Fürstenfeldbruck

„Schlag ins Gesicht“: Pensionierte Lehrerin wird reaktiviert - dann kassiert der Staat bei ihr 10.000 Euro ab

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Weil sie einsprang um Kindern zu helfen, muss Gertraud Schmitt 10 000 Euro zurückzahlen. Dabei hätte ich es sogar auch ehrenamtlich gemacht. Die haben mich ins offene Messer laufen lassen.
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Um dem eklatanten Lehrermangel entgegen zu wirken, werden pensionierte Lehrkräfte zurückgeholt. Eine von ihnen ist Gertraud Schmitt.

Fürstenfeldbruck – Die 69-Jährige wollte helfen, kassierte dafür aber eine ordentliche Klatsche – und musste 10 000 Euro zurückzahlen. Grund ist ein Paragraf im Beamtenversorgungsgesetz.

Der Brief, der Gertraud Schmitts Welt zum Beben brachte, kam im Oktober 2022. Das Landesamt für Finanzen forderte von der pensionierten Lehrerin, die 14 Wochenstunden an ihrer alten Schule arbeitete, eine Rückzahlung von 10 000 Euro. Als Grund wurden „Überzahlung und persönliche Bereicherung“ genannt. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, sagt die 69-Jährige. Denn eigentlich wollte sie nur helfen.

Pensionierte Lehrerin aus Fürstenfeldbruck wird reaktiviert - „Mit Leib und Seele Lehrerin“

30 Jahre lang war Getraud Schmitt Grundschullehrerin, die letzten 20 an der Philipp-Weiß-Schule in Fürstenfeldbruck. „Ich habe immer gerne mit Kindern gearbeitet“, sagt die 69-Jährige. „Und ich bin immer noch mit Leib und Seele Lehrerin.“

Deshalb hat sie auch keinen Moment gezögert, als sie in den Osterferien 2020 – nicht einmal ein Jahr nach ihrer Pensionierung – ein Schreiben des Kultusministeriums erreichte. „Es war ein großes Bittschreiben, dass dringend Lehrer gesucht werden“, erzählt sie. Bereits Pensionierte wurden gefragt, ob sie nicht für ein paar Wochenstunden zurückkommen könnten. Gertraud Schmitt wollte – und konnte auch. „Im September 2020 habe ich mit großer Freude und mit zehn Wochenstunden wieder angefangen.“ Und zwar an ihrer alten Schule, der Philipp-Weiß-Schule. Das sei ihre Bedingung gewesen. Ein paar Monate danach kam der erste Lockdown. „Es ging drunter und drüber“, erinnert sich Gertraud Schmitt.

Um durch die Pandemie benachteiligte Schüler zu fördern, startet das Kultusministerium im Sommer/Herbst 2021 das Programm „gemeinsam.Brücken.bauen.“ erzählt Schmitt. Sie überlegte nicht lange und meldete sich.

Lehrer in Bayern: Personal händeringend gesucht

„Dazu wurde händeringend Personal gesucht“, erzählt sie. Das Kultusministerium schloss einen zweiten Vertrag mit ihr – und los ging es mit vier so genannten Brückenbaustunden. Insgesamt arbeitete Gertraut Schmitt nun also 14 Wochenstunden – und genau das sollte sich als Problem herausstellen.

Denn laut § 83 des Bayerischen Beamtenversorgungsgesetz darf der Hinzuverdienst von pensionierten Beamten einen gewissen Prozentsatz nicht überschreiten, erklärt Anita Müller, stellvertretende Vorsitzende der Kreisgruppe des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Dieser richte sich nach dem vorherigen Netto und dem jetzigen Brutto. Das Problem bei Getraud Schmitt: Mit ihren vier zusätzlichen Brückenbaustunden hat sie die Grenze des möglichen Hinzuverdienstes überschritten.

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Bildungssystem in der Krise: Lehrermangel in Bayern

Aktuell herrscht Lehrermangel in Bayern. Die „Stellenanzeige“ einer Konrektorin aus Bayern begeistert jetzt auf Twitter. „Wir bieten nicht bezahlte Überstunden, keine Teilzeit (...) sowie die Option zum Wiedereinstieg nach Pensionsantritt bei zunehmend schwieriger und coronageschädigter Kundschaft, der Zukunft unseres Landes“, heißt es in dem Text sarkastisch.

Staat kassiert bei Lehrerin aus Fürstenfeldbruck ab - „Die haben mich ins offene Messer laufen lassen“

„Ich bin darüber nicht aufgeklärt worden. Die haben mich ins offene Messer laufen lassen“, sagt Gertraud Schmitt wütend. So habe sie quasi ein Jahr umsonst gearbeitet. „Dabei hätte ich es sogar auch ehrenamtlich gemacht, wenn ich es gewusst hätte.“ Auch Anita Müller sagt: „Frau Schmitt hätte aufgeklärt werden müssen“. Entweder vom Kultusministerium beziehungsweise als direkter Vorgesetzter vom Schulamt oder der Schulleitung.

Auf Nachfrage erklärt das Kultusministerium, dass die Grenze des Hinzuverdienstes zum 15. Oktober aufgeweicht wurde. Die Sonderregelung gilt bis 31. Dezember. „Sie gilt aber nur für Lehrkräfte, die mit Erreichen der Altersgrenze aus dem Schuldienst ausgeschieden, also nicht vorzeitig in Ruhestand gegangen sind“, erklärt Sprecherin Stephanie Neumeier

Wie auch immer, Getraud Schmitt hat ihre Konsequenzen gezogen. Sie hat sofort die 10 000 Euro zurückgezahlt – und ihre Brückbaustunden beendet. Die zehn Wochenstunden macht sie aber weiterhin. „Ich bin ja fest eingeplant im Stundenplan.“

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