„Ethik und Menschlichkeit haben höchste Priorität.“

Leben oder Sterben? So entscheidet das Ethikkomitee der Wolfratshauser Klinik

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Expertenrunde: Auf der rechten Seite (v. li.) Dr. Stefan Schmidbauer, Pfarrerin Barbara Melich, Elke Eilert , Dr. Josef Orthuber, Annegret von Andrian, Alfred von Hofacker, Dr. Andrea Lorenz und Dr. Michael Trautnitz.
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Das Ethikkomitee der Kreisklinik vermittelt bei Konflikten zwischen Moral und Medizin. Die Entscheidungen sind oft schwierig.

Wolfratshausen – Mit Hilfe der modernen Apparatemedizin kann man schwerstkranke Menschen heute sehr viel länger am Leben erhalten als früher – unter Umständen viel länger, als der Patient selbst es möchte. Doch wer entscheidet darüber? Der Betroffene kann sich oft nicht mehr äußern, und die Meinungen der behandelnden Ärzte und der Angehörigen gehen manchmal weit auseinander.

In solchen Fällen hilft das klinische Ethikkomitee, wie Dr. med. Stefan Schmidbauer auf einem Info-Abend erläuterte. Der Chefarzt der Chirurgie in der Kreisklinik Wolfratshausen leitet das 13-köpfige Gremium, das aus Ärzten, Pflegekräften, Mitarbeitern des Kliniksozialdiensts sowie Seelsorgern und einem Juristen besteht. Aufgabe des Komitees ist es, „in ethischen Problemsituationen und bei schwierigen therapeutischen Entscheidungen eine ethische Orientierungshilfe zu bieten“, so Schmidbauer.

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Das höchste Gut sei dabei die Selbstbestimmung des Patienten. „So lange der Patient reden kann, ist das, was er sagt, verbindlich“, betonte der Chirurg und Notfallmediziner. Schwierig werde es, wenn ein Todkranker nicht mehr ansprechbar ist und keine oder eine unzutreffende Patientenverfügung vorliegt. Im Zweifelsfall fragt das Ethikkomitee dann auch mal beim Gemeindepfarrer nach, um den mutmaßlichen Willen des Patienten herauszufinden, erklärte Rechtsanwalt Alfred von Hofacker.

Das Ethikkomitee kann durch Patienten, Angehörige oder Klinikmitarbeiter angefordert werden – ganz problemlos und kurzfristig, wie Schmidbauer versicherte: „Innerhalb von 24 Stunden nach Antrag kommen wir zur Sitzung zusammen.“ Dabei geht es beispielsweise um so schwierige Entscheidungen, ob und wie lange lebenserhaltende Maßnahmen weitergeführt werden sollen. „Oft gibt es Konflikte zwischen der ärztlichen Prognose und dem Behandlungswunsch der Angehörigen“, erklärte der zertifizierte Ethikberater im Gesundheitswesen. Nicht selten vertreten auch die Mitglieder des Komitees gegensätzliche Positionen. Nach einer ausführlichen und ergebnisoffenen Diskussion werde dann eine mehrheitliche Empfehlung ausgesprochen – „ein begründeter Rat, aber kein Urteil“, so Schmidbauer.

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„Professionell und trotzdem menschlich und im Sinne des Patienten zu entscheiden“, das ist nach den Worten des Chefarztes der Anspruch des unentgeltlich arbeitenden Komitees. Außer zu den fallbezogenen Sitzungen in Akutfällen treffen sich die Mitglieder alle zwei Monate, um ethische Konfliktsituationen im Klinikalltag zu analysieren. Dabei stehen Themen wie die Fixierung von selbst- oder fremdgefährdenden Patienten und die Sondenernährung am Lebensende auf dem Programm. Auch diese Maßnahmen werden in der Kreisklinik nur mit extremer Zurückhaltung eingesetzt, sagt Schmidbauer: „Ethik und Menschlichkeit haben höchste Priorität.“

cw

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