 350 Besucher kamen zur Podiumsdiskussion mit den vier Bürgermeisterkandidaten.

Die Fragen aus der Bürgerschaft

Die Geretsrieder machten ausgiebig Gebrauch von der Möglichkeit, den vier Bürgermeisterkandidaten schriftlich im Vorfeld oder direkt während der Veranstaltung auf den Zahn zu fühlen. Stefan Uhlig wollte von Amtsinhaber Michael Müller (CSU) wissen, ob dieser eine Chance sehe, sich in Sachen Lorenz-Areal-Bebauung mit der benachbarten Firma Bauer Kompressoren zu einigen. Müller sagte mit Verweis auf laufende Verhandlungen, er hoffe auf einen „friedlichen Kompromiss“. 

Jochen Pelz interessierte, wie die Vier als Rathauschefs „die Stadtverwaltung bei Laune halten würden“. Deren Antworten: mit Freundlichkeit (Wolfgang Werner, SPD); der eigenen, stets guten Laune (Larry Terwey, FDP); mit Wertschätzung und Verantwortungsübergabe (Martina Raschke, Grüne); „indem man manchmal auch den Takt vorgibt“ (Müller). 

Eine Gruppe von Steiner Bürgern wünscht sich, dass die Politik hilft, einen Nachfolger für den im Juni schließenden Penny-Markt zu finden. Terwey berichtete als Ortsansässiger von teils schwierigen Kunden, die dem Personal das Leben schwer gemacht hätten. Raschke sieht die Stadt in der Verantwortung, im Rahmen der Wirtschaftsförderung eine Lösung zu finden. Müller erklärte, die Stadt tue dies. Er appellierte generell an die Bürger, vor Ort einzukaufen. 

Beate Steiner fragte die Kandidaten, ob sie mit Rücksicht auf die Umwelt ein Silvester-Feuerwerk verbieten würden. Müller verneinte dies, weil es rechtlich nicht möglich sei. Raschke sagte „Ja, mit einem Ersatz“. Terwey bejahte klar, und Werner hatte die Lacher auf seiner Seite, als er antwortete: „Da fragen Sie den Richtigen. Ich bin ein gebranntes Kind.“ Das Mietshaus an der Sudetenstraße, in dem Werner wohnt, war 2018 durch eine verirrte Feuerwerksrakete in Brand geraten.

Umfrage: Haben Sie einen Favoriten?

Marcus-René Lisy (45)

Marcus-René Lisy (45): Ich wünsche Larry Terwey den Wahlsieg. Ich bin für eine liberale Politik ohne viele Verbote. Daran hat sich nach der Podiumsdiskussion nichts geändert, auch wenn alle vier Kandidaten sympathisch ‘rübergekommen sind. Mit Bürgermeister Michael Müller bin ich nicht direkt unzufrieden. Unter ihm tut sich was in Geretsried – anders als in anderen Kommunen.

Ulrich Bauereiß (65)

Ulrich Bauereiß (65): Die Diskussion verlief sehr friedlich. Dadurch hat sich für mich leider nicht so herauskristallisiert, worin die Bewerber sich wirklich unterscheiden. Bei manchen Dingen hätte man mehr nachhaken sollen. Ich hatte schon eine Tendenz, wem ich meine Stimme gebe. Die hat sich verfestigt. Es zählt nicht alleine Sympathie. Ein Bürgermeister braucht Erfahrung und Führungsstärke.

Sabine Steiger (52)

Sabine Steiger (52): Ich fand die Diskussion sehr gut moderiert und sehr aufschlussreich. Ich bin mir jetzt bei meiner Wahlentscheidung etwas klarer, weil ich zum ersten Mal alle vier Kandidaten zu den wichtigen Themen gehört habe. Mir ist eine maßvolle Entwicklung mit weniger Bauen wichtig. Auch wenn ich einen Favoriten habe, finde ich: Alle vier Bewerber haben sich gut geschlagen.

Cornelia Irmer (60)

Cornelia Irmer (60): Alle Kandidaten erschienen mir glaubwürdig. Die entscheidende Frage ist jedoch: Wer hat das Wohl der Stadt und eine gesunde Entwicklung am besten im Auge? Ich habe mich noch nicht endgültig auf einen der Vier festgelegt.

Tanja Lühr

Das war die erste von mehreren Podiumsdiskussionen von Geretsrieder Merkur/Isar-Loisachbote. Alle Kandidaten und Termine im Überblick.

Alle Infos rund um die Kommunalwahl im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sind auf unserer Themenseite zusammengefasst.

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