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Die Verurteilung von Hans Urban im Google-Prozess hat sein Landtagsmandat überschattet. Fünf Mitglieder der Grünen bekunden nun Interesse an seinem Amt.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Als der Grünen-Landtagsabgeordnete Hans Urban im Herbst vorigen Jahres vom Amtsgericht Wolfratshausen wegen falscher Verdächtigung und Nötigung zu 10.500 Euro Geldstrafe verurteilt worden war, forderten zahllose Menschen in wütenden Kommentaren, der Politiker möge sein Mandat niederlegen. Doch das kam Urban, der während des Verfahrens darauf beharrt hatte, unschuldig zu sein, nicht in den Sinn. Nun sieht es danach aus, als würde ihm die Entscheidung von seiner Partei abgenommen: In einer internen Online-Sitzung der Grünen im Stimmkreis Bad Tölz-Wolfratshausen/Garmisch-Partenkirchen bekundeten zwei Parteikolleginnen und drei Kollegen offen ihr Interesse an einem Direktmandat für die Landtagswahl 2023.
Urban war zu 10.500 Euro Geldstrafe verurteilt worden
Einer davon ist der Zimmerermeister Klaus Hanus aus Lenggries. Der 47-Jährige macht kein Geheimnis daraus, dass er die „Google-Affäre“ seines Parteikollegen als Chance in eigener Sache sieht. „Er wäre jetzt nicht der ideale Vertreter unserer Sache. Die Presse würde sich wieder auf ihn stürzen, und wir müssten mehr Zeit darauf verwenden, ihn zu verteidigen, als unsere Anliegen vorzubringen“, sagt Hanus.
Wie berichtet hatte der Landtagsabgeordnete Urban einen damals 25-Jährigen, der sich mit seinem Google-Street-View-Fahrzeug beim „Aktualisieren von Kartenmaterial für Google-Maps“ auf den Hof des Bio-Bauern in Oberherrnhausen verirrt hatte, bezichtigt, ihn umgefahren zu haben. Das Gericht gelangte aufgrund mehrerer Sachverständigengutachten sowie eines Videos, das der Fahrer mit seinem Handy gemacht hatte, zu der Überzeugung, dass hier ein schlechter Schauspieler in einem noch schlechteren Film agierte – und sprach den Politiker schuldig der falschen Verdächtigung. Ein Verfahren gegen den Fahrer, den Urban wegen Körperverletzung angezeigt hatte, war im Vorfeld eingestellt worden. Mit der Strafe von 70 Tagessätzen zu je 150 Euro gilt Urban nicht als vorbestraft (dafür hätten es mehr als 90 Tagessätze sein müssen).
„Durch den negativen Rummel sehe ich eine Chance für meine Ideen“, betont Hanus. „Ich bin der Meinung, dass das Handwerk politisch unterrepräsentiert ist und keine echte Lobby hat.“ Dafür wolle er sich stark machen. Gerade jetzt sei es an der Zeit, das Handwerk zu stützen und „zu streicheln“. „Ohne Handwerk schaffen wir die Energiewende nicht“, sagt der Zimmerermeister.
Es zeichnet sich ein Gegenkandidat ab
Selbst in Urbans eigenem Ortsverband zeichnet sich ein Gegenkandidat ab: Jakob Koch, Gemeinderat, Kreisrat und Sprecher der Grünen Jugend. „Das war ein längerer Prozess, aber ich denke, die junge Generation sollte mehr vertreten sein. Und ich bringe ja eine gewisse Erfahrung mit“, erläutert der 24-jährige Lehramtsstudent für Sonderpädagogik, warum er „meiner Partei das Angebot mit meiner Person gemacht“ habe. Ein bisschen Landtagsluft hat Koch bereits geschnuppert – als Mitarbeiter von Hans Urban. Mit diesem habe er sich über seine Pläne auch vorher ausgetauscht. Mehr wolle er zur Person Urban nicht sagen. „Er ist ein Parteikollege und Freund, dazu werde ich mich nicht in irgendeiner Weise zitierfähig äußern.“
Ebenfalls nicht äußern, aber dies in eigener Sache, möchte sich die Wolfratshauser Grünen-Stadträtin Annette Heinloth, die ebenfalls zu den fünf Bewerbern gehören soll. „Das Gerücht habe ich auch schon gehört – aber ich kandidiere nicht für den Landtag“, sagt die Dritte Bürgermeisterin der Flößerstadt auf Nachfrage. Allenfalls könne man sagen, sie „erwäge eine Kandidatur zur Aufstellung für die Kandidatur“. Mit anderen Worten: Konkret ist noch nichts.
Kandidaten-Kür am 28. November
Am 28. November wollen die Grünen abstimmen, welche Direktkandidaten sie für den Bezirkstag und den Landtag aufstellen. Außer Heinloth, Koch und Hanus sollen Walter Burk aus Garmisch-Partenkirchen und Petra Daisenberger, Grünen-Kreisrätin und Sprecherin des Murnauer Ortsverbands, Interesse bekundet haben. „Man wird erst am 28. November sehen, wer seinen Hut in den Ring wirft“, sagt Heinloth. Womöglich bewirbt sich auch Urban erneut. Wegen seiner Teilnahme an einer Sitzung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft in Stuttgart war der Abgeordnete bis Redaktionsschluss für eine Stellungnahme nicht erreichbar.
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