Vollversammlung

Als Drag-Queen im Stadtrat: Protest-Aktion von Linken-Politiker Lechner – „Inhalte wichtiger als das Äußere“

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Stadtrat Thomas Lechner hatte sich als Protest für die Vollversammlung als Drag-Queen verkleidet.
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Linken-Stadtrat Thomas Lechner ist am Mittwoch als Drag-Queen verkleidet im Münchner Stadtrat erschienen. „Ich wollte zeigen, dass Inhalte wichtiger sind als das Äußere.“

München - Stadtrat Thomas Lechner (Linke) ist am Mittwoch extra früh aufgestanden - um für etwas einzustehen! Der Politiker hatte sich für die Vollversammlung im Rathaus als Drag-Queen verkleidet. „Das Make-Up hat zwei Stunden gedauert, daher war ich schon seit 6 Uhr auf den Beinen.“ Hintergrund war zum einen der internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT). Zum anderen spielte auch die Debatte um eine Lesung in der Stadtbibliothek eine Rolle. „Ich wollte zeigen, dass Inhalte wichtiger sind als das Äußere“, sagte der 61-jährige Politiker unserer Redaktion.

Als Draq-Queen im Stadtrat: Protest-Aktion richtete sich auch gegen Äußerungen der CSU-Fraktion

Wie berichtet, soll am 13. Juni in der Stadtbibliothek Bogenhausen eine Drag-Queen aus Kinderbüchern vorlesen wird (siehe Kasten). Das hatte unter anderem CSU-Stadtrat Hans Theiss scharf kritisiert. Der solle sich für das schämen, was er angezettelt habe, sagte Lechner in der Sitzung. „Die CSU befördert das Narrativ, dass man Menschen zu Freiwild erklärt“, sagte Lechner unserer Redaktion.. Eine verbale Auseinandersetzung sei in einer Demokratie immer möglich, aber allenthalben sei ein massiver Anstieg von Gewalt gegenüber queeren Menschen zu beobachten.

Er selbst jedenfalls habe am Mittwoch durchweg positive Reaktionen auf seinen Auftritt erhalten. „Ich habe auch erreicht, dass die CSU sehr still war und die Debatte nicht noch mal verschärft hat.“ Den auf der Besuchertribüne anwesenden Schulklassen sei schließlich völlig egal gewesen, dass da ein Mann in Frauenkleidern am Rednerpult spricht. „Die Debatte ist am vollkommen falschen Punkt aufgezogen. Kinder gehen ohne Vorurteile mit diesen Themen um.“

Debatte um Lesung: CSU bleibt von der Polit-Parade beim Christopher-Street-Day ausgeschlossen

Die CSU wollte sich auf Anfrage nicht mehr zu dem Thema äußern. Im Rahmen der Debatte war die Partei von der Polit-Parade beim diesjährigen Christopher Street Day ausgeschlossen worden. Dabei bleibt es auch, ein Krisentreffen am Dienstag verlief ohne Ergebnis.

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Im Bezirksausschuss Bogenhausen derweil ist die CSU zurückgerudert. Ihre Forderung nach der Absage der Lesung mit Drag-Künstlern in der Stadtbibliothek, um die „Frühsexualisierung von Kindern“ zu stoppen, zog sie noch vor der Sitzung des Bezirksausschusses (BA) am Dienstag zurück. Stattdessen stellte Fraktionssprecher Robert Brannekämper einen deutlich entschärften Antrag. Darin wird OB Dieter Reiter (SPD) aufgefordert, dafür zu sorgen, dass die Veranstaltung allen Vorgaben des Jugendschutzgesetzes entspreche und es in Inhalt und Format eine kindgerechte Präsentation gebe. Daher sollten keine Künstler mit sexuell expliziten Pseudonymen vor den Kindern auftreten. Das zielt auf die Ankündigung von Drag-King Eric BigClit (deutsch: „große Klitoris“) ab. Der Antrag fand im Gremium keine Mehrheit.

Lesung in der Stadtbibliothek: Drei Demonstrationen sind angekündigt - unter anderem von der AfD

Kinder könnten schließlich mit dieser Abkürzung eines anatomischen Begriffs kaum etwas anfangen, fand Grünen-Sprecher Samuel Moser. Der Name sei aber offenbar Programm, sonst würde ja nicht damit geworben, widersprach Sabine Geißler (CSU).
Die Stadtbibliothek hatte zwischenzeitlich mitgeteilt, dass am 13. Juni kein Travestieprogramm für Erwachsene oder Sexualkunde für Minderjährige stattfinden werde. Es würden ausschließlich altersgerechte Bücher vorgelesen. Im Vordergrund stünden Themen wie Rollenwechsel und Verkleidung, die Kinder in diesem Alter beschäftigen. „Im Zweifel entscheiden die Eltern“, sagte Marco Poggenpohl (SPD).

Das Thema schlägt aber weiter Wellen: Inzwischen sind drei Demonstrationen vor der Stadtbibliothek am Rosenkavalierplatz angekündigt worden, darunter Proteste von der AfD und Querdenkern. Dadurch könnten Besucher in Bedrängnis geraten könnten, sagte Moser. Aus BA-Reihen ist zu hören, dass es deshalb inzwischen eine Empfehlung der Polizei zur Lesung in eher abseits liegenden Räumen geben soll.

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