Strategien vorgelegt

Krisen wecken Kreativität: Leader-Macher planen bereits für neue Förderperiode ab 2023

+
Arbeiten gut zusammen: LAG-Manager Simon Kortus (l.) und LAG-Vorsitzender Michael Pelzer.
  • schließen

4,25 Millionen Euro aus dem Topf des Förderprogramms Leader sind von 2014 bis 2022 in den Landkreis Miesbach geflossen. Ab 2023 soll es weitergehen - mit neuen Schwerpunkten.

Landkreis – Selbst der Experte weiß manchmal nicht mehr so genau, wo im Landkreis Miesbach überall bereits Leader drinsteckt. „Ich bin immer wieder überrascht, was wir schon alles gefördert haben“, sagt Simon Kortus. Doch rechnet man alle Projekte von 2014 bis 2022 zusammen, steht da ein eigentlich unübersehbarer Batzen Geld: 4,25 Millionen Euro an EU-Mitteln sind in die Lokale Aktionsgruppe (LAG) Miesbacher Land geflossen. Fast noch beeindruckender ist laut dem Leader-Manager die Hebelwirkung, die diese Zuschüsse entfaltet haben: mehr als 16 Millionen Euro an Investitionen haben die Projekte ausgelöst. Seit Kurzem ist nun der Sack zu: „Wir haben alle Mittel ausgeschöpft“, erklärt Kortus. Der nächste Topf öffnet sich voraussichtlich im Spätsommer 2023. Stillstand bedeutet dies aber keinesfalls, betont LAG-Vorsitzender Michael Pelzer. „Wir arbeiten vor.“

Das tun die Beteiligten bereits seit mehr als eineinhalb Jahren. Im Rahmen des Projekts „Resilienz und Landentwicklung“ des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums bereitete die LAG – begleitet von der Forschungsgruppe Agrar- und Regionalentwicklung der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf – die Entwicklungsstrategie für die zweite Förderperiode 2023 bis 2027 vor. Der Titel: „Unser Landkreis Miesbach 2030“. Was im ersten Moment ziemlich allumfassend und damit gleichzeitig auch reichlich unkonkret klingt, fußt auf einer äußerst genauen und schonungslosen Analyse des Ist-Zustands im Landkreis Miesbach.

SWOT-Analyse liefert wertvolle Erkenntnisse aus dem Landkreis

Mehr als 20 Seiten umfasst die Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Analyse (kurz SWOT-Analyse), die Kortus angefertigt hat. Die Bandbreite der darin enthaltenen Informationen über den Landkreis Miesbach ist groß: 830 Meter sind es im Schnitt zur nächsten ÖPNV-Haltestelle, 77 Prozent der Neubauten sind Einfamilienhäuser mit nur einer Wohneinheit, 64 Prozent der Landwirte über 45 Jahre haben keine gesicherte Hofnachfolge, 93 Prozent der Unternehmen haben weniger als zehn Beschäftigte, 3,1 Tage bleibt ein Gast durchschnittlich im Landkreis, 634 Pkw kommen auf 1000 Einwohner.

Konkrete Ergebnisse also, aus denen die LAG in mehreren Workshops ebenso konkrete Entwicklungsziele für die neue Förderperiode abgeleitet hat: Städte und Gemeinden als Begegnungsräume für Einwohner und Gäste jeden Alters; regionale und ökologische Ernährungs-, Versorgungs- und Wirtschaftskreisläufe; gelebte Mitmachkultur und ein starkes Ehrenamt für eine enge Kooperation zwischen Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltungen und Wirtschaft; sensibler Umgang mit der Ressource Boden; digitale Strategien und Technologien als Beitrag zu barrierefreier Information, Bildung und Beteiligung; vernetzte Mobilität und sanfte Erlebnis- und Erholungsangebote für eine ressourcenschonende Freizeitgestaltung.

Defizite von vergangener Förderperiode sind bekannt

Doch nicht nur die SWOT-Analyse liegt der neuen Strategie zugrunde, ergänzt Pelzer. Auch die Erfahrungen der vergangenen sechs Jahre hätten großen Anteil daran. So gibt Kortus unumwunden zu, dass zwar 53 Prozent der Fördermittel in den Bereich der Familienregion geflossen seien, aber gerade einmal zwei Prozent in die Energiewende und Mobilität. „Hier müssen wir besser werden“, sagt der Leader-Manager. Auch habe man gelernt, dass es sich durchaus lohnt, die Grenzen des Programms auszureizen und selbst anfangs nicht förderfähig erscheinende Projekte zu starten sowie, dass Bürgerbeteiligung auch in der Umsetzung – anders als bei anderen Zuschussprogrammen – möglich sein muss. „Wer mutig und problemlösend arbeitet, wird bei Leader belohnt“, sagt Kortus.

So sei es auch gelungen, aus dem eigentlich negativen Ausgangsszenario der bereits spürbaren und drohenden Krisen positive Bewältigungsstrategien im Sinne der Resilienz zu entwickeln. „Da steckt ein extremes Kreativpotenzial drin“, so Kortus. Auch die Ansiedlung seiner Management-Stelle unter dem Dach des Landkreis-Kommunalunternehmens Regionalentwicklung Oberland (REO) mache sich hier wegen der engen Anbindung an bereits laufende Projekte mit ähnlichen Stoßrichtungen bezahlt. „Flurgespräche bringen viel“, schwärmt Kortus und dankt dabei auch Pelzer, der mit seiner langjährigen Erfahrung ein idealer Sparringspartner sei.

„Wir telefonieren täglich“, bestätigt Pelzer. Spaß an der Arbeit und die Identifikation mit den Projekten seien der Schlüssel zum Erfolg. Und Pelzer erkennt in Leader viele Parallelen zu seiner Bürgermeisterzeit in Weyarn. „Das ist Dorferneuerung auf europäischer Ebene.“

Vier Projekte als Finale

Kurz vor Toresschluss der auslaufenden Förderperiode 2014 bis 2022 haben es noch vier Projekte über die Leader-Ziellinie geschafft: 1,4 Millionen Euro erhält die Katholische Kirchenstiftung St. Laurentius und St. Josef in Holzkirchen für ihr neues Pfarrzentrum als „Treffpunkt der Generationen“ (Gesamtkosten: 6,43 Millionen Euro). Die evangelische Kirchengemeinde Miesbach hat sich über einen zweiten Leader-Antrag zu ihrem Gemeindehaus-Projekt noch 320 000 Euro für ihren Inklusiven Coworking-Space mit Inklusionscafé gesichert (Gesamtkosten: 640 000 Euro). Grundsätzlich werde man schon immer wieder angesprochen, wieso Projekte der Kirchen mit öffentlichen Geldern bezuschusst werden, berichtet Leader-Manager Simon Kortus. Die Begründung sei aber einleuchtend: Leader fördere nur jene Bestandteile, die der Gesamtgesellschaft (und damit auch unabhängig von der Konfession) zugänglich seien. An der Neugestaltung der Miesbacher Riviera beteiligt sich Leader derweil mit 200 000 Euro (Gesamtkosten: 596 000 Euro). Mit der ungeplanten Fällung wegen des Befalls mit dem Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) sei hier auch schon eine „Krise“ Ausgangspunkt des Projekts gewesen, meint Kortus. Flexibilität bis in die Umsetzung hinein erfordert der Umbau des Landkramer Platzes in Otterfing in eine Begegnungsfläche für Jung und Alt. Gesamtkosten von 448 000 Euro steht eine Förderung von 188 000 Euro gegenüber. Wie Kortus betont, sollen die Bürger auch an der konkreten Gestaltung beteiligt werden, Änderungswünsche sollen bis zum Schluss umsetzbar bleiben. Ein Stück weit Neuland für Leader, aber genau hierin liege eine der Stärken des Programms.

Die Zeit bis zur Freigabe der neuen Fördermittel für die Periode 2023 bis 2027 nutzt die Lokale Aktionsgruppe (LAG) Kreisentwicklung Miesbacher Land, um die Erfolge, vor allem aber die Möglichkeiten von Leader noch besser unters Volk zu bringen. Eine neue Homepage soll sämtliches gesammeltes Wissen zur Verfügung stellen, auch eine Wanderausstellung ist geplant. Wie viel Geld ab kommendem Jahr für Projekte zur Verfügung steht, sei noch offen, sagt Kortus. „Wir gehen derzeit im ersten Schritt von 1,5 Millionen Euro aus.“ Man werde aber alles daran setzen, auch diesmal wieder deutlich mehr herauszuholen. Auch deshalb nimmt der Leader-Manager neue Ideen bereits jetzt entgegen – egal zu welchem Thema.

sg

Kommentare