- VonWolfgang Schörnerschließen
In einer Serie zur Landtagswahl stellen wir alle Direktkandidaten aus dem Stimmkreis Weilheim vor. Heute: Yannick Timo Böge (FDP). Zudem haben wir ihm sechs Fragen gestellt, unter anderem zur Energieversorgung und zur Zukunft der Krankenhauslandschaft.
Landkreis – Eigentlich ist Yannick Timo Böge ein Start-up-Unternehmer. Vor fünf Jahren gründete der promovierte Molekularbiologe mit Kollegen in Penzberg, quasi am Küchentisch, das Start-up-Unternehmen „Smart 4 Diagnostics“. Sie entwickelten eine Lösung, um Blutproben digital überwacht vom Arzt ins Labor zu bringen. Heute hat das Unternehmen seinen Sitz in München, 30 Mitarbeiter aus 15 Nationen und Kunden in neun europäischen Ländern. Nun kandidiert der 39-Jährige für den Landtag.
Ist er als Start-up-Unternehmer etwa nicht ausgelastet? Böge schmunzelt. „Ich bin zu 170 Prozent ausgelastet“, sagt er. Wahlkampf und Unternehmen unter einen Hut zu bringen, gehe nur mit guter Koordination und vielen Nachtschichten. Böge räumt aber auch ein, dass er nicht gerade zu den Favoriten im Stimmkreis gehört und deshalb auch nicht ununterbrochen auf Wahlkampftour gehen muss. Seine eigenen Chancen hält er für „überschaubar“. Für die FDP würde er sich den Wiedereinzug in den Landtag wünschen. „Ich glaube, es wird eine lange und intensive Wahlnacht und wir werden es mit Ach und Krach über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen.“
Erfahrungen mit der Bürokratie
Dass Böge in die Politik gegangen ist, hat mit seinen Erfahrungen als Jungunternehmer zu tun: mit den Problemen, Fachkräfte zu finden und Arbeitsvisa für ausländische Mitarbeiter zu erhalten, mit der Bürokratie und der schleppenden Anerkennung von ausländischen Hochschulabschlüssen. Ein zweiter Grund: Viele Menschen, sagt er, würden sich nur beschweren in den „sozialen Medien“. „Das mag ich nicht. Ich will mich mit Problemen auseinandersetzen und ich will gemeinsam Lösungen finden.“ Genauso wie er es im Unternehmen tue.
Böge ist in Itzehoe in Schleswig-Holstein geboren und aufgewachsen. Er hat in Deutschland und der Schweiz studiert. Seit 2015 lebt er in Penzberg. Dass er bei der FDP gelandet ist, hat nichts mit einer politischen Vorprägung in der Jugend durch die Familie zu tun. Sie sei „völlig unpolitisch“. Eher schon habe es etwas damit zu tun, dass er in der dritten Generation der erste Akademiker war. Nicht soziale Herkunft, sondern Leistungsbereitschaft entscheide: „Das passt zur FDP.“ Bildungswege müssten allen offen stehen, sagt Böge. „In Deutschland hängt das noch sehr vom Elternhaus ab.“
Einsatz in der Bildungspolitik
Außerdem fand er in der FDP – er ist Vorsitzender in Penzberg – auch jene Themen vor, die ihn als Unternehmer umtreiben: Förderung von Wirtschaft, Innovation und Bildung. Er selbst habe erfahren, wie „papierlastig und zäh“ es ist, in Deutschland ein Unternehmen zu gründen. Bürokratieabbau, Fachkräfte-Zuwanderung, Innovations- und Standortförderung wären denn auch Themen, für die er sich im Landtag gern einsetzen würde.
Dass er nun kandidiert, habe aber auch stark mit der Bildungspolitik zu tun. Böge ist selbst Vater von zwei Kindern, drei und sechs Jahre alt. Es sei viel versäumt worden in Bayern, sagt er. Über das „Gute Kita-Gesetz“ habe Bayern vom Bund Millionen Euro bekommen, sie aber nicht in den Ausbau der Kitas investiert, sondern die Eltern bei den Gebühren entlastet. Das sei ein angenehmer, aber nur kurzer Effekt, sagt Böge. Langfristig helfe das nicht.
Austausch nicht nur in eigener Blase
Zur Kandidatur bewogen habe ihn noch etwas anderes. Böge erklärt, dass Penzberg im Landkreis Weilheim-Schongau eine isolierte Rolle spiele. Ein ähnliches Gefühl habe er mit dem Landkreis auf Landesebene. Der Landkreis benötige eine stärkere Stimme. Er habe extra googeln müssen, wer aus dem Landkreis im Landtag sitzt.
Hat er manchmal Bauchweh, wenn er auf die rot-grün-gelbe Koalition in Berlin blickt? Ja, gibt Böge zu. Und zwar, weil „so viel Musik aus Berlin kommt“, dass die Landespolitik nicht wahrgenommen werde. Erfolge würden nicht gut verkauft. Und jeder Streit biete „leider viele Steilvorlagen für den einseitigen Wahlkampf von CSU und Freie Wählern“. Eines will Böge noch anmerken: Auf seiner „politischen Reise“ sei ihm aufgefallen, dass Politik sich schnell in einer Blase bewege, nur mit Gleich-Denkenden geredet werde. Man müsse aber auch mit anderen Menschen sprechen, egal, was sie wählen, sagt er. Es ist wie im Unternehmen: nicht nur auf die eigene Entwicklungsabteilung hören, sondern schauen, ob ein Produkt am Markt bestehen kann.
Sechs Fragen an Yannick Timo Böge
Verkehr: Wie kann der ÖPNV im Stimmkreis gestärkt werden?
„Um den ÖPNV im Stimmkreis zu stärken, ist eine Neuausrichtung erforderlich. Der Schwerpunkt sollte auf bedarfsgerechten und ressourcenschonenden Lösungen liegen, die durch digitale Tools wie Mitfahr-Apps oder Rufbus-Angebote ermöglicht werden. Dadurch können wir den Individualverkehr reduzieren, unnötige Leerfahrten vermeiden, die Streckenführung optimieren und bislang unzugängliche Ziele erschließen. Ein attraktiverer ÖPNV beinhaltet den Ausbau der West-Achse durch den Alpenbus, die Verbesserung der MVV-Anbindung und eine höhere Zugtaktung. In Kombination mit dem Deutschlandticket wird der ÖPNV für Pendler besonders attraktiv und ermutigt sie zum Umstieg vom Auto.“
Wohnen: Was muss passieren, damit sich Normalverdiener noch eine Wohnung (gekauft oder gemietet) leisten können?
„Die FDP setzt sich in Berlin bereits aktiv für die Erhöhung der Freibeträge der Erbschaftssteuer ein. Häufig werden Immobilien und Wohnraum über viele Jahrzehnte von Familien und dem Mittelstand erworben und aufgebaut. Ich bin der Meinung, dass die Erhöhung dieser Freibeträge eine Frage der Gerechtigkeit gegenüber den Hinterbliebenen ist. Es ist politisch nicht realistisch, die Erbschaftssteuer vollständig abzuschaffen, aber durch höhere Freibeträge könnte der Verkauf von vererbtem Wohneigentum aus steuerlichen Gründen reduziert werden. Darüber hinaus ist es dringend erforderlich, den staatlichen Wohnungsbau in Bayern zu beschleunigen, ebenso wie die Geschwindigkeit, mit der Gemeinden Bebauungspläne erstellen, um die städtebauliche Entwicklung zu steuern und Bauland auszuweisen.“
Migration: Was ist in Bayern und vor Ort für die Integration von Flüchtlingen zu tun?
Die Aufgabe ist vielschichtig. Einerseits sprechen wir hier von einer Beschleunigung der behördlichen Vorgänge (Stichwort Digitalisierung), um Flüchtlinge schneller in den Arbeitsmarkt zu integrieren, was aus meiner eigenen Erfahrung als Arbeitgeber aktuell in keinem akzeptablen Zeitraum funktioniert. Andererseits ist der wichtigste Erfolgsfaktor für die Integration von Flüchtlingen das Erlernen der deutschen Sprache, z.B. durch zusätzliche Ressourcen an Schulen für individuelle Förderangebote und ein Erweiterungsfach „Deutsch als Zweitsprache“.
Umwelt: Wind, Solar, Wasser: Was wäre der beste Weg, damit der Landkreis bis 2035 klimaneutral ist?
Die Transformation der Energiewirtschaft hin zu einer klimaneutralen Energieversorgung ist eine Generationenaufgabe, die es in „Lichtgeschwindigkeit“ zu bewältigen gilt. Die Energieversorgung im Jahr 2035 wird in meinen Augen auf einem lokal produzierten Energiemix basieren. Dafür müssen in der Region die bestmöglichen Lösungen umgesetzt und damit auch Kompromisse akzeptiert werden. Eine weitere Regulierung aufgrund von Umweltauflagen bzw. eine Verstaatlichung des Walchenseekraftwerks sind genauso wenig hilfreich für die Energiewende wie der Widerstand gegen Windkraftanlagen oder großflächige Solarparks.
Erziehung: Wie kann die Betreuung in Kitas und Schulen angesichts des Personalmangels gewährleistet werden?
Um die Betreuung in Kitas und Schulen angesichts des Personalmangels sicherzustellen, sollte die angemessene Vergütung für die Ausbildung von Fachkräfte in Kitas gewährleistet sein. Zudem ist eine schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse und die Erleichterung des Quereinstiegs, besonders für die Mittel- und Oberstufenlehrer, wichtig. Angesichts des hohen Anteils von Frauen in sozialen Berufen sollten zeitgemäße Arbeitsmodelle wie flexiblere Teilzeitoptionen und erweiterte Kinderbetreuungsangebote, einschließlich längere Kita-Öffnungszeiten, entwickelt werden. Hierfür ist eine dringende Investition der Mittel aus dem Gute-Kita-Gesetz vom Bund in Bayern erforderlich, um die Qualität und das Angebot der Kinderbetreuung zu verbessern.
Gesundheitsversorgung: Wie schaut die Krankenhaus-Landschaft in zehn Jahren im Landkreis aus?
In zehn Jahren wird die Krankenhaus-Landschaft im Landkreis maßgeblich von der aktuellen Krankenhausreform beeinflusst sein. Die Einführung der Vorhaltepauschale, im Gegensatz zur bisherigen von der Schwere der jeweiligen Erkrankung gewichteten Fallpauschale, eröffnet neue Möglichkeiten zur Neugestaltung unserer ländlichen Krankenhausversorgung. Die Notfallversorgung bleibt immer oberste Priorität, z.B. durch den Ausbau von Rettungsdiensten und die Einführung telemedizinischer Bewertung (Triage) und Patientenlenkung. Die anhaltende Inflation, der Fachkräftemangel und die Energiekrise könnten dazu führen, dass kleine Krankenhäuser in medizinische Versorgungszentren mit ambulanter Notfallversorgung umgewandelt werden müssen, auch wenn dies insbesondere aus meiner Penzberger Sich nicht wünschenswert ist. Eine andere Möglichkeit wäre die Schaffung eines Verbundkrankenhauses, bei dem die einzelnen Standorte sich auf spezialisierte Bereiche konzentrieren und sich so gegenseitig ergänzen.