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Leben zwischen Erfüllung und Einsamkeit: Wenn ein alter Tölzer Bierkeller sprechen könnte

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So sehe ich heute aus: Der Betreiber des „Shelter Music Pub“ stellte neue Tische auf meinen alten Tuffboden, auf dem im 19. Jahrhundert die Bierfässer lagerten.
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Er sah Bierfässer rollen und Feierwütige  herumfallen, er war Lagerraum und Party-Zone. Wenn dieser alte Tölzer Keller sprechen könnte, würde sich das ungefähr so anhören...

Ich habe den Tod kennengelernt. Mehrmals. Immer wieder zog mein Leben an mir vorbei. Zuerst die Jugend: Ich war ein Star, was haben mich die großen Münchner beneidet. Ich prägte bayerische Kulturgeschichte mit. Doch Glanz und Glamour war nicht immer: Jahre der Leere und Einsamkeit, auch sie zogen an meinem geistigen Auge vorbei. Ich geb’s ja zu: Ich bewege mich kaum und bin eher der abwartende Typ. Man muss mich schon animieren, damit ich aus mir rauskomme. Aber: Ich habe immer versucht, den Menschen Vergnügen zu bereiten. Für manche bin ich so sogar zur Legende geworden. Manche haben mich aber auch hängen, ja, immer wieder aufs Neue sterben lassen. Ich bin über 200 Jahre alt. Ich bin ein Keller in Bad Tölz und lebe 15 Meter tief in der Erde. 

„Man nannte mich eine Bieramme Münchens“

Von der Welt da draußen kriege ich trotzdem erstaunlich viel mit. Ich bin ein guter Beobachter und ein noch besserer Zuhörer. Wie ich zum Star wurde? Warum man mich und meine Konkurrenten die „Bierammen“ Münchens nannte? Das würdet ihr jetzt gerne wissen. Aber erstmal will ich euch vom 23. Februar 2018 erzählen. Es war ein Freitagabend, an dem ich endlich wieder Hoffnung schöpfte. Auf ein erfülltes Leben. So wie früher. Ein Typ, 30 Jahre alt, überall mit buddhistischen Zeichen tätowiert, hat mit seinen Freunden meine Wände dunkelrot gestrichen, Seemanns-Bilder und ein Pulp-Fiction-Plakat aufgehängt und eine große Holzbühne aufgebaut. Dank ihm heiße ich „Shelter Music Pub“. Jedes Wochenende springen Gitarristen und Musikfans in mir herum, essen selbstgemachte Pizzen und trinken regionales Bier. Der Laden läuft scheinbar tatsächlich. 

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Die Bar ist mein neues Schmuckstück. Es gab auch andere Zeiten: Die Leute beschimpften mich als abgeranzt.

„Ich habe schon viele scheitern gesehen in dieser ehemaligen Kurstadt“

Aber abwarten. Ich habe schon viele scheitern gesehen hier in dieser ehemaligen Kurstadt, in der das Nachtleben in den vergangenen 20 Jahren schleichend eingeschlafen ist. Und das, obwohl in den Achtzigern und Neunzigern sogar Münchner Feierverrückte hierher gekommen sind, um die Rock-Musiker der Bananafishbones im Turmkeller – ein alter Weggefährte von mir – live zu sehen. 

Das ist lange her - für die Menschen, nicht für mich. Ich denke in größeren Zeitabständen. Mein Geburtsjahr kenne ich nicht. Ich weiß nur, dass man mich im ersten Tölzer Grundbuch um 1812 erwähnte. Tölz war noch keine Stadt, sondern ein Markt mit keinen 19 000, sondern nicht einmal 2000 Einwohnern – dafür aber mit knapp 20 Brauereien. Ich gehörte zum Klammerbräu. 

„Wir waren die Bier-Bastion Nummer eins - bis der Kühlschrank erfunden wurde“

Klammerweiher: So hieß das Gewässer, aus dem Männer Eisbrocken schnitten, sie auf meinen Kellerboden packten, um darauf das Bier zu lagern. Brauen durften sie nur zwischen den Feiertagen Michaeli am 29. September und Georgi am 23. April. Deswegen wollten sie, dass der Gerstensaft auch den Sommer über so lange wie möglich kalt bleibt. Ich fror oft in diesen Zeiten. Einmal hörte ich die Männer sagen, dass Tölz ganz München mit diesem Getränk aus Hopfen und Malz versorgte. Und das lag wiederum an mir und meinen Konkurrenten – genauer gesagt an unseren Tuffböden. Ich bin stolz, dieses isolierende Gestein in mir zu tragen. Es half unheimlich beim Bier kühlen, und die Münchner hatten es nicht. Nur so konnten wir in der Marktstraße und drumherum zur Bier-Bastion Nummer eins werden. 

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Bis dieser Carl von Linde kam. Ich hasse Carl von Linde. Weil er den Kühlschrank erfunden hat. In den 1870ern war das. So glorreich wie einst lief es da nicht mehr für das Tölzer Bier. Aber erst der Ingenieur Carl von Linde gab ihm den Todesstoß. Pfeif auf Tuffstein, wenn du Lindes Kühlmaschinen haben kannst, dachten sich Spaten, Heineken, Carlsberg und andere Brauereien in ganz Europa. In Tölz gibt es heute nur noch zweieinhalb – wenn man die Hobbybrauer mitzählt. So gingen die Lichter aus. 

„Ich fühlte mich wie im Koma“

Das Ende des 19. Jahrhunderts, eine Ära der Einsamkeit. Wie im Koma fühlte ich mich, dämmerte vor mich hin, sah meine verstaubten Wände und die alten Fässer wie durch einen Schleier. Jahrzehntelang. Kurz schreckte ich hoch, wenn mich jemand als Lagerraum missbrauchte und irgendein Zeug durch meinen Hals, die Wendeltreppe, hievte. Was genau, daran erinnere ich mich nicht mehr. Eine verblasste Zeit. Eine frustrierende Zeit. So eine kam leider nochmal, so ab 1950. Immerhin traute sich dazwischen noch ein gewisser Ludwig Steigenberger, sein Weißbier in meinen heiligen Hallen herzustellen. 

Irgendwie mystisch war ich schon immer - und bin es wie man sieht auch heute noch.

Als „Subraum“ war ich ein Sozialprojekt

Aber lasst uns lieber wieder über prächtige Jahre sprechen. Meine Glanzzeit sehe ich in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts. Dieser Abend, an dem wilde 20-Jährige so lange auf einer Couch rumsprangen, bis sie zusammenbrach. Ausgerechnet bei „Krawall und Remmidemmi“, einem Song der Band Deichkind. Köstlich. Als ich zum „Subraum“ getauft wurde, kamen Punker, Metal-Fans und Hip-Hopper bei mir auf ihre Kosten. Und manchmal auch Fans von mongolischen Klangwelten, die netten Betreiber ließen einfach jeden auflegen. Einer der DJs war nicht immer freundlich zu den Gästen. „Geh doch ins Blu, wenn du dir was wünschen willst“, raunte er einem braven Abiturienten mal zu. 

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Und ich bekam noch andere witzige Sachen mit: Der Subraum-Chef Franz verteilte nicht nur Wasabi-Chips, sondern auch alkoholfreie Getränke für umsonst. Spezi und Apfelschorle rückte er aber nur mit einem mitleidigen Blick heraus – bevor er den Fahrer oder Abstinenzler einfach ignorierte und sich strahlend lächelnd wieder den Bierbestellern zuwandte. Das gab’s einfach aus der Flasche und für zwei Euro. Die Goasnmass: fünf Euro. Der gefürchtete Zombie, ein hirnvernebelndes Gemisch aus mehreren Rum-Sorten, lag bei sechs Euro – und war natürlich auch als Mass erhältlich. 

„Abgeranzt und vermüllt: Die Besserbürgerlichen beschimpften mich“

Punks unterhielten sich mit Gymnasiasten, Metal-Nerds trauten sich nicht, die hübschesten Tölzer Mädchen anzusprechen. Ich war auch ein Sozialprojekt. Einmal bekam ich mit, wie die drei Betreiber nachts eine Art Familienzusammenführung meistern mussten. Die Punks hatten einen von ihnen – noch dazu einen mit geistiger Behinderung – alleine zurückgelassen. So sprangen Babsi, Franz und Flo in einen alten VW-Bus, stiegen ins Tölzer Punker-Haus im Badeteil ein und brachten den jungen Mann nach Hause. 

Die Besserbürgerlichen beschimpften mich damals oft: abgeranzt, vermüllt, vergammelt. Okay: Meine Wände krümmelten furchtbar konstant, und über die Toiletten reden wir besser nicht. Vor einem Graffiti, ein grüner Frosch mit knallroten Augen, erschrak ich selbst jedes Mal aufs Neue. Die Spinnweben nahmen irgendwann auch überhand. Trotzdem fühlten sich hier so viele wohl, unterhielten sich über Männer, Frauen und Musik – aber eben auch über richtige und falsche Weltanschauungen. Bundeswehr oder Zivi? Nach der Schule nach Australien oder Kanada? Hier wurden Pläne geschmiedet. 

„Und schon wieder lag ich auf dem Sterbebett“

Leider wollten der „Geh mir weg mit deinem Spezi“-Franz und seine Kollegen irgendwann nicht mehr. Das Ende der goldene Tölzer Party-Ära hätte aber selbst er nicht aufhalten können. Wer schuld war? Die Smart-Phones? Das G8? Ich weiß es nicht. Ganz genau weiß ich nur, dass ich nun wieder auf dem Sterbebett lag. Ein Wirt versuchte schließlich, den Subraum-Mythos unter dem gleichen Namen fortzuführen. Klappte nicht wirklich. Dann hieß ich kurz „Mäx“ wie der Betreiber der mäßig erfolgreichen Rock-Kneipe. So etwas wie Hoffnung verspürte ich, als ein Gastronom mit langjähriger Erfahrung auftauchte, bunte Teppiche an meine Wände hängte und eine Shisha-Bar eröffnete. Schräge Idee, 15 Meter unter der Erde, aber immerhin: einfallsreich. Leider verkrachte er sich mit seinem Kollegen. Viele Wasserpfeifen rauchten die Freunde des Gastronoms nicht in den zwei Monaten. 

Als sich der letzte Shisha-Rauch aus meinen Areas verzogen hatte, bereitete ich mich endgültig auf das Sterben vor. Ich war sicher: Drei gescheiterte Anläufe in so kurzer Zeit, das wird nichts mehr. Meine Gedanken kreisten manchmal um frisches Bier von 1800, manchmal erschnupperte ich irgendwo zwischen den alten Steinen den Subraum-Zigaretten-Dampf, der, zugegeben, manchmal unerträglich war. Auch am 23. Februar 2018 suhlte ich mich in meinem Selbstmitleid,das mir Geschichten von zerbrochenen Sofas erzählte. Dann sah ich den Typen mit buddhistischen Tätowierungen. Ich mochte ihn sofort.

Von Tobias Gmach, 28, Volontär beim Tölzer Kurier

Der Autor, einst Stammgast im Subraum, hatte in einem journalistischen Seminar keine Lust auf menschliche Helden – so ließ er den Keller seiner Jugend sprechen.

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